Trotz sinkender Corona-Zahlen

Hausärzte-Verband warnt: viele Praxisteams in Baden-Württemberg am Ende ihrer Kräfte

Ein Arzt hört die Atmung einer Patientin mit dem Stethoskop ab
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Ein Arzt hört die Atmung einer Patientin mit dem Stethoskop ab.
  • Jason Blaschke
    VonJason Blaschke
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In Baden-Württemberg ist die Auslastung der Hausarztpraxen nach wie vor groß. Dabei ist nicht nur Corona ein Punkt, der die Ärzte belastet.

Stuttgart – Trotz der sinkenden Corona-Zahlen sind die baden-württembergischen Hausärzte nach Angaben ihres Verbandes weiter an der Grenze ihrer Belastung. Die Auslastung sei nach wie vor sehr groß, teilte der Hausärzteverband Baden-Württemberg dem SWR mit. „Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung liegt die Hauptlast der Corona-Versorgung in den Praxen, die 90 Prozent der Covid-Erkrankten behandelt haben“, sagte Verbandssprecher Felix Bareiß.

Viele Arztpraxen in Baden-Württemberg schwer belastet – Corona immer noch omnipräsent

Zwar erkranken immer weniger Menschen, doch auch die sind oft auf die hausärztliche Versorgung angewiesen. Neben der weiter hohen Zahl von Neuinfektionen nehmen auch die telefonische Beratung und die Tests viel Zeit in Anspruch, wie es weiter hieß. „Die Praxisteams arbeiten am Rande ihrer Belastungsgrenzen und nicht selten auch auf Kosten ihrer Gesundheit“, sagte Bareiß. „Die Praxen sind damit der Schutzwall des deutschen Gesundheitssystems.“

Auch die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW), die für alle niedergelassenen zugelassenen Kassenärzte und Psychotherapeuten zuständig ist, sieht die Masse an Verpflichtungen. Die Arztpraxen berichteten von einem weiter erheblichen Aufwand in der Infektsprechstunde, hinzu komme der größere Hygieneaufwand und der erhöhte Bedarf durch die Behandlung der Geflüchteten aus der Ukraine.

BundeslandBaden-Württemberg
Fläche35.751 km²
Bevölkerung11,07 Millionen (2019)
HauptstadtStuttgart
MinisterpräsidentWinfried Kretschmann

Expertin spricht Klartext: Viele Praxisteams in Baden-Württemberg überfordert

Verschärft werde die Situation in einigen Regionen durch die Osterferien, in denen einige Praxen geschlossen hätten und das Pensum bei den Vertretungen steige. Jedoch lasse sich das nicht pauschal sagen, die Situation variiere je nach Region, erklärt Nicola Buhlinger-Göpfarth – Vorsitzende des baden-württembergischen Hausärzteverbandes – im SWR-Gespräch. Zudem würden die Corona-Infektionen von Mitarbeitern die Praxen zunehmend belasten.

Der Mehraufwand durch die Behandlung von Covid-Patienten und die damit verbundene Bürokratie kommen hier noch dazu. Laut Buhlinger-Göpfarth seien viele Praxisteams am Ende ihrer Kräfte. Die Versorgung der Patienten in der Pandemie sei aber nach wie vor sichergestellt. Von der Politik sind viele Ärzte und Praxismitarbeiter enttäuscht. Viele fühlen sich alleingelassen und in ihrer Arbeit nicht ausreichend für ihre Arbeit honoriert.

Facebook-User erkennen noch ein anderes Problem – „es ist nicht nur Corona“

„Balkonapplaus ist leider keine gültige Währung. Viele Praxisteams sind enttäuscht von der Politik und den Kassen“, so Bareiß. Eine Aussage, der viele Nutzer auf Facebook zustimmen. Zugleich benennen einige User noch ein weiteres Problem, dass an der Stelle auch beachtet werden muss. „Es gibt immer weniger Praxen, auf dem Land zum Teil gar keine mehr. Bei uns im Ort hören drei Ärzte altersbedingt auf – keine Nachfolger“, schreibt ein Nutzer.

Ein anderer Nutzer stimmt zu und schreibt, dass das Problem nicht nur Corona sei. „Immer mehr Praxen schließen, immer mehr Personal in Krankenhäusern wird abgebaut.“ Ergänzend dazu schreibt eine Facebook-Nutzerin, dass die Praxen auch ohne Covid schon an der Belastungsgrenze seien. Eine andere Userin ergänzt passend dazu: „Es müsste einiges verändert werden, damit das Gesundheitssystem richtig läuft.“

Maskenpflicht-Aus für Verbände nicht nachvollziehbar – KVBW mit klarer Ansage

Unabhängig der Ursachen der Probleme empfinden es die Verbände als einen Schlag ins Gesicht, dass die Maskenpflicht in Baden-Württemberg stark gelockert wurde, wie HEIDELBERG24 berichtet. Es sei nachgewiesen, dass Masken mit zu den wirksamsten Instrumenten beim Schutz vor vielen Krankheitserregern gehören, sagt Bareiß dazu im SWR. Die KVBW formuliert es sogar noch deutlicher:

„Wir würden es auch begrüßen, wenn die Maskenpflicht in Innenräumen beibehalten werden würde“, sagte Johannes Fechner, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende. Die Arztverbände sind übrigens nicht die einzigen, die für ihre Branche Alarm schlagen. Im Gespräch mit BW24 erklärte ein Sprecher der DEHOGA, dass auch die Gastronomie in Baden-Württemberg vor gewaltigen Herausforderungen steht. Gestiegene Energie- und Lebensmittelpreise treffen die Branche besonders heftig.

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