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BW droht Homöopathie-Aus: Experte schlägt Alarm – „Degradierung für Praxen“

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Von: Jason Blaschke

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Sollen Ärzte in Baden-Württemberg auch künftig die Zusatzbezeichnung ‚Homöopathie‘ erwerben können? Fest steht, eine Entscheidung dafür hätte Folgen.

Stuttgart - Arnica D12, Nux Vomica oder auch Thuja D12 – die Auswahl an sogenannten Globuli ist in Deutschland gigantisch. Gegen zahlreiche Beschwerden sollen die kleinen, weißen Kügelchen nach Ansicht vieler helfen. Und die Menschen, die all die ‚Homöopathie‘ nutzen, sehen sie als eine gute Ergänzung zur klassischen Schulmedizin an. Auf der anderen Seite gibt es aber auch viele Kritiker, welche in der ‚Homöopathie‘ laut BW24* keinen Nutzen sehen und niemals Geld für solche Präparate ausgeben würden.

In Baden-Württemberg* haben Ärzte die Möglichkeit, die Zusatzbezeichnung ‚Homöopathie‘ zu erwerben. Ist das der Fall, kann der betreffende Arzt die Qualifikation öffentlich angeben – zum Beispiel auf Schildern oder der Homepage. ‚Homöopathie‘ ist also eine Zusatzbezeichnung wie Betriebsmedizin, Diabetologie oder Sozialmedizin auch, mit der sich Ärzte in Baden-Württemberg betiteln können, sofern sie die entsprechende Qualifikation haben. Zumindest ist das aktuell noch so.

BW droht Homöopathie-Aus: Debatte über Zusatzbezeichnung für Ärzte entbrannt

In Zukunft könnte die Zusatzbezeichnung ‚Homöopathie‘ aus der Weiterbildungsordnung für Ärzte gestrichen werden. Die Folge: Mediziner in Baden-Württemberg* könnten die Qualifikation nicht mehr erwerben – lediglich schon erworbene Bezeichnungen im Südwesten würden ihre Gültigkeit behalten. Die Gründe für die Idee der Abschaffung sind vielfältig. Zum einen ist die Wirksamkeit der ‚Homöopathie‘ anhand von Studien nicht eindeutig belegt.

Zahlen die Krankenkassen ‚Homöopathie‘-Leistungen?

Die Verschreibungen homöopathischer Medikamente, wie zum Beispiel Globuli, ist kein Bestandteil der Regelleistung der gesetzlichen Krankenversicherung. Das heißt konkret: Versicherte haben einen gesetzlichen Anspruch auf die Übernahme der Kosten. Die gesetzlichen Krankenkassen können die Kosten aber freiwillig erstatten. Viele Kassen bieten das an, da es für ihre Versicherten ein Benefit ist, welches wiederum für die Krankenkasse spricht. Wenn eine Krankenkasse die Kosten allerdings nicht oder bloß zum Teil übernimmt, müssen Versicherte selbst aufkommen.

Zum anderen gibt es die Zusatzbezeichnung ‚Homöopathie‘ in zwölf der 16 Bundesländer schon gar nicht mehr – eben weil es dazu starke Bedenken mit Blick auf die Wirksamkeit gibt. Für viele Experten ist es deshalb ein logischer Schritt, die Bezeichnung auch für die Ärzte in Baden-Württemberg zu streichen. Der Allgemeinmediziner Jürgen de Laporte aus Esslingen* ist anderer Meinung. Der Experten enthüllt im Gespräch mit der Zeitung Stuttgarter Nachrichten (StN), weshalb die Bezeichnung so wichtig ist.

BW droht Homöopathie-Aus: Experte schlägt Alarm und spricht von „Degradierung“

De Laporte besitzt ein Diplom in ‚Homöopathie‘ und bietet in seiner Esslinger Hausarztpraxis psychosomatische Grundversorgung an. Für ihn gehen Schulmedizin und ‚Homöopathie‘ einher, daher sieht er die Diskussionen um die Abschaffung der Qualifikation in Baden-Württemberg mit Sorge. Die mögliche Abschaffung bezeichnet er im Gespräch mit der Zeitung StN als „eine Degradierung für die Praxen“, die folglich vielen Nachteilen ausgesetzt währen.

Das wäre eine Degradierung für die Praxen

Jürgen de Laporte, Allgemeinmediziner aus Esslingen

Für Praxen würde es schwieriger werden, Nachfolger zu finden. Zudem würden Patienten – welche die ‚Homöopathie‘ schätzen – künftig weniger Angebote in Arztpraxen wahrnehmen und stattdessen auf Heilpraktiker ausweichen. Die Gefahr, die De Laporte in Folge vermutet: Immer mehr Menschen könnten sich komplett von der Schulmedizin anwenden und ihre Gesundheit in die Hände von Heilpraktikern legen. Er sieht im Vorstoß, die ‚Homöopathie‘-Bezeichnung abzuschaffen, mehr Nachteile.

BW droht Homöopathie-Aus: Müssten Ärzte ihre Bezeichnung abgeben?

Zwar könnten die Ärzte auch ohne die Bezeichnung weiter in der ‚Homöopathie‘ tätig sein, die öffentliche Bezeichnung würden sie aber nicht mehr erwerben können. Um sich gegen die Abschaffung der Zusatzbezeichnung zu wehren, setzte De Laporte Berichten der StN zufolge ein Schreiben – adressiert an Hausärzteverband, Landesärztekammer und Kollegen – auf, in dem er die Vorteile der Qualifikation erläutert. „Es muss auch weiterhin Pflicht und Kür geben“ argumentiert der Esslinger Arzt.

Patient im Gespräch mit Arzt
Manche Ärzte bieten parallel zur klassischen Schulmedizin auch homöopathische Therapien an (Symbolbild). © Christin Klose/dpa

Jede Praxis habe ihre Schwerpunkte – und einige Ärzte halten „zusätzliche Methoden der integrativen Medizin“ – wie eben speziell die Homöopathie – für hilfreich. Theoretische Gründe für die Abschaffung sowie die Kritik an der Homöopathie‘ ist aus seiner Sicht nicht ausreichend, um die Zusatzbezeichnung abzuschaffen. Für De Laporte überwiegen die Vorteile, daher plädiert er dafür, diese Zusatzbezeichnung in Baden-Württemberg auch beizubehalten.

BW droht Homöopathie-Aus: Auf Facebook gehen die Meinungen auseinander

In sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter gehen die Meinungen, ob die Bezeichnung in Baden-Württemberg gestrichen werden soll, weit auseinander. Über teure ‚Homöopathie‘ müsse sich keiner beschweren, textet ein Facebook-User. Die Medizin in Deutschland würde sehr gute Therapien anbieten. Eine Haltung, die Befürworter der ‚Homöopathie‘ so nicht stehen lassen können und dagegen argumentieren. Oft sind Wortmeldungen zu lesen, in der Nutzer ihre positiven Erfahrungen teilen.

Ob die Bezeichnung in Baden-Württemberg tatsächlich abgeschafft werden soll oder nicht, wird sich allerfrühestens im November 2022 klären, wenn ein entsprechender Vorschlag zur Abschaffung der Landesärztekammer vorliegt. Und bis es so weit ist, muss in der Kammer darüber diskutiert werden und die Verhältnismäßigkeit der Maßnahme geklärt sein. Und selbst, wenn die Kammer die Entscheidung fällt, muss das Sozialministerium das noch absegnen. *BW24 ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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