„Omega Tattoo“ in Stuttgart-Ost

Stuttgarter Tätowierer sticht ausschließlich vegan: EU-Farbverbot „erschwert mir die Arbeit“

Tätowierer Antonio Barbaro bei der Arbeit in seinem Tattoostudio in Stuttgart.
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Das Verbot bestimmter Farbstoffe durch die EU erschwere seine Arbeit, sei aber nicht existenzgefährdend, sagt Tätowierer Antonio Barbaro aus Stuttgart.
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    VonJulian Baumann
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Antonio Barbaro sticht in seinem Studio „Omega Tattoo“ ausschließlich vegan. Das Farbverbot der EU erschwert ihm die Arbeit, ist für ihn aber nicht existenzbedrohend.

Stuttgart - Auch in Baden-Württemberg entscheiden sich immer mehr Menschen für eine vegetarische oder vegane Lebensweise. Der Verzicht auf tierische Produkte ist dabei nicht nur auf die Nahrungsmittel beschränkt, sondern vielen beispielsweise auch bei Make-up und Kosmetik wichtig. Auch Tätowierer Antonio Barbaro aus Stuttgart verwendet für seine Tätowierungen Farben ohne tierische Bestandteile. Jedoch nicht, weil er es muss, sondern weil es für ihn einfach dazugehört, sagt der Betreiber des Studios „Omega Tattoo“ in der Landhausstraße in Stuttgart-Ost im Interview mit BW24.

Durch die sogenannte REACH-Verordnung, die Anfang Januar in Kraft trat, hat sich auch bei Omega Tattoo bei der Auswahl der verwendeten Farben und Töne einiges geändert. Die REACH-Verordnung (Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals) wurde von der EU-Kommission bereits seit 2008 entwickelt und sorgte zu Beginn des Jahres 2022 für Schlagzeilen, weil viele Stoffe in Tattoofarben damit de facto verboten wurden. Der Markt hat sich allerdings bereits an die Verordnung angepasst und bietet Alternativen an, die auch vegan sind.

„Omega Tattoo“ in Stuttgart bietet vegane Tätowierungen - „Frei von jeglichem Tierleid“

Wer sich bewusst für eine vegetarische oder vegane Lebensweise entscheidet, tut das manchmal aus gesundheitlichen Gründen. Oftmals steht aber das Tierwohl im Fokus der Entscheidung. Antonio Barbaro lebt selbst seit sieben Jahren vegetarisch, zwei davon streng vegan. Dass er in seinem Studio in Stuttgart vegane Tätowierungen sticht, sieht er aber nicht als Spezialisierung an. „Es ist nicht so, dass ich das extra machen muss, das gehört bei mir einfach dazu“, erklärt er gegenüber BW24. „Deshalb sehe ich das auch nicht als Spezialisierung oder Extraangebot.“

Antonio Barbaro sieht vegane Tätowierungen nicht als Spezialisierung oder Extraangebot an.

Eine Freundin, die bei der Tierschutzorganisation PETA arbeitet, habe angefragt, ob bei den Tattoos auch wirklich alles vegan sei. „Im Zuge dessen bin ich meine Produkte im einzelnen nochmal durchgegangen, um zu prüfen, dass wirklich alles vegan ist. Auch die Produkte, von denen ich dachte, dass sie ohnehin vegan sind.“ Eine vegane Tätowierung bedeutet, dass alle verwendeten Materialien kein Tierleid erzeugt haben und frei von tierischen Bestandteilen sind. „Das heißt, Tierversuche sind bei diesen Produkten ausgeschlossen“, sagt Barbaro. „In der veganen Szene sagt man als Überbegriff: Frei von jeglichem Tierleid.“ Zudem achten die Tätowierer bei Omega Tattoo in Stuttgart darauf, nachhaltige und umweltschonende Materialien zu verwenden. „Sodass unsere Tattoos Tieren und möglichst der Umwelt nicht schaden.“

Stuttgarter Tätowierer über das EU-Farbverbot - „eher rational als emotional geleitet“

Antonio Barbaro, der bei Omega Tattoo von zwei weiteren selbstständigen Künstlern unterstützt wird, ist auf die Stile „Floral“, „Ornamental“ und „Black-Dotwork“ spezialisiert. Bei den Farbakzenten hat er bislang auf Produkte des US-Unternehmens „Eternal Ink“ zurückgegriffen. Durch die REACH-Verordnung der EU ist das seit Anfang Januar nicht mehr möglich. „Aktuell arbeite ich mit keinen Farbakzenten“, sagt er im Gespräch mit BW24. „Die weiße Tattoofarbe habe ich von ‚IamInk‘ aus Österreich, aber es gibt schon von ‚World Famous‘ die neue ‚Limitless Line‘, die für den europäischen Markt gemacht wurde.“ Und diese Farben sind eben auch vegan.

