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Wildtiere im Stadtgebiet: Lebensräume werden „zunehmend von Menschen beeinflusst“

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Von: Julian Baumann

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Ein Wildschwein in der Innenstadt von Berlin vor einem Mercedes.
Während ausgerottete Tierarten nach Baden-Württemberg zurückkehren, zieht es manche Wildtiere auch in Städte und Wohngebiete (Symbolbild). © Petra Schneider/Imago

Ausgerottete Tierarten kehren nach Baden-Württemberg zurück und verirren sich immer öfter auch in die Innenstädte. Das wird für Mensch und Tier zur Herausforderung.

Stuttgart - Das Land Baden-Württemberg hat eine große Population heimischer Tierarten. In Gebieten wie dem Schwarzwald oder der Schwäbischen Alb und auch am Bodensee sind viele verschiedene Tiere beheimatet. In letzter Zeit kehrten zudem immer mehr Tiere in den Südwesten zurück, die in den Gebieten seit langem nicht mehr angesiedelt waren. Ausgerottete Tierarten wie Schakale, Wölfe und Luchse siedeln sich wieder in Baden-Württemberg an. Experten sind besorgt, weil sich immer mehr Wölfe ausbreiten.

„Der Wolf war vor seiner Ausrottung in ganz Deutschland und so auch in Baden-Württemberg heimisch“, erklärt Artenschutzreferentin Felicitas Rechtenwald vom Naturschutzbund Baden-Württemberg (NABU) auf Anfrage von BW24. „So ist es selbstverständlich, dass er sich nun auch wieder im Ländle ansiedelt.“ Für die Artenvielfalt im Südwesten ist die Rückkehr von Wölfen, Luchsen und anderen Tieren ein Gewinn. Aktuell zieht es aber auch vermehrt Wildtiere in die Innenstädte und Wohngebiete. Zum Ärger der Anwohner und der Stadtverwaltungen.

Tiere kehren nach Baden-Württemberg zurück - „ein ganz normaler Prozess“

Im Schwarzwald konnten inzwischen vier männliche Wölfe als dauerhaft ansässig eingestuft werden. Das bedeutet, dass Spuren der Tiere mindestens ein halbes Jahr lang immer wieder nachgewiesen werden konnten. Zudem will eine Spaziergängerin im Zollernalbkreis einen Wolf gesehen haben, der zuvor noch nie gesichtet wurde. Dass die Wölfe allmählich ihr Land in Baden-Württemberg zurückerobern, ist laut Felicitas Rechtenwald ein „ganz normaler Prozess“. „Da die Wiederbesiedelung Deutschlands von Polen aus vor der Jahrtausendwende begann und nun von Ostdeutschland aus weitergeht, ist es verständlich, dass es einige Jahre gedauert hat, bis sich seit der ersten Reproduktion im Jahr 2000 Wölfe wieder in Baden-Württemberg niederlassen“, erklärt die NABU-Artenschutzreferentin.

Dass sich ausgerottete Tiere wie Wölfe oder Luchse immer mehr wieder in Baden-Württemberg ansiedeln, ist eigentlich ein positives Signal. Gerade Schafzüchter und Landwirte in den Gebieten fürchten aber um ihre Herdentiere, da Wölfe immer wieder Schafe oder sogar Kälber reißen. Aktuell zieht es zudem immer mehr Wildtiere in die Innenstädte von großen Städten wie Stuttgart oder Heilbronn. Dort richten sie oftmals große Schäden an. Wegen einer Nutria-Plage wurden die Tiere in einer Südwest-Gemeinde zum Abschuss freigegeben. Jäger dürfen die gefräßigen Nagetiere nun also effektiv bekämpfen. Doch was zieht die Tiere überhaupt in Städte und Wohngebiete?

Wildtiere in den Innenstädten: Lebensräume werden „zunehmend von Menschen beeinflusst“

Normalerweise sind Wildtiere wie Füchse, Wildschweine oder Nilgänse nur selten in den großen Städten Baden-Württembergs zu finden. In Stuttgart sieht man sie am ehesten noch in den großen Parks. Inzwischen stoßen die Tiere aber auch immer mehr in die Wohngebiete vor und erst kürzlich richteten Wildtiere erhebliche Schäden in der Mercedes-Benz Arena an. „Hierfür gibt es mehrere Gründe“, sagt Judith Ehrlacher von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) gegenüber BW24. „Die Wildtierlebensräume außerhalb von Städten und Siedlungen werden zunehmend von Menschen beeinflusst“, erklärt sie. „Es gibt die Zerschneidung von Wildtierlebensräumen durch Straßen und Schienen und es gibt die Nutzung vor allem der Wälder durch Sport, Freizeit und Tourismus.“

Demnach werden die Lebensräume der Wildtiere immer mehr von Menschen genutzt, weswegen sich die Wildtiere in Folge einen Lebensraum suchen, wo sie weniger gestört werden. „So paradox es klingen mag: in diesem Sinne sind die Städte attraktive Lebensräume, da hier im Normalfall keine Bejagung stattfindet und Wildtiere gelernt haben, dass von Menschen ohne Gewehr keine Gefahr ausgeht“, sagt Judith Ehrlacher. Zugleich finde sich in den Städten auch ein deutlich höheres Nahrungsangebot als außerhalb der Siedlungen und die Temperaturen seien meist höher als im Umland. Eben bei der Futtersuche richten die Wildtiere in den Städten im Südwesten aber große Schäden an.

Baden-Württemberg: „Mit Toleranz und Engagement können Mensch und Wildtiere gut zusammen leben“

Dass es den Anwohnern nicht gerade passt, wenn Wildschweine ihren Garten umgraben oder Marder in den Mülltonnen wühlen, ist verständlich. Dennoch muss die Artenvielfalt in Baden-Württemberg bewahrt und bestenfalls eine friedliche Lösung gefunden werden. Naturschützer fordern beispielsweise ein Tempolimit, um zerstörerische Tiere zu retten. „Sicher ist es sinnvoll, das Tempo in Straßen, in denen es besonders oft zu Wildtierunfällen kommt, zu reduzieren und umsichtig zu fahren“, sagt auch Felicitas Rechtenwald vom NABU. Schließlich komme das auch anderen Verkehrsteilnehmern und dem Klima zugute. „Man sollte sich aber auch fragen, warum so viele Tiere in die Stadt ziehen und an den Ursachen arbeiten.“

Auch Judith Ehrlacher von der FVA sieht ein Tempolimit zur Vermeidung von Wildtierunfällen grundsätzlich als sinnvoll an. Geschwindigkeitsbegrenzungen würden das Problem aber nicht grundsätzlich lösen. „Ziel sollte es vielmehr sein, eine gute Nachbarschaft mit den Wildtieren zu entwickeln“, erklärt sie gegenüber BW24. „Sei es durch Geschwindigkeitsbegrenzung an neuralgischen Stellen, durch die Sperrung von Zugängen, durch Vergrämung oder in letzter Instanz auch durch einen möglichen Fang durch Fachpersonal.“ Kommunikation sei bei diesen Maßnahmen besonders wichtig, um der Bevölkerung klarzumachen, mit welchem Ziel was getan werde. Dabei seien die Wildtierbeauftragten der Landkreise in Baden-Württemberg extrem wichtige Ansprechpartner.

Letztendlich kommt es darauf an, dass Menschen sich zum einen nicht vor den Wildtieren fürchten müssen, die Tiere zum anderen aber auch ausreichend Platz und Raum zum Überleben haben. „Diese Herausforderung stellt sich überall, wo Wildtiere und Menschen in einen mehr oder weniger direkten Kontakt kommen“, sagt Judith Ehrlacher. Diese Herausforderung muss aber nicht zwingend auch zum Problem werden. „Mit ein wenig Toleranz und Engagement können Mensch und Wildtiere eigentlich gut zusammen leben“, sagt Felicitas Rechtenwald.

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