1. bw24
  2. Stuttgart

Geschwister aus Stuttgart haben 50.000 Euro Schulden, weil Eltern sie jahrelang falsch versichert haben

Erstellt:

Von: Sina Alonso Garcia

Kommentare

Junges Paar Schulden Symbolbild
Jung und hoch verschuldet: Vier Geschwister in Stuttgart müssen jetzt einen langjährigen Fehler ihrer Eltern ausbaden (Symbolbild). © Imago/YAY Images

Weil vier Geschwister aus Stuttgart jahrelang durch ihre Eltern falsch versichert waren, stellte ihnen die Krankenkasse rückwirkend 50.000 Euro in Rechnung. Die Forderung ist laut Gericht „unanfechtbar“.

Stuttgart - Kinder haften für ihre Eltern: Der Spruch, der eigentlich in umgekehrter Reihenfolge bekannt ist, trifft in einem kuriosen Fall aus Stuttgart tatsächlich so zu. Dort müssen die 26-jährige BWL-Studentin Luisa und ihre drei Geschwister der Techniker Krankenkasse (TK) jetzt insgesamt rund 50.000 Euro zurückzahlen, weil ihre Eltern sie jahrelang falsch versichert haben. Wie Luisa im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung berichtet, hätten ihre Eltern die vier Geschwister als Kinder fälschlicherweise familienversichert.

Laut des Berichts waren Luisa und ihre drei älteren Geschwister jahrelang über ihre Mutter in der gesetzlichen Krankenkasse familienversichert. Der Vater war als selbstständiger Anwalt privat versichert. Und genau da liegt der Haken: Weil die Einnahmen des Vaters in mehreren Jahren eine bestimmte Grenze überschritten haben, hätten die Eltern ihre Kinder privat oder freiwillig gesetzlich versichern müssen.

„Absoluter Missstand“: Studentin Luisa muss Privatinsolvenz anmelden

Mit rund 15.900 Euro Schulden trifft es Studentin Luisa von den Geschwistern am härtesten. Für die 26-Jährige ist es „ein absoluter Missstand“, dass sie als Erwachsene für einen Fehler belangt wird, den ihre Eltern noch vor ihrem 18. Geburtstag verursacht haben. Von dem Betrag, den Luisa der Krankenkasse zurückzahlen soll, sind 8.090 Euro Beitragsforderungen, der Rest Säumniszuschläge.

Kinder richtig versichern, wenn ein Elternteil privat versichert ist

Ist ein Elternteil privat und ein Elternteil gesetzlich versichert, kann das Kind privat oder gesetzlich versichert werden. Eine beitragsfreie Familienversicherung in der gesetzlichen Krankenversicherung ist allerdings nicht möglich, wenn der privatversicherte Elternteil mehr als der gesetzlich Versicherte verdient und ein Einkommen über der Jahresarbeitsentgeltgrenze hat (2021: 64.350 Euro). Weitere Regelungen - je nach Versicherung der Eltern - finden Interessierte unter pkv.de.

Quelle: Verband der Privaten Krankenversicherung e.V./pkv.de

Wie die Stuttgarter Zeitung erklärt, stellt die Techniker Krankenkasse die Beiträge für Luisa und ihre Geschwister von September 2008 an rückwirkend in Rechnung. Der Zeitraum, auf den sich die Forderungen beziehen, beträgt fünfeinhalb Jahre. In dieser Zeit sei Luisa (mit Ausnahme von vier Monaten) minderjährig gewesen. Offenbar hatte die Krankenkasse bei ihren Forderungen zunächst angenommen, die Eltern würden für die Schulden ihrer Kinder aufkommen. Allerdings ging Luisas Vater gerichtlich gegen die Forderungen vor. Am Ende urteilte das Landessozialgericht, dass die Entscheidung der TK „unanfechtbar“ sei. Luisas Vater empfahl den Kindern, Privatinsolvenz anzumelden.

Kinder richtig versichern: Fehler kommen Eltern teuer zu stehen

Aber wieso sind nun die Kinder die Leidtragenden? „Als Kasse müssen wir unsere Beitragsforderungen direkt an die Mitglieder richten, auch, wenn diese noch minderjährig sind“, erklärte TK-Sprecher Klaus Föll auf Anfrage der StZ. Der einzige Weg, dass die Eltern für die Schulden aufkommen, wäre, dass die Kinder sie persönlich verklagen - was laut Studentin Luisa nicht in ihrem Sinne sei. Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hält den gesamten Vorgang derweil für „nicht verbrauchergerecht“. Laut Versicherungs-Experte Peter Grieble sollte im Idealfall alles „so geregelt sein, dass nichts passieren kann“.

Das Ende vom Lied: Studentin Luisa wird im September Privatinsolvenz beantragen. Weiter hofft sie, nach dem Bachelor und dem danach angestrebten Master schuldenfrei zu sein. Ob dieser Plan aufgeht, ist fragwürdig. So verweist die Zentrale Schuldnerberatung in Stuttgart (ZSB) darauf, dass Insolvenzverwalter darauf achten, dass ihre Schuldner schnell Geld verdienen. Wie Schuldnerberaterin Sandra Meyer gegenüber der StZ sagte, könne es sein, dass Luisa nach ihrem Bachelor vom Insolvenzverwalter gezwungen wird, direkt zu arbeiten, statt noch einen Master zu absolvieren. Wer einmal in einem Insolvenzverfahren stecke, könne davon zudem nicht mehr zurücktreten, so Meyer.

Auch interessant

Kommentare