Bedarf zu reden ist enorm

„Wie Brandverstärker“ - Telefonseelsorge in Corona-Zeiten gefragt

Ein Mann ruft mit seinem Handy bei der Telefonseelsorge an.
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In Corona-Zeiten sind Hilfsangebote wie die Telefonseelsorge ganz besonders gefragt.

«Mein Mann trinkt wieder viel mehr», «Mir fällt die Decke auf den Kopf», «Stimmt es, dass man an der Impfung stirbt?»: Ehrenamtliche bei der Telefonseelsorge hatten schon vor Corona gut zu tun. Doch die Pandemie hinterlässt auch bei ihrer Arbeit deutliche Spuren.

Stuttgart (dpa/lsw) - Der Bedarf zu reden ist enorm. Das spürt Martina Rudolph-Zeller in Corona-Zeiten einmal mehr. Die Leiterin der Telefonseelsorge Stuttgart verweist auf rund 15 000 Telefongespräche im Jahr. Rund jedes Fünfte dauert eine halbe Stunde oder länger. «Und die Gespräche sind intensiver.» Einsamkeit, Ängste, Suizidgedanken sind seit jeher die Themen der Ratsuchenden. «Corona war über allem drüber», sagt Rudolph-Zeller. «Gerade die ersten Monate waren wie ein Brandverstärker.» Vor allem für Menschen, die schon psychische Probleme hatten, habe sich die Lage verschärft. Leuten mit ohnehin schon wenigen Kontakten seien auch diese weggebrochen, erläutert sie.

Die Zahl der Mailwechsel sei um rund 100 auf über 1900 gewachsen. Bei den Chats ist der Anstieg noch deutlicher: von 906 im Vor-Corona-Jahr 2019 auf 1336 im vergangenen. Auch die Telefonseelsorge Oberschwaben-Allgäu-Bodensee verweist auf eine «Rekordleistung» von fast 11 000 Seelsorge- und Beratungsgesprächen im vergangenen Jahr - 13,5 Prozent mehr als im Vorjahr.

Corona-Pandemie: Digitale Hilfsangebote besonders gefragt - „es geht ums Zuhören“

Gerade weil andere Hilfsangebote schwer zu erreichen gewesen seien, waren - und sind - die digitalen Angebote gefragt. Immer wieder erzählten Ratsuchende laut Rudolph-Zeller, sie hätten zwar eine psychologische Diagnose, bekämen aber keinen Therapieplatz.

Hinzu komme die Anonymität des Angebotes: «Wir sehen nicht mal die Telefonnummer», sagt die Leiterin. «Vorrangig geht es ums Zuhören.» Konkrete Ratschläge stünden nicht vornean.

«Ich lebe schon immer allein, aber die Corona-Regeln isolieren mich noch weiter», «Ich habe einen Freund durch Corona verloren. Seine Frau liegt noch im Koma», «Mein Mann trinkt wieder viel mehr», «Ich bin im Home-Office. Mir fällt die Decke auf den Kopf» - diese Beispiele nennt die Telefonseelsorge Ulm als typische Äußerungen in ihrem Jahresbericht. Und immer wieder Fragen: «Stimmt das, dass die Schulen nie wieder aufmachen und dass man an der Impfung stirbt?», «Das Geld ist knapp. Wie soll es weitergehen?»

Während der ersten Corona-Welle sei Angst ein großes Thema gewesen. Das sei in der zweiten nicht in dem Ausmaß der Fall gewesen, heißt es. «Es scheint eine Art Gewöhnung zu geben. Man arrangiert sich.»

Hilfsangebote in Baden-Württemberg: Telefonseelsorge und kirchliche Ansprechpartner

Die Telefonseelsorge Freiburg verweist darauf, dass Herausforderungen auch ein notwendiger Entwicklungsmotor seien: alte Rezepte scheitern, eine Wachstums- und Heilungsbewegung könne einsetzen. «Dann können eigene Ressourcen aktiviert und (wieder)entdeckt werden.»

Das kirchliche Angebot ist ein Teil einer ganzen Palette an möglichen Ansprechpartnern. Das Sozialministerium nennt als weitere Beispiele das Hilfetelefon «Gewalt gegen Frauen», das Hilfetelefon «Schwangere in Not» oder das Pflegetelefon für pflegende Angehörige. Seit diesem Jahr beteilige sich das Land auch an der bundesweiten Hotline für gewaltbetroffene Männer, erklärt ein Sprecher. «Darüber hinaus gab es speziell während der Corona-Pandemie gemeinsam mit dem Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, der Landesärztekammer, der Landespsychotherapeutenkammer und der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg eine Hotline zur psychosozialen Beratung.»

Die Telefonseelsorge in ökumenischer Trägerschaft ergänze die Angebote. «Über eine gemeinsame Landesarbeitsgemeinschaft Telefonseelsorge Baden-Württemberg wird eine bessere Vernetzung mit verschiedenen Akteuren im psychosozialen Bereich auf Landesebene angestrebt», so der Sprecher. Es gebe Verbindungen zu Psychiatrien als auch zu verschiedenen Beratungs- und Unterstützungseinrichtungen auf kommunaler Ebene im psychosozialen Bereich. Rudolph-Zeller würde sich dennoch mehr Anerkennung wünschen, wie sie sagt.

Ehrenamt bei den Hilfsangeboten: „Man muss sein Helfersyndrom im Griff haben“

Ehrenamtliche, die sie unterstützen, habe sie indes genug. Gut 110 Männer und Frauen teilen sich die Arbeit in Stuttgart. Ein Telefon sei immer besetzt, ein zweiter Apparat vor allem in den Abendstunden und am Wochenende - wenn die Ratsuchenden Zeit haben. «Auch nachts klingelt‘s durch», macht Rudolph-Zeller deutlich. Für die Chatangebote stünden mehrere Arbeitsplätze bereit.

Wer mitmachen will, muss Nachtschichten in Kauf nehmen und vorher eine einjährige Schulung absolvieren. Wer selbst eine Krise erlebt hat wie Jobverlust, Drogensucht oder Burnout, bringt mitunter beste Voraussetzungen mit. «Aber Sie müssen das ausbalanciert überwunden haben», sagt die Leiterin. Offen und selbstreflektiert solle man sein. «Und man muss sein Helfersyndrom im Griff haben.» Der Kontakt sei in der Regel einmalig, dann lege man auf. «Die Selbstverantwortung über Leben, Tod, eine Messiewohnung bleibt bei den Ratsuchenden», macht Rudolph-Zeller deutlich. «Nicht zu wissen, kriegt er oder sie es auf die Reihe, ist nicht einfach.» Von Marco Krefting, dpa

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