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Winfried Kretschmann (Grüne): Leben, Karriere und Frau des Ministerpräsidenten

  • Lisa Schönhaar
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Winfried Kretschmann ist Politiker, Ehemann, Vater und Großvater: Alles über das Leben, die Karriere und die Familie des beliebten Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg.

  • Winfried Kretschmann ist der Sohn eines katholischen Pfarrers und war Gymnasiallehrer, bevor er hauptberuflich Politiker bei den Grünen und Ministerpräsident von Baden-Württemberg wurde.
  • Seine Frau Gerlinde Kretschmann ist ebenfalls Mitglied der Grünen und saß für ihre Partei zuerst im Gemeinderat und später auch im Kreistag von Sigmaringen.
  • Winfried Kretschmann ist Gründungsmitglied der Grünen in Baden-Württemberg und übernahm im Laufe seiner Karriere verschiedene politische Ämter. Seit 2011 war er ununterbrochen Ministerpräsident, bevor er seine erneute Kandidatur für 2021 verkündete.

Stuttgart - Der deutsche Politiker Winfried Kretschmann kam im Jahr 1948 in Spaichingen bei Tuttlingen zur Welt. Seine katholische Familie war kurz zuvor aus dem protestantischen Ostpreußen (heutiges Polen) vertrieben worden. Nach dem Willen seines Vaters, ein liberal-katholisch geprägter Volksschullehrer, hätte der heutige Ministerpräsident von Baden-Württemberg katholischer Priester werden sollen. Doch Winfried Kretschmann entschied sich während seiner Zeit als Schüler in einem katholischen Internat anders, denn er konnte sich mit den Beschränkungen durch die strenge Kirche nicht abfinden.

So trat der heutige Politiker lieber in die Fußstapfen seines Vaters und wurde ebenfalls Lehrer. Winfried Kretschmann verlor seinen Vater schon mit 21 Jahren, der 1969 bei einem Autounfall ums Leben kam. Dennoch blickt der Ministerpräsident von Baden-Württemberg auf eine glückliche Kindheit zurück. Der Umstand, dass seine Familie auch einmal in der Situation von Flüchtlingen war, hat ihn als Politiker und Mitglied der Partei Bündnis 90/Die Grünen stark geprägt. Kretschmann selbst sagt, er sei das erste Kind der Familie gewesen, das schwäbisch sprach. Zu Hause sprachen die Kretschmanns dagegen ausschließlich hochdeutsch.

Winfried Kretschmann: Erstes Engagement als Politiker in verschiedenen sozialistischen und kommunistischen Vereinigungen

Winfried Kretschmann gehörte schon seit seiner Jugend zu jener Art Mensch, die sich einbringen und Dinge gestalten will. Während seines Studiums an der Universität Hohenheim war der heutige Ministerpräsident von Baden-Württemberg in der studentischen Selbstverwaltung tätig und machte zusätzlich seine ersten Schritte als Politiker. Er kandidierte 1972 und 1973 für kommunistische Hochschulgruppen zum Studentenkonvent. Später erklärte Kretschmann, er sei in die Fänge einer politischen Sekte geraten und bezeichnete seine Hinwendung zum Kommunismus als Fehler. Nach eigenen Angaben des Politikers könne er sich selbst nicht mehr erklären, wie es dazu kommen konnte.

Winfried Kretschmann wurde 2011 zum ersten von den Grünen gestellten Ministerpräsidenten eines deutschen Bundeslandes gewählt.

Den Ausstieg aus diesem politischen Umfeld schaffte Winfried Kretschmann mit der Hilfe seiner heutigen Frau Gerlinde, die ebenfalls ein Lehramtsstudium absolvierte und mit der er heute drei Kinder hat. Das Paar heiratete 1975 und im folgenden Jahr kam ihr erstes Kind, ihre Tochter Irene, zur Welt – noch während die beiden jungen Eltern studierten. Winfried Kretschmann legte das zweite Staatsexamen als Lehrer 1977 ab und war auf der Suche nach einer Anstellung mit unerwarteten Schwierigkeiten konfrontiert: Der Verfassungsschutz hatte seinen politischen Ausflug zum Kommunismus der Schulbehörde übermittelt, sodass der Politiker aus Spaichingen bei Tuttlingen wegen des damals geltenden Radikalenerlasses zunächst keine Stelle als Lehrer an einer staatlichen Schule bekam.

Winfried Kretschmann: Karriere als Gründungsmitglied der Grünen in Baden-Württemberg

Vom Kommunismus hatte sich der heutige Ministerpräsident von Baden-Württemberg abgewandt und musste als Familienvater beruflich Fuß fassen. Das politische Interesse Winfried Kretschmanns trat damit für eine Weile in den Hintergrund. Doch er setzte sich letztlich erfolgreich gegen die Schulbehörde zur Wehr und konnte endlich als Beamter in den staatlichen Schuldienst eintreten. 1978 kam Johannes Kretschmann, der erste Sohn von Gerlinde und Winfried Kretschmann, zur Welt. Sein jüngerer Bruder Albrecht folgte 1980. Nachdem sich die privaten und beruflichen Verhältnisse in geordneten Bahnen bewegten, war das heutige Mitglied der Grünen bereit, einen zweiten Anlauf in der Politik zu unternehmen.

Gegen Ende der siebziger Jahre vereinte die Anti-Atomkraft-Bewegung Menschen weltweit. Überall gab es kleine Aktionsgruppen und -verbände, die sich parteiunabhängig gegen Atomkraftwerke und für die Natur stark machten. Als in Baden-Württemberg das Kernkraftwerk Whyl geplant wurde, erreichte die regionale Anti-Atomkraft-Bewegung ihren Höhepunkt und drängte in die Politik. 1979 gründeten Winfried Kretschmann und einige seiner Weggefährten den ersten Landesverband der Grünen in Deutschland.

