Preisexplosion

Erzeugerpreise für Agrarprodukte auf Rekordniveau – Experten mit düsterer Prognose

  • Jason Blaschke
    VonJason Blaschke
    schließen

Agrarprodukte sind erheblich teurer geworden. Das Statistische Bundesamt meldet Teuerungsraten von über 70 Prozent. Hoffnung auf Besserung gibt es keine.

Stuttgart – Die wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Kriegs sind in Deutschland branchenübergreifend spürbar. Viele Alltags-Produkte, aber verstärkt auch Dienstleistungen, kosten mittlerweile deutlich mehr, als noch 2021. Das geht aus neuen Daten hervor, die das Statistische Bundesamt am 13. Mai veröffentlichte. Sehr auffällig sind die Teuerungen im Bereich Agrarprodukte, speziell mit Blick auf die Getreidepreise, die seit Wochen nur noch die Richtung nach oben kennen.

Getreideprodukte immer teurer – Agrarexpertin geht von weiteren Preissteigerungen aus

Das Statistische Bundesamt teilte mit, dass allein der Weizen im März 2022 rund 65 Prozent teurer war, als im Monat davor. Wie stark die Teuerungsraten die Produzenten in Deutschland belasten, führte Anne-Kristin Barth vom Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft (VGMS) erst vor wenigen Tagen im Gespräch mit BW24 aus. „Eine Tonne Weizen kostete an der Börse in Paris letztes Jahr noch 195 Euro. Aktuell sind die Preise mit mehr als 400 Euro pro Tonne um ein Vielfaches teurer.“

Die Agrarexpertin geht davon aus, dass speziell Lebensmittel aus Hartweizengrieß oder Hafer für die Verbraucher bald noch teurer werden könnten, denn gerade mit Blick auf diese Getreidearten ist Deutschland stark von Importen abhängig. Schlechte Ernten in Kanada würden hier eine wichtige Rolle spielen, sagte Barth im Gespräch mit BW24 zur Preisentwicklung der Grundnahrungsmittel, die in Deutschland immer teurer und zum Teil auch knapper werden.

Die Grafik zeigt, dass Deutschland insbesondere bei Weizen und Körnermais auf Importe angewiesen ist, da diese Getreidesorten mit der inländischen Produktion nicht gedeckt werden können.

Erzeugerpreise ziehen massiv an – neue Statistik zeigt Auswirkung des Ukraine-Kriegs

Hinzu kommen enorm gestiegene Ausgaben für Dinge wie Futter oder Düngemittel, sagte Eckhard Heuser vom Milchindustrie-Verband (MIV) vor wenigen Wochen im Gespräch mit BW24, als die Preise für Milch- und Milchprodukte extrem angezogen hatten. Sowohl Barth als auch Heuser gehen davon aus, dass in Zukunft weitere Teuerungswellen auf die Verbraucher zukommen. „Die sind mit Blick auf die Kostensituation und die Steigerungen in allen relevanten Bereichen wahrscheinlich“, sagte Barth.

Wie stark die drohenden Preisexplosionen im Bereich Lebensmittel ausfallen, können die Experten derzeit noch nicht sagen. Fakt sei aber, dass die Verbraucher aktuell erst ein Teil der Preiserhöhungen erreicht habe, meint Heuser. Ein Anhaltspunkt für aktuelle Zahlen ist der Erzeugerpreise, also der Preis, für den Produzenten ihre benötigen Produkte einkaufen. Eine neue Grafik des Statistischen Bundesamts zeigt, dass dieser seit Jahresbeginn rasant angestiegen ist.

Die Grafik zeigt, wie sich die Erzeugerpreise im Zeitraum 2018 bis 2022 entwickelt haben. Auffällig ist die steile Kurve, die der Krieg in der Ukraine verursacht.

„Teuerung auf allen Ebenen“ – Expertin überrascht Erzeugerpreis-Explosion nicht

Dass ausgerechnet das Getreide von immer teureren Erzeugerpreisen betroffen ist, sei die logische Folge von insgesamt sehr stark gestiegenen Ausgaben für Getreideprodukte, sagte Ariane Amstutz vom Landesbauernverband Baden-Württemberg im Gespräch mit BW24 zur neuesten Analyse des Statistischen Bundesamts. „Auch die Getreidepreise werden an der Börse gehandelt.“ Und hier treffe eine große Nachfrage aktuell auf ein knappes Angebot.

Amstutz zu BW24: „Russland und die Ukraine fallen als Produzenten weg.“ Auch würden andere Faktoren wie der Exportstopp von Palmöl in Indonesien, die Missernten in Kanada oder die Preise für Energie, Dünger oder Sprit zur Verteuerung beitragen. Amstutz spricht von einer „Teuerung auf allen Ebenen“. Mit großer Sorge betrachtet der Landesbauernverband in Baden-Württemberg (LBV) die Preisentwicklung bei Düngemitteln.

Facebook-Userin findet Preissprünge „ungeheuerlich“ und fordert Unterstützung durch die Politik

„Wir müssen jetzt entsprechende Maßnahmen einleiten, damit die Versorgung mit ausreichend Dünger gesichert ist“, fordert LBV-Präsident Joachim Rukwied. Man erwarte von Brüssel und Berlin nun konkrete Vorschläge zur Reduktion der Versorgungsengpässe, damit die Versorgungssicherheit in Deutschland gewährleistet werden könne. „Dabei ist es enorm wichtig, dass die Landwirte nicht vergessen werden“, sagt Amstutz im Gespräch mit BW24 noch.

Die Düngemittel werden primär 2023 benötigt, wenn auf den Feldern wieder ausgesät wird. Auf Facebook wird vor allem kritisiert, dass vonseiten der Politik zu wenig gegen die massiven Verteuerungen unternommen wird. Eine verärgerte Userin schreibt dazu: „Es ist ungeheuerlich, dass die Lebensmittelpreise steigen und unsere Politiker nichts dagegen unternehmen.“ Sie fordert, dass sämtliche Grundnahrungsmittel für alle zu kleinen Preisen zur Verfügung stehen sollten.

Teuerungswellen belasten Verbraucher – mit einfachen Tricks kann man sparen

Ein anderer Nutzer stimmt zu und ergänzt, dass speziell Rentner und Geringverdiener, die sowieso fast kein Geld hätten, sich die Preise bald nicht mehr leisten können. „Was man für 50 Euro die Woche im Supermarkt bekommt, ist nicht mehr viel“, meint er. Viel Einfluss auf die Preise haben die Verbraucher in Deutschland nicht, doch mit ein paar einfachen Spartipps im Supermarkt kann man sich zumindest etwas behelfen.

Erst vor wenigen Tagen zeigte ein Produktvergleich auf, wie Kunden im Supermarkt fast 50 Prozent sparen können, ohne groß auf ein Produkt verzichten zu müssen. Auch kann es helfen, die Grundpreise von Marken- und Eigenmarken-Produkten zu vergleichen, denn nicht immer ist das billigste Produkt auch tatsächlich das günstigste. Verbraucher sollten aktuell auch beim Bier besonders hinschauen, denn Berichten von RUHR24 zufolge sprengt der Bierpreis gerade alle Dimensionen, egal ob im Supermarkt oder Discounter.

Rubriklistenbild: © Arno Burgi (dpa-Zentralbild)

Kommentare