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„Dry January“: Vier Wochen ohne Alkohol sind keine Leistung - sondern lächerlich

Alkoholkonsum
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Der „Dry January“ fordert zu vier Wochen ohne Alkohol auf. Für viele ist das eine Leistung - das ist nicht nur lächerlich, sondern bedenklich.
  • Valentin Betz
    VonValentin Betz
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Viele Menschen verzichten im „Dry January“ einen Monat auf Alkohol. Das ist aber keine Leistung - sondern zeigt nur, wie krank unser Verhältnis zu Bier und Co. ist.

Stuttgart - Es ist das altbekannte Lied: Das neue Jahr startet mit allerhand guten Vorsätzen im Gepäck. Dabei dürften sich nicht nur die Listen der Menschen in Baden-Württemberg, sondern in ganz Deutschland ziemlich ähneln. Oft stehen Gesundheitsthemen im Mittelpunkt. Seit einiger Zeit zelebrieren die Menschen hierzulande beispielsweise den „Dry January“. Sie nutzen den ersten Monat des Jahres, um komplett auf Alkohol zu verzichten.

Seinen Ursprung hatte die Aktion wohl in Großbritannien, aber auch die Schweiz und Frankreich begehen diesen Jahresstart des Verzichts. In Zeiten der sozialen Medien lässt sich der „Dry January“ gut mit anderen teilen; viele Reportagen sind dem Thema gewidmet. Der Tenor: Schaut hin, was ich mit meinem Verzicht für eine enorme Leistung erbringe. Das ist nicht nur lächerlich, sondern sogar gefährlich - und zeigt, welchen absurden Stellenwert Alkohol inzwischen in unserer Gesellschaft genießt.

„Dry January“: Die Aktion ist gut gemeint, hat aber einen fatalen Beigeschmack

Im Grunde genommen ist es etwas Gutes, einen Monat lang auf Alkohol zu verzichten. Das erklärt beispielsweise auch Doktor Johannes Wimmer in einem Video der Techniker Krankenkasse. Die Pandemie hat die Lage allerdings noch einmal verschlechtert. Durch Corona stieg der Medien- und Alkoholkonsum drastisch. Das Problem mit dem „Dry January“ liegt aber auf der zweiten Ebene. Menschen, die einen Monat auf Alkohol verzichten, stellen diese Aktion als Herausforderung dar. Dabei gerät völlig in den Hintergrund, dass es das überhaupt nicht sein sollte. Wie groß ist das Alkoholproblem einer Gesellschaft, wenn vier Wochen Verzicht bereits als enorme Leistung gelten?

Vielmehr zeigt der „Dry January“, wie absurd die Akzeptanz eines Suchtmittels hierzulande bereits ist. Nicht umsonst muss ich mich regelmäßig dafür rechtfertigen, generell keinen Alkohol zu trinken. Es sollte die Norm im Leben eines jeden sein, immer wieder vier Wochen im Jahr ohne Alkohol zu erleben. Es ist ein Trauerspiel, dass dafür ein ganzer Monat notwendig ist.

Der Nutzen des „Dry January“ ist überschaubar, wenn er nicht als Initialzündung dient

Von der zweiten Ebene und der fragwürdigen Botschaft einmal abgesehen, halte ich auch den Nutzen des „Dry January“ für überschaubar. Kein Mensch muss wirklich komplett auf Alkohol verzichten. Im Idealfall sorgt dieser Themenmonat also dafür, seinen Konsum zu überdenken und anders zu gestalten. Aber bei wie vielen Menschen passiert das wirklich? Die Zahl derer, die den überstandenen „Dry January“ erstmal mit einem ordentlichen Saufgelage feiern, dürfte höher sein.

Doch genau darum geht es ja. Die Wirkung des „Dry January“ verpufft komplett, wenn der Alkoholkonsum danach wieder zum selben besorgniserregenden Maß zurückkehrt, wie zuvor. Zudem wirft es kein sonderlich gutes Licht auf die Menschheit, wenn zur Lebensumstellung immer ein bestimmter Monat notwendig ist. Veränderungen können sofort stattfinden, heute, im Hier und Jetzt. Es ist viel mehr gewonnen, wenn ich mich heute dazu entscheide, nur noch einmal wöchentlich ein Glas Wein zu trinken, anstatt einen Monat ganz auf Alkohol zu verzichten.

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