Winfried Kretschmann: Als grüner Realpolitiker vom Landtagssitz zum Amt des Ministerpräsidenten

Damit war Winfried Kretschmann nun auch offiziell Politiker. Er kandidierte bei der baden-württembergischen Landtagswahl 1980 für einen Sitz im Landtag und der Spontanerfolg der neuen Partei von Umweltaktivisten machte ihn prompt zum Landtagsabgeordneten. Es begannen aufreibende Jahre politischer Alltagsarbeit, die oft zu Auseinandersetzungen innerhalb der Landtagsfraktion der Grünen führte. Winfried Kretschmann konnte sich fundamentalistisch grünen Positionen oft nicht anschließen. Insbesondere, wenn die Umweltpolitik Schwierigkeiten für die Autohersteller in Baden-Württemberg bedeutete, schlug der Politiker aus Spaichingen bei Tuttlingen häufig einen realpolitischen Kurs ein.

Das und der Umstand, dass er praktizierender Katholik ist, brachten Winfried Kretschmann schnell seinen speziellen Ruf als „schwarzer“ Grüner ein. Im Jahr 2011 verhalf dem Politiker die Atomkatastrophe im japanischen Fukushima zum Amt des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg. Kretschmann war der erste Grüne, der dieses Amt in Deutschland ergatterte -und das ausgerechnet in der Autostadt Stuttgart. Grün und autofreundlich - das erscheint vielen als Widerspruch. Und so gibt es auch immer wieder Diskussionen um das Dienstauto von Winfried Kretschmann - derzeit eine gepanzerte S-Klasse.

Eine knappe Mehrheit für SPD und Grüne machte Kretschmann zum ersten von den Grünen gestellten Ministerpräsidenten eines deutschen Bundeslandes. Seitdem blieb Winfried Kretschmann ununterbrochen Ministerpräsident und damit auch Mitglied des Bundesrates, dessen Vorsitz er 2012 für ein Jahr übernahm. Als der Politiker verkündete, auch 2021 wieder zur Wahl des Ministerpräsidenten für Baden-Württemberg antreten zu wollen, twitterte das Satire-Magazin Extra3 augenzwinkernd, man wisse allerdings noch nicht, ob er für die Grünen oder die CDU antreten werde.

Frau von Winfried Kretschmann: Gerlinde Kretschmann als Kommunalpolitikerin im Gemeinderat und im Kreistag von Sigmaringen

Gerlinde Kretschmann ist die Frau des Ministerpräsidenten und hat immer großen Wert darauf gelegt, ihren eigenen Weg zu gehen – beruflich und politisch. Ein Leben als typische Ehefrau eines Politikers daheim mit den Kindern kam für sie nicht in Frage. Auch nachdem Winfried Kretschmann Karriere in der Politik gemacht hatte, verfolgte sie ihre eigenen Ziele und war dabei sehr erfolgreich. Sie arbeitete zunächst als Grundschullehrerin und war in der katholischen Kirche aktiv. Ihre politische Haltung ist aus familiärer Sicht nicht ganz ohne Brisanz, denn ihr Vater war Mitglied der CDU und Vorsteher ihres Heimatortes Laitz im Landkreis Sigmaringen. Hier, im Elternhaus von Gerlinde Kretschmann, wohnt der Ministerpräsident von Baden-Württemberg noch heute.

Die Frau von Winfried Kretschmann hält es für selbstverständlich, sich in der eigenen Heimat um Radwege und andere lokale Projekte zu kümmern. Sie saß fünfzehn Jahre lang im Gemeinderat der Stadt Sigmaringen und war dort zuletzt Fraktionsvorsitzende der Grünen. Auch dem Kreistag von Sigmaringen gehörte die unkonventionelle Frau des Ministerpräsidenten an. Inzwischen ist sie dafür berühmt, Privilegien zu verschmähen. Gerlinde Kretschmann kommt lieber mit dem Zug zu offiziellen Terminen als mit einer Limousine des Fahrdienstes des Landtags.

Winfried Kretschmann ist ein fleißiger Schwabe mit vielen Interessen und Talenten

Als Mensch ist Winfried Kretschmann ist ein bodenständiger Schwabe, der seine Heimat und die Natur liebt. Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg werkelt gern zu Hause und wandert in seiner Freizeit gemeinsam mit seiner Frau Gerlinde. Inzwischen hat der Politiker außerdem drei Bücher veröffentlicht. Das bekannteste Werk heißt „Worauf wir uns verlassen wollen“ und erläutert Kretschmanns Vorstellung von einem zeitgemäßen Konservatismus. Winfried Kretschmann ist auch ein streitbarer Katholik. Seine Haltung gegenüber der Kirche ist eigentlich sehr verbindlich, doch das hindert ihn nicht daran, die katholische Kirche scharf zu kritisieren, wenn er das für angebracht hält. Winfried Kretschmann selbst wird immer wieder vorgeworfen, als Ministerpräsident die Trennung von Staat und Kirche nicht ausreichend zu praktizieren.

Neben all seinen Verpflichtungen als Ministerpräsident von Baden-Württemberg ist Winfried Kretschmann leidenschaftlicher Fußballfan. Seine Begeisterung für den VfB Stuttgart ist ebenso legendär wie seine Vorliebe für Autos der Luxusklasse. Insgesamt füllt der Politiker aus Spaichingen bei Tuttlingen eine Vielzahl von Funktionen aus, ohne dabei jemals aus der Rolle des ebenso eigensinnigen wie bescheidenen Schwaben zu fallen.

Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow/dpa

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