Als die REACH-Verordnung immer genauere Konturen annahm, befürchteten einige Tätowierer, dass ihnen durch das Verbot Kunden wegfallen und sie in Zukunft nur noch schwarz-weiße Tätowierungen stechen dürfen. „Tätowierer sind ja auch nur Menschen und Menschen reagieren in der Regel sehr emotional“, sagt Antonio Barbaro. Das treffe vor allem bei solchen Nachrichten zu. „Ich war da eher rational als emotional geleitet“, erklärt er. „Ich konnte mir von Anfang an nicht vorstellen, dass riesige Hersteller, die einen Absatzmarkt in Europa haben, sagen: Ach ja, die paar Millionen, da haben wir keine Lust mehr drauf.“

„Es gab nie eine wirklich krasse Umstellung“, sagt Tätowierer Antonio Barbaro

Im Zuge der REACH-Verordnung ist meistens von einem Farbverbot die Rede. Dass auch verschiedene Schwarztöne von dem Verbot betroffen sind, wurde erst sehr spät bekannt. „Am Anfang wusste ich selber nicht, dass auch Schwarz betroffen ist“, sagt Antonio Barbaro. Seit November 2021 oder noch früher habe es aber bereits die REACH-konforme Farbe von ‚IamInk‘ gegeben. „Deshalb wusste ich, zur Not arbeite ich eben mit diesem Hersteller weiter“, so der Tätowierer aus Stuttgart. Er sei davon ausgegangen, dass andere Hersteller auf lange Sicht nachziehen. „Ich habe mir da nie wirklich Sorgen gemacht, habe aber den Luxus, dass ich nicht wirklich viel mit Farben arbeite.“

Das Studio „Omega Tattoo“ befindet sich in der Landhausstraße im Stuttgarter Osten (ältere Aufnahme).

Tätowierer, die vermehrt mit Farbakzenten arbeiten, sind von dem Verbot seit Anfang Januar stärker betroffen. Konkret verbietet die REACH-Verordnung chemische Inhaltsstoffe, die mutmaßlich krebserregend sind. „Aber viele Tätowierer, auch eine Tätowiererin, bei der ich selber bin, haben gesagt, mit Farbe machen wir dann halt erst in ein paar Monaten weiter, wenn alles steht“, so Antonio Barbaro gegenüber BW24. „Dadurch, dass ‚World Famous‘ bereits im Januar viele oder fast alle Farben zur Verfügung gestellt hat, gab es aber nie eine wirklich krasse Umstellung.“ Nun würden aber manche behaupten, dass diese Farben nicht ausreichend geprüft und damit nicht REACH-konform seien. „Das ist aber Unsinn, die Datenblätter sind frei einsehbar.“

EU-Verordnung erschwert das Tätowieren auf einer handwerklichen Ebene

Weil Antonio Barbaro hauptsächlich ohne Farbe arbeitet und es für Schwarz bereits Alternativen gibt, beeinflusst ihn das EU-Verbot nicht so, dass er jetzt nicht mehr weiterarbeiten könnte. „Auf einer handwerklichen Ebene beeinträchtigt mich das Verbot aber schon“, macht er deutlich. Bei den neuen Schwarztönen sei das deutlich zu bemerken. „Ich arbeite aktuell mit dem Schwarz von ‚Killer Black‘ aus Italien und die Farbe ist viel flüssiger als die, mit der ich bisher gearbeitet habe“, sagt Barbaro. „Das erschwert mir die Arbeit auf einer handwerklichen Ebene.“ Er brauche nun mehr Zeit und die Farben seien auch teurer geworden. „Da bemerke ich es schon, aber das Verbot ist nicht existenzbedrohend für mich.“

Dass die neuen Schwarztöne deutlich flüssiger sind als die herkömmlichen, liegt laut dem Tätowierer aus Stuttgart daran, dass weniger Farbpigmente beinhaltet sind, um damit der REACH-Verordnung zu entsprechen. Es stelle sich in Bezug auf das Verbot aber die Frage, wie sinnvoll das ist. „Am Ende des Tages hat man auf die Fläche betrachtet ja dieselben Stoffe im Körper“, erklärt Antonio Barbaro gegenüber BW24. „Das ist das Kernproblem, weswegen sich gerade alle aufregen und ich mich natürlich auch.“ Bereits seit 2008 habe man mit den Farben gearbeitet, sie seien also ausreichend getestet und geprüft. „Die Farben sind de facto sicher, es gab nie große oder schlimme Folgen“.

Inzwischen haben mehrere große Hersteller Alternativen zu den beanstandeten Farbstoffen auf dem Markt. Diese neuen Produkte sind aber eben noch nicht lange im Einsatz. „Man hat ja nicht mehr die Sicherheit, dass diese Farben sich auch über mehrere Jahre bewährt haben und wirklich sicher sind“, sagt Antonio Barbaro. Im weiteren Schritt sieht die REACH-Verordnung vor, die Farbpigmente „Green 7“ und Blue 15“ im Januar 2023 zu verbieten. „Das ist dann das eigentliche Problem“, so Barbaro. „Soweit ich weiß, gibt es für diese beiden Pigmente noch keine Alternative.“ Demnach würden rund zwei Drittel der Farben wegfallen, da man sie nicht anders herstellen könne.

 

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