Damals noch Fraktionsvorsitzender

10 Jahre altes Video zeigt, was Kretschmann wirklich über Stuttgart 21 denkt

Winfried Kretschmann steht auf der Bühne der Montagsdemo gegen Stuttgart 21 und hält eine Rede
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Winfried Kretschmann und Stuttgart 21: Vor zehn Jahren hatte Baden-Württembergs Ministerpräsident nicht nur dunklere Haare, sondern auch eine andere Meinung zum Megaprojekt.
  • Valentin Betz
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Der Protest gegen Stuttgart 21 dauert schon lange an. Selbst Winfried Kretschmann stand einst auf der Bühne der Montagsdemo - und äußerte sich sehr kritisch zum Projekt

  • In einem 10 Jahre alten Video äußert sich Winfried Kretschmann kritisch zu Stuttgart 21.
  • Neben den Kosten geht er auch auf den mangelhaften demokratischen Entscheidungsprozess ein.
  • Kurze Zeit später ist er Ministerpräsident von Baden-Württemberg und steht dem Megaprojekt deutlich milder gegenüber.

Stuttgart - Im Februar 2010 begannen die Arbeiten an Stuttgart 21. Zeitgleich starteten auch die Demonstrationen, bei denen sich montags und freitags meist über 10.000 Menschen versammelten. Die Proteste gegen Stuttgart 21 sind seitdem nie völlig abgeebbt. Die Gegner kritisieren vor allem die mangelnde Bürgerbeteiligung und demokratische Legitimation des Projekts. Aber auch die immer weiter explodierenden Kosten für Stuttgart 21 sind ein großer Kritikpunkt.

Die Deutsche Bahn hatte wegen Stuttgart 21 bereits seine Projektpartner verklagt. Sie verlangte unter anderem von der Stadt Stuttgart und dem Land Baden-Württemberg, dass sie sich an den Mehrkosten beteiligen. Obwohl die Klage bereits 2016 eingereicht wurde, wird das Verfahren nicht vor 2021 beginnen. Zuletzt gab es sogar Pläne für einen neuen Tunnel, der Stuttgart 21 wieder teurer machen würde. Die Kosten für diesen Gäubahn-Tunnel würde zwar der Bund übernehmen.

Winfried Kretschmann gab Gegnern von Stuttgart 21 aber dennoch Recht, wenn sie solche Entscheidungen kritisierten. Viele waren von dieser Aussage überrascht. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann äußerte sich zwar nicht immer positiv über Stuttgart 21, tut aber alles, damit das Projekt abgeschlossen werden kann.

Ein Artikel der Wochenzeitung Kontext zeigt allerdings, dass Winfried Kretschmann früher sehr kritisch über Stuttgart 21 dachte. Vor zehn Jahren stand Baden-Württembergs Ministerpräsident noch als Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag auf der Bühne der Montagsdemo gegen Stuttgart 21. Seine Rede kann man sich noch heute auf YouTube anschauen - mit überraschenden Erkenntnissen.

Winfried Kretschmann spricht auf Demo gegen Stuttgart 21 von „Arroganz der Macht“ und „Polemik“

Seine Rede vor den Demonstranten gegen Stuttgart 21 hielt Winfried Kretschmann im August 2010, die Bauarbeiten hatten damals also bereits begonnen. Darin wendet er sich mit deutlichen Worten an die Verantwortlichen von Stuttgart 21. Er betont zwar auch, dass das Megaprojekt durch demokratische Mehrheiten im Gemeinderat und Landtag beschlossen worden sei. Gleichzeitig bezichtigt er die Entscheider aber, nicht genug Ehrlichkeit an den Tag zu legen: „Zu solch einem Verfahren gehören Wahrheit, Klarheit und Offenheit. Zu solch einem Verfahren gehört die Abwägung von Sachargumenten und nicht einfach nur Polemik“, so Winfried Kretschmann laut Kontext.

In Baden-Württemberg regierte 2010 noch eine Koalition aus CDU und FDP unter dem CDU-Ministerpräsidenten Stefan Mappus. Winfried Kretschmann teilt in seiner Rede auf der Stuttgart 21-Demo ordentlich in Richtung der machthabenden Parteien aus: „Es wird also getrickst und getäuscht um Stuttgart 21 herum. Die Alternativen und die Kosten, alles wird übergangen, was wir an Gegenvorschlägen und Gegenrechnungen vorlegen, es wird nur diffamiert, und das nenne ich Arroganz der Macht.“

In Bezug auf Alternativen zu den Plänen für Stuttgart 21 zeigte sich Winfried Kretschmann vor zehn Jahren noch deutlich gesprächsbereiter, als er es in der Gegenwart ist. „Es geht immer mehr das fürchterliche Wort von ‚das ist alternativlos‘ rum, ich finde das ganz furchtbar in einer Demokratie. Denn es ist der Charme einer Demokratie, dass sie in Alternativen denkt“, so Winfried Kretschmann. Auch aktuell werden in Stuttgart wieder Alternativen diskutiert. Für Stuttgart 21 soll die Gäubahnstrecke vorerst gekappt werden. Kritiker fürchten, dass dadurch Chaos im Nahverkehr entsteht. Sogar unter den Grünen regt sich deshalb Widerstand gegen das Stuttgart 21-Chaos.

Winfried Kretschmann wird Ministerpräsident - und sein Standpunkt zu Stuttgart 21 ändert sich

Besonders schlecht war Winfried Kretschmann in dem Video von 2010 auf seinen Ministerpräsidenten-Vorgänger Stefan Mappus zu sprechen. An ihn gewandt sagte er pathetisch: „Man kann mit Baggern Gebäude abreißen, und man kann mit Kettensägen Bäume wegschaffen, aber keinen demokratischen Protest.“

Im März 2011 wurde Winfried Kretschmann erster Grüner Ministerpräsident eines deutschen Bundeslandes - auch, weil viele Wähler der Grünen gegen Stuttgart 21 waren. Bereits im Juni 2011 äußert sich Winfried Kretschmann bei einer Veranstaltung anders zu Stuttgart 21, als er es noch 2010 als Fraktionsvorsitzender getan hatte. Damals war ihm bei der Entscheidung für Stuttgart 21 noch „Wahrheit“ so wichtig gewesen. 2011 müsse man anerkennen, so Kretschmann laut Kontext, „dass es nicht einfach Wahrheit und Lüge gibt. Jede Seite hat gute Argumente“. Und dass es in einer Demokratie ohnehin nicht um Wahrheit, sondern um Mehrheit gehe.

Auf die Landtagswahl folgte eine Volksabstimmung im November 2011, bei der jedoch die Mehrheit im Land Baden-Württemberg den Ausstieg aus Stuttgart 21 ablehnte.

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