Links-Rebell und Maoist

Vom Verfassungsfeind zum Ministerpräsidenten: So verlief die politische Karriere von Winfried Kretschmann

Winfried Kretschmann
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Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen).
  • Nadja Pohr
    VonNadja Pohr
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Der Radikalenerlass von 1972 erschwerte die Karriere von Winfried Kretschmann. Der heutige Ministerpräsident von Baden-Württemberg galt damals sogar als Verfassungsfeind.

Stuttgart - 50 Jahre nach Inkrafttreten des Radikalenerlasses von 1972 hat der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann (Grüne), in einem Interview mit der ARD erstmals über eine Entschuldigung bei den Betroffenen nachgedacht. Auch er selbst war damals von diesem Erlass betroffen und entwickelte sich vom Verfassungsfeind zum Ministerpräsidenten.

Der Radikalenerlass diente dazu, echte oder vermeintliche Verfassungsfeinde aus dem öffentlichen Dienst fernzuhalten. In dessen Folge kam es in diesem Bereich zu zahlreichen Bewerbungsablehnungen und 265 Entlassungen. Von diesem Beschluss waren besonders Lehrerinnen und Lehrer betroffen.

Der heutige Ministerpräsident Winfried Kretschmann war zu dieser Zeit ebenfalls angehender Lehrer. Er studierte an der Universität Hohenheim und war Vorsitzender des Allgemeinen Studentenausschusses (ASTA). Besonders seine Tätigkeit als Vorsitzender und seine politische Einstellung sorgten dafür, dass sein Name auf der schwarzen Liste des Verfassungsschutzes stand.

Winfried Kretschmann: Vom Verfassungsfeind zum Ministerpräsidenten

Kretschmann war damals ein Links-Rebell und Maoist. Er gehörte dem Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) an und galt daher als Verfassungsfeind. Die KBW-Gruppe war so umstritten, weil sie begeistert vom revolutionären China unter Mao Tse-tung war. Aufgrund der Zweifel an seiner Verfassungstreue durfte Winfried Kretschmann zunächst nicht an einer staatlichen Schule unterrichten und lehrte deshalb zunächst an einer privaten Kosmetikschule.

Schließlich wurde er ein Jahr später vom Land Baden-Württemberg zum Beamten auf Lebenszeit ernannt - auch, weil er prominente Unterstützer wie Georg Turner, damaliger Präsident der Universität Hohenheim, hatte. Das Leben des Ministerpräsidenten ist heute deutlich ruhiger. Kretschmann mag es bescheiden und verzichtet sogar auf seine luxuriöse Dienstvilla in Stuttgart.

Winfried Kretschmann schließt Entschuldigung nicht mehr aus

Der Beschluss hätte auch Winfried Kretschmanns Karriere verhindern und seine berufliche Laufbahn einschränken können. „Ich habe damals mit guten Fürsprechern einfach Glück gehabt“, sagt Kretschmann. Im Interview spricht er zum ersten Mal öffentlich das Unrecht an, das der Staat vielen Menschen damals angetan habe und schließt auch eine Entschuldigung nicht mehr aus.

Dennoch möchte er zunächst eine Studie der Universität Heidelberg abwarten, in der es um die Auswirkungen des Radikalenerlasses geht. „Letztlich muss man immer den Einzelfall überprüfen. Prüfen, ob jemand Unrecht geschehen ist oder nicht. Und man muss sich dann bei den Leuten konkret entschuldigen“, meint der Ministerpräsident.

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