Andere Messmethode

Zigaretten viel ungesünder, als angenommen: Forscher entdecken Schlupfloch in EU-Vorschriften

Eine Frau raucht eine Zigarette, ihr Gesicht verschwindet hinter Rauchschwaden (Symbolbild).
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Zigarettenrauch enthält viel mehr Schadstoffe, als bislang angenommen. Eine neue Messmethode offenbart deutlich erhöhte Mengen von Teer, Nikotin und Kohlenmonoxid.
  • Valentin Betz
    VonValentin Betz
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Es ist kein Geheimnis, dass Zigaretten schädlich sind. Laut Forschern aus den Niederlanden sind sie sogar noch ungesünder, als bisher angenommen.

Niederlande/Stuttgart - Rauchen war lange Zeit omnipräsent in der Gesellschaft, egal ob in Baden-Württemberg oder anderswo in Deutschland. Inzwischen hat sich das Bild aber grundlegend gewandelt, der Schaden von Zigaretten für die Gesundheit ist hinlänglich bekannt. Deshalb verbannte Lidl im Ausland sogar Zigaretten und Tabakwaren aus einigen Filialen.

Allerdings sind Zigaretten wohl noch viel ungesünder, als bisher angenommen. Forscher des niederländischen National Institute for Public Health and the Environment (RIVM) haben das jetzt in einer Studie herausgefunden. Dazu änderten sie die Messmethode, mit der die Europäische Union üblicherweise die Mengen an Teer, Nikotin und Kohlenmonoxid im Zigarettenrauch bestimmt.

Schadstoffe in Zigaretten: Schlupfloch in EU-Messmethode verfälscht Werte

Wie HNA* berichtet, entdeckten die Forscher ein Schlupfloch in den EU-Vorschriften. Denn in der Europäischen Union werden die Schadstoffe im Zigarettenrauch nach ISO-Methode geprüft, also der Internationalen Organisation für Normung. Das klingt zunächst unproblematisch, hat aber einen Nachteil: Zigarettenfilter haben winzige Löcher, die Belüftung und somit die Mischung des Rauchs mit Luft ermöglichen. Die ISO-Methode berücksichtigt das und belässt die Löcher bei der Messung von Teer, Nikotin und Kohlenmonoxid offen.

Die Realität von Rauchern sieht aber anders aus. Um die Zigarette zu halten, wird der Filter zusammengedrückt - die Belüftungslöcher sind geschlossen. Die Forscher aus den Niederlanden wandten deshalb die sogenannte Canadian Intense-Methode (CI-Methode) an. Dabei werden die Löcher in den Filtern verschlossen und dann die Menge an Teer, Nikotin und Kohlenmonoxid gemessen - mit erschreckenden Ergebnissen.

Ungesunde Zigaretten: Schadstoffwerte im Rauch deutlich höher, als angenommen

Das RIVM bestimmte die Menge an Teer, Nikotin und Kohlenmonoxid in Zigaretten von 100 Marken und verglich sie mit den Werten, die von Herstellern und Importeuren nach ISO-Norm angegeben wurden. Das Ergebnis: Die Menge an Teer im Zigarettenrauch ist gemessen mit der CI-Methode 2 bis 26 Mal so hoch, als mit der ISO-Methode. Auch die Nikotinmenge ist 2 bis 17 Mal höher, der Kohlenmonoxidwert überschreitet den durch die ISO-Methode gemessenen um das 2- bis 20-fache.

Die größten Unterschiede erhielten die Forscher aus den Niederlanden ausgerechnet bei den Zigarettenmarken, die relativ niedrige Schadstoffwerte nach ISO-Methode angaben. Keine einzige Zigarettenmarke beinhaltete gemessen mit der CI-Methode weniger Teer, Nikotin oder Kohlenmonoxid. Mit Ausnahme von einer überschritten alle Zigarettenmarke die gesetzlich erlaubten Schadstoffmengen.

Die Forscher schlussfolgern deshalb, dass die ISO-Methode die Menge an Schadstoffen unterschätzt, die Raucher inhalieren. Inwiefern die Zigarettenhersteller um dieses Schlupfloch wissen, ist nicht bekannt. Das RIVM hat allerdings Bedenken. „Der für die Messmethode zuständige Ausschuss wird maßgeblich von der Tabakindustrie beeinflusst“, schreiben die Forscher. Sie fordern deshalb eine unabhängige Messmethode für die Schadstoffe im Zigarettenrauch. Zigaretten sind nicht nur für die menschliche Gesundheit ein Problem. Sie schaden auch der Umwelt. Nicht nur in Stuttgart wird deshalb mit „inkompetenten Rauchern“ abgerechnet. *HNA ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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