In den Abend- und Nachtstunden

Stuttgart: Mädchen und Frauen fürchten Übergriffe - „Können sich nicht ohne Angst bewegen“

Die Stuttgarter Haupteinkaufstraße Königstraße in den Abendstunden.
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Vor allem in den Abend-und Nachtstunden vermeiden Mädchen und Frauen aus Angst vor Übergriffen die Stuttgarter Innenstadt.
  • Julian Baumann
    VonJulian Baumann
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Die baden-württembergische Landeshauptstadt Stuttgart gilt eigentlich nicht als krimineller Hotspot. Einige Gebiete der Stadt werden jedoch vor allem Nachts für Mädchen und Frauen zur Angstzone.

Stuttgart - Die Landeshauptstadt Stuttgart galt lange Zeit als biedere und bei bösen Zungen auch langweilige Reichenstadt, in der eigentlich nicht viel passiert. Seit den Ausschreitungen in Stuttgart im Juni vergangenen Jahres kommt es jedoch immer wieder zu Krawallen und Auseinandersetzungen mit der Polizei in der Stadt. Dass es in einer Großstadt mit rund 700.000 Einwohnern hin und wieder zu Straftaten und auch Gewaltverbrechen kommt, ist wohl nicht vollständig vermeidbar.

Laut einer Studie haben jedoch vor allem junge Frauen und Mädchen in den Abend- und Nachtstunden in Stuttgart Angst vor Übergriffen, wie die Stuttgarter Zeitung berichtet. Deshalb sind viele zu diesen Zeiten nicht mehr gerne in der Innenstadt unterwegs