Keine Chance für „Blechbieger“ von Mercedes

Ex-Daimler-Ingenieur über Tesla: „Elon Musk ist von null auf Hundert gesprungen. Nicht Mond, gleich Mars“

  • Valentin Betz
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Tesla hat in den vergangenen Jahren eine beispiellose Entwicklung hingelegt. Das liegt allerdings nicht nur am aktuellen E-Auto-Trend - sondern auch an der Radikalität von Elon Musk, wie ehemalige Daimler-Manager nun erklären.

  • Drei ehemalige Mercedes-Benz-Ingenieure haben einen Einblick in die Arbeitsweise von Tesla gegeben.
  • Elon Musk hat mit Tesla nicht nur das richtige Timing erwischt, auch sonst unterscheidet er sich radikal von etablierten Fahrzeugherstellern.
  • Die Daimler AG besaß einst Anteile an dem Start-Up aus Kalifornien, läuft inzwischen aber dessen Entwicklung hinterher.

Stuttgart/Silicon Valley - Wenn es um das Thema Elektromobilität geht, führt momentan kein Weg an Elon Musk und seinem Unternehmen Tesla vorbei. Tesla hat mit seinen E-Autos innerhalb weniger Jahre Maßstäbe gesetzt. Fahrzeughersteller weltweit versuchen seitdem, aufzuholen. Auch deutsche Konzerne wie die Daimler AG arbeiten inzwischen an Modellen mit Elektroantrieb. In Baden-Württemberg gab es zuletzt einen Boom für E-Autos. Die Zahl der Anträge auf die Kaufprämie hatte sich innerhalb eines Monats fast verdreifacht - das hatte auch mit dem Coronavirus zu tun.

Dabei ist der Erfolg von Tesla sogar eng mit der Daimler AG verbunden. Daimler gehörten einst 10 Prozent von Tesla, heute wären die Anteile mehr wert als der halbe Konzern. Insgesamt investierte der Fahrzeughersteller aus Stuttgart 50 Millionen Dollar in Tesla, Ingenieure von Daimlers Tochterunternehmen Mercedes-Benz erhielten dafür Einblick in die Arbeitsweise von Elon Musks Start-Up.

2014 beschlossen die Manager bei Daimler, ihre Tesla-Aktien wieder zu verkaufen. Der Austausch mit Tesla hatte bei den Mercedes-Benz-Ingenieuren allerdings bleibenden Eindruck hinterlassen. Drei Insider erklärten gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, dass Teslas Erfolg nicht nur darauf basiert, zur richtigen Zeit auf den passenden Trend gesetzt zu haben.

Anders als Daimler: Elon Musk hat die Entwicklung des Elektroautos nicht verschlafen

Deutsche Fahrzeughersteller haben die Entwicklung der Elektromobilität und die Digitalisierung lange Zeit sträflich vernachlässigt. Inzwischen versucht besonders Daimler, den Vorsprung von Tesla wieder aufzuholen. In alle Mercedes-Benz-Modelle baut Daimler in Zukunft Computer der US-Firma Nvidia ein. Beim Design hat sich der Fahrzeughersteller aus Stuttgart sogar recht offensichtlich am Konkurrent Tesla orientiert. Im Innenraum der neuen Mercedes S-Klasse erinnert ein Detail verdächtig an die Autos von Tesla.

Elon Musk: Tesla ist nicht nur wegen der Entwicklung von Elektroantrieben so erfolgreich - sondern auch wegen der Radikalität seines Gründers.

Für die Mercedes-Ingenieure, die im Rahmen der fünfjährigen Partnerschaft zwischen der Daimler AG und Tesla Einblicke in die Arbeitsweise des Startups erhielten, war allerdings nicht das Design der E-Autos das Beeindruckende. „Uns hat die Risikobereitschaft fasziniert“, erzählte einer von drei Mercedes-Insidern gegenüber Reuters.

Diese Risikobereitschaft zeigt sich gleich in mehrfacher Hinsicht. Ein Beispiel ist die Entwicklung der Mercedes-Benz B-Klasse und des Tesla Model S. Beide Modelle kamen als Elektroautos auf den Markt. Während Tesla sein Model S schon 2012 veröffentlichte, brauchte die B-Klasse der Daimler-Tochter Mercedes zwei Jahre länger. Der Grund laut Reuters: Tesla vertraute voll und ganz auf den Elektroantrieb, die Daimler AG war aber skeptisch und entwickelte die B-Klasse gleichzeitig noch mit Benzin, Diesel, Erdgas und der Brennstoffzelle - Risiko sieht anders aus.

Aber nicht nur mit seiner reinen Elektro-Strategie beweist Elon Musk, dass er gerne Risiken eingeht. Tesla ist nicht nur ein Fahrzeughersteller, sondern eigentlich auch ein Softwareunternehmen. Dadurch kann Tesla eine Technologie einführen, auch wenn sie noch nicht perfekt ist. Wenn ein Fehler auftritt, muss nicht die gesamte Fahrzeugflotte nachgerüstet werden, sondern es genügt ein Softwareupdate.

Tesla vs. Daimler: Die Herangehensweise der Fahrzeughersteller könnte nicht unterschiedlicher sein

Laut Reuters beschrieben die Mercedes-Ingenieure die kurze Partnerschaft zwischen der Daimler AG und Tesla als Aufeinanderprallen alter und neuer Ingenieurskultur: „Programmierer versus Blechbieger.“ Bei Daimler gelten Sicherheit und Kontrolle bei der Entwicklung neuer Technologien nach wie vor als oberstes Gebot. Die Herangehensweise von Elon Musk muss den Mercedes-Ingenieuren daher wie Harakiri vorgekommen sein. „Er ist auf des Messers Schneide gelaufen“, sagte einer der Mercedes-Ingenieurs entsprechend auch über Elon Musk.

Daimler: Tesla kann nicht in großem, industriellen Maßstab produzieren - den Investoren ist das egal

Das zeigt sich an einem weiteren Beispiel: Wie Reuters berichtet, brachte Tesla ein unausgereiftes Fahrerassistenzsystem auf den Markt, das erst nachträglich verbessert wurde - für die Daimler AG undenkbar. „Dann ist er von Null auf Hundert gesprungen. Nicht Mond, gleich den Mars“, so einer der Mercedes-Ingenieure über Elon Musk. Sicherheit und Kontrolle stehen bei Tesla anders als bei Daimler nicht auf den ersten beiden Plätzen - auch wenn das Unternehmen seine Autos auf Twitter als die sichersten der Welt bezeichnet. „Die Anreizstruktur ist so aufgesetzt…, dass Innovation belohnt wird. Unterwegs Fehler zu machen, zieht keine große Strafe nach sich. Aber Versagen dabei, Innovationen überhaupt zu versuchen, wird bestraft. Du wirst gefeuert“, sagte Elon Musk zur Bedeutung technischer Neuerungen für seine Mitarbeiter.

Trotz des offensichtlichen Erfolgs von Tesla und Elon Musk hat die Daimler AG nach wie vor Zweifel, ob Tesla jemals Elektrofahrzeuge im selben Maßstab produzieren wird wie andere Fahrzeughersteller. Im ersten Halbjahr 2020 verkaufte die Daimler AG 935.089 Autos - Tesla nur 179.050. Die Investoren scheint das nicht wirklich zu interessieren. Tesla hat einen Börsenwert von 305 Milliarden Dollar - mehr als das Sechsfache der Daimler AG.

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