Girocard immer beliebter

Corona-Pandemie hat das Bargeldsterben um rund fünf Jahre beschleunigt

Veränderung im Einkaufsverhalten der Verbraucherinnen und Verbraucher
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Durch die Corona-Pandemie zahlen mehr Leute mit Karte. Die Girocard hat das Bargeld in Sachen Umsatz bereits überholt.
  • Franziska Vystrcil
    VonFranziska Vystrcil
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Beim Einkaufen wird immer häufiger die Karte anstatt des Bargelds gezückt. Das ergab eine Studie des EHI Retail Institute. BW24 hat mit dem Leiter der Studie über den Trend gesprochen.

Stuttgart/Köln - Schneller, problemloser und sicherer: Immer mehr Verbraucher ziehen Kartenzahlungen dem Bargeld vor. Laut einer aktuellen Erhebung des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI haben sich die Verhältnisse im deutschen Handel im vergangenen Jahr erneut merklich verschoben.

Zum ersten Mal steht die Girocard für mehr Umsatz als die Barzahlung. Ein Trend, der auch vielen Banken in Baden-Württemberg nicht verborgen geblieben ist. Immer mehr Geldautomaten werden abgebaut. Die Entwicklung hat durch das Coronavirus noch mehr an Fahrt gewonnen, sagt Horst Rüter, Leiter der EHI-Studie, gegenüber BW24.

Studie zum Zahlungsverhalten zeigt: mehr Handelsumsatz mit Girocard als mit Bargeld

Der Bargeldlos-Trend ist schon länger absehbar. Der Umsatzanteil der Kartenzahlung im stationären Handel lag 2019 bei 50,5 Prozent. Aktuell beträgt er 58,8 Prozent. Allein 42,4 Prozent des Einzelhandelsumsatzes und damit 2,3 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr konnte die Girocard auf sich vereinen. Laut der EHI-Studie „Zahlungssysteme im Einzelhandel“ zahlten nur noch 38,5 Prozent mit Bargeld. Das ist ein Rückgang von 2,4 Prozentpunkten im Vergleich zu 2020. Somit steht die Girocard nun für mehr Handelsumsatz als die Barzahlung.

Und noch etwas wurde von den Verbrauchern seit Beginn der Corona-Pandemie beibehalten. „Es konnte festgestellt werden, dass die durchschnittlichen Einkaufsbeträge seit Beginn der Pandemie über alle Branchen, vor allem auch im umsatzstarken Lebensmittelhandel und in den Drogeriemärkten kräftig angestiegen sind“, erklärt Horst Rüter. Der Durchschnitts-Einkaufsbon sei in den ersten zwei Pandemie-Jahren von 21,28 auf 25,90 Euro gestiegen. Die Kunden seien außerdem seltener in Geschäften einkaufen gegangen, hätten dann aber deutlich mehr in den Einkaufskorb gepackt, so der Studienautor weiter.

„Hinzu kommt, dass technische Weiterentwicklungen wie vor allem das kontaktlose Bezahlen - der Anteil an den Kartenzahlungen ist mittlerweile bei 70 bis 80 Prozent - und zunehmend auch das mobile Bezahlen sich großer Beliebtheit erfreuen“, ergänzt Horst Rüter. „Auch viele ehemalige Barzahler haben nun Spaß daran, schnell und einfach mit der Karte zu bezahlen.“

Studienautor Horst Rüter sicher: Bargeld wird durch wachsenden E-Commerce weiter an Bedeutung verlieren

Der Trend weg vom Bargeld und hin zur Kartenzahlung werde sich weiter fortsetzen, wenn auch deutlich langsamer als während der Pandemie, meint Horst Rüter. Besonders erstaunlich: Die Pandemie habe die Entwicklung „um rund fünf Jahre beschleunigt.“

Bargeld hat erst dann ausgedient, wenn es die Kunden nicht mehr beim Bezahlen einsetzen möchten.

Horst Rüter, Mitglied der Geschäftsleitung des EHI

Zahlungen per Pay-App, etwa via Smartphone, wurden seit Beginn der Pandemie ebenfalls immer beliebter. „Wir schätzen den Anteil zurzeit auf 3 Prozent, maximal 5 Prozent, aber mit deutlichem Wachstum. Mobiles Bezahlen ist populär und wird durch Weiterentwicklungen, wie dem Bezahlen an der Zapfsäule oder an E-Ladesäulen, immer interessanter.“ Das EHI-Institut hat vor gut vier Jahren die „EHI Mobile Payment Initiative“ ins Leben gerufen, um die Handelsunternehmen auf diesem Weg zu begleiten und bei der Etablierung der Zahlungsmethode zu helfen. Unternehmen wie die Schwarz-Gruppe haben bereits mobile Zahlsysteme eingeführt. Beim Discounter Lidl können Kunden mit der „Lidl Pay App“ ihren Einkauf zahlen.

Verschwinden Scheine und Münzen also schon bald gänzlich? Nein, meint Horst Rüter. „Bargeld hat erst dann ausgedient, wenn es die Kunden nicht mehr beim Bezahlen einsetzen möchten. Zwar haben wir nur noch 38,5 Prozent der stationären Einzelhandelsumsätze, die bar erzielt werden, aber immerhin noch gut 60 Prozent der Transaktionen“, erklärt er. „Momentan ist also Bargeld durchaus noch beliebt, wird aber auch durch den stark steigenden E-Commerce weiter an Bedeutung verlieren.“ Denn auch hier gab es einen deutlichen Zuwachs. Nach Berechnungen des EHI stieg der Online-Umsatz in den vergangenen zwei Jahren von rund 60 auf mindestens 100 Milliarden Euro. 

Das Fazit: „Ein Szenario einer weitgehend bargeldlosen Gesellschaft, wie wir es beispielsweise in Schweden sehen, ist hier in nächster Zukunft aber nicht zu erwarten“, lautet die Einschätzung von Horst Rüter.
 

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