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Eigentlich solltet ihr es besser wissen - hört auf, Russen in Deutschland unter Generalverdacht zu stellen

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Von: Sina Alonso Garcia

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Russischer Laden Marienfelde Tempelhof Schöneberg Berlin Deutschland
Auf einen russischen Supermarkt in Deutschland gab es kürzlich einen Farbanschlag (Symbolbild). © Schoening/Imago

Der russische Überfall auf die Ukraine zwingt Politik und Bürger in Deutschland zum Handeln. Wer seinen Putin-Hass allerdings auf unschuldige und friedliebende Russen projiziert, hat nichts aus der Geschichte gelernt - findet unsere Autorin.

Stuttgart - Die Nachrichten, die uns derzeit täglich aus der Ukraine erreichen, erschüttern die Demokratie in Europa zutiefst. Innerhalb weniger Tage hat der Krieg zahlreiche Menschenleben gekostet. Täglich werden es mehr. Wladimir Putin lässt auch Politikern und Bürgern in Deutschland keine Wahl: Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 verfolgt die Bundesrepublik einen klaren Sanktionskurs und kappt wirtschaftliche Verbindungen.

Dass wir in Deutschland die Zusammenarbeit mit Russland aufs Eis legen und uns solidarisch mit der Ukraine zeigen, ist konsequent und richtig. Nicht richtig sind Übersprungs-Handlungen, die völlig am eigentlichen Ziel - nämlich Putin zu schaden - vorbeigehen. Was bitte soll es bringen, wenn der Europapark seinen Themenbereich Russland abschafft, wie einige jetzt fordern? Oder glaubt ihr ernsthaft, dass den Menschen im Krieg geholfen wird, indem eine badische Bäckerei ihren „russischen Zupfkuchen“ umbenennt?

Euer Boykott ist absurd - und geht völlig zurecht nach hinten los

Mir ist bewusst, dass der Gedanke, der hinter solchen Boykott-Forderungen steckt, meistens nicht aus böser Absicht entsteht. Häufig wollen Menschen schlichtweg ein Zeichen dafür setzen, auf welcher Seite sie in dem abscheulichen, von Russland angezettelten Krieg, stehen. Allerdings können solche, auf „die Russen“ verallgemeinerte Boykotts schnell nach hinten losgehen - und zwar völlig zurecht.

Seinen Gipfel erreichte das absurde Russen-Bashing, als ein badisches Restaurant entschied, Russen den Zutritt zu verweigern. „Besucher mit russischem Pass sind bei uns im Haus unerwünscht“, schrieb das Restaurant auf seiner Website. Den Betreibern sei bewusst, dass der „normale russische Staatsbürger“ keine Schuld an dem kriminellen Handeln der Regierung Russlands trage, heißt es weiter. Dennoch wolle man dadurch ein Zeichen setzen. Der gewaltige Shitstorm, der folgte, war absehbar, der Rassismus-Vorwurf berechtigt.

Deutsche sollten aus ihrer Geschichte gelernt haben: Auch wir sind nicht unbescholten

Man sollte meinen, dass gerade Menschen in Deutschland die unangenehme Situation, in der sich unsere russischen Mitbürger derzeit befinden, nachempfinden könnten. Gerade wir, die Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg noch immer mit Hitler assoziiert werden und deren Nation selbst zwei Weltkriege begonnen hat. Nur, weil ein Despot in Russland an der Macht steht, heißt das noch lange nicht, dass eine komplette Nation für irre erklärt werden sollte. Von Wladimir Putin und seiner Gefolgschaft auf das russische Volk oder die rund 263.000 russischen Staatsbürger in Deutschland zu schließen, ist einfach nur daneben.

Auch Twitter diskutierte in den vergangenen Tagen über den Russen-Hass, der zuletzt geballt in Deutschland zutage trat. Eine Nutzerin teilte eine Auswahl an Rezensionen für russische Restaurants. „Warum bitte schmeckt russisches Essen seit Donnerstag nach Blut und Tod?“, heißt es darin zum Beispiel. Oder: „Lieber nichts essen und hungern, als sowas.“

Angesichts solcher Rezensionen muss ich mich wirklich fragen: Was genau treibt Leute, die eine solche Hetze verzapfen, an? Euer Hass wird nichts, absolut gar nichts, an der Situation in der Ukraine ändern. Menschen mit russischer Staatsbürgerschaft sind aktuell gestraft genug. Auch russische Familien verlieren ihre Söhne auf dem Schlachtfeld. Es gibt mutige Menschen in Russland, die sich gegen Putin stellen, auf die Straße gehen und demonstrieren, obwohl sie dafür bitter bezahlen. Erst kürzlich wurden hunderte Bürgerrechtler in Moskau festgenommen. Putin ließ sogar Kinder verhaften, die vor der ukrainischen Botschaft Blumen ablegten

Frau mit Schild
„Ich bin Russin und gegen den Ukraine-Krieg“: Eine Frau demonstriert in Deutschland gegen die russische Aggression. © Markus van Offern/Imago

Ein satirisches Statement zur Situation von Aurel Mertz, einem in Stuttgart gebürtigen Komiker, spricht mir aus der Seele. Auf Twitter schreibt Mertz:

Treffender hätte man es aus meiner Sicht nicht sagen können. Anstatt Menschen einer ganzen Nation auf ihre gewaltbereite Regierung zu reduzieren, sollte man ihnen genauso begegnen, wie allen anderen auch: Vorurteilsfrei, in Frieden und mit Toleranz. Hass mit Hass zu bekämpfen, hat noch nie jemandem etwas gebracht.

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