Staatsschutz schaltet sich ein

„Unsäglich“: In Stuttgart tauchen überall Merkel-Graffiti mit widerlicher Botschaft auf

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist von der Seite mit Mundschutz zu sehen
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Stuttgart: Graffiti mit antisemitischer Botschaft zu Bundeskanzlerin Angela Merkel werden in der ganzen Stadt gesprüht
  • Anna-Lena Schüchtle
    vonAnna-Lena Schüchtle
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In Stuttgart wurden in den vergangenen Wochen mehrere Hauswände mit antisemitischen Schriftzügen beschmiert. Ziel der Diffamierung durch Verschwörungstheoretiker ist Angela Merkel.

  • In Stuttgart häufen sich Fälle von Hauswänden, die mit antisemitischer Graffiti verschandelt wurden.
  • Die Aktion der Verschwörungstheoretiker richtet sich gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel.
  • Die Polizei ermittelt nun. Auch der Staatsschutz hat sich wegen der judenfeindlichen Schriftzüge eingeschaltet.

Stuttgart - Nicht erst seitdem das Corornavirus in Baden-Württemberg und der ganzen Welt grassiert, fassen wilde Verschwörungstheorien Fuß. Eine zweifelhafte Theorie unter ihnen bleibt bis heute das angebliche Weltherrschaftsstreben des so betitelten „internationalen Judentums“. Als Sündenbock mussten die Juden in Europa bereits seit dem Mittelalter Leid und Verfolgung erdulden.

Und auch heute noch werden antisemitische Parolen geschwungen, wenn es darum geht, einen Verursacher für irgendein Unheil dieser Welt auszumachen - ganz gleich, ob es um die Flüchtlingskrise oder die Corona-Pandemie geht. Nicht selten wird das Wort Jude als Schimpfwort verwendet oder um eine unliebsame Person mit einem bestimmten Stigma zu belegen - so aktuell beispielsweise in Stuttgart zu beobachten.

Antisemitische Graffiti in Stuttgart: Ziel der Diffamierung ist Bundeskanzlerin Angela Merkel

Einer oder mehrere Unbekannte haben in der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg mehrfach Hauswände mit judenfeindlichem Inhalt beschmiert. Ziel der Diffamierungsaktion ist die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Merkel ist Jüdin“, heißt es in den Schriftzügen, die vor etwa zwei Monaten das erste Mal in Stuttgart aufgetaucht waren.

Angela Merkel wird hierzulande häufig als Feindbild von Verschwörungstheorien herangezogen. So wurde der Bundeskanzlerin ab 2015 aufgrund der Flüchtlingskrise beispielsweise ein geheimer Plan mit dem Ziel der „Umvolkung“ angedichtet. Bei diesem geht es darum „wie die Deutschen still und leise ausgetauscht werden“, wie es im Untertitel eines Buchs des rechtspopulistischen Autors Akif Pirincci heißt.

Die Schriftzüge in Stuttgart sind eine gezielte Attacke gegen Angela Merkel, die damit „in die Nähe des Mythos um eine jüdische Weltverschwörung" gerückt wird. Diese Ansicht vertritt Michael Blume. Der Antisemitismusbeauftragte der Landesregierung wird in einem Artikel der Stuttgarter Zeitung zitiert und erklärt, dass ähnliche Muster auch aktuell im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie gegenüber anderen prominenten Persönlichkeiten im Umlauf seien.

Explizit nennt Michael Blume die Namen des Berliner Virologen Christian Drosten und des amerikanischen Unternehmers Bill Gates, die ebenfalls als Juden bezeichnet würden. Letzterer ist bereits seit Wochen und Monaten Mittelpunkt wilder Verschwörungstheorien rund um die Herkunft des Coronavirus und wird als Verursacher und Profiteur gleichermaßen dargestellt.

Nach Einschätzung von Michael Blume, seien die merkelfeindlichen Schriftzüge, die mittlerweile an mehreren Stellen in Stuttgart aufgetaucht sind, als „eindeutig antisemitisch“ einzustufen, zitiert die Stuttgarter Zeitung den Antisemitismusbeauftragten in ihrem Artikel.

Wie es darin heißt, sollen die judenfeindlichen Schmierereien auch an einer Wand des israelischen Teils des Hoppenlaufriedhofs angebracht worden sein, was Michael Blume als „unsäglich" betitelte. Aufgrund von politisch und weltanschaulich bedenklichem Inhalt der Schriftzüge hat sich mittlerweile der Staatsschutz in die Ermittlungen der Polizei eingeschalten.

Verschwörungstheoretiker bringen in Stuttgart antisemitische Graffiti an Hauswänden an

Bereits vor Ausbruch des Coronavirus wurden wilde Verschwörungstheorien verbreitet. Beispielsweise zweifelten Skeptiker die reale Existenz der menschengemachten globalen Erderwärmung an - diese soll angeblich von Forschern erfunden worden sein, um mehr Fördergelder zu bekommen. Covid-19 scheint die Gedanken mancher Verschwörungstheoretiker jedoch regelrecht zu beflügeln.

Stuttgart gilt beispielsweise als Hochburg der Bewegung „Querdenken 711“, die insbesondere die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus in Baden-Württemberg kritisiert. Unter den Demonstranten befinden sich immer wieder auch Verschwörungstheoretiker, die absurde Mythen verbreiten. Ministerpräsident Winfried Kretschmann sah sich daher dazu berufen, sich in einer Videobotschaft an diese Menschen zu wenden.

Auch ein immer wieder angesprochener Streitpunkt der Corona-Gegner: das Thema Meinungsfreiheit. Um diese Annahme zu widerlegen, trat Kabarettist Florian Schröder jüngst bei einer Veranstaltung von „Querdenken 711“ auf - die Veranstalter fielen auf ihn rein.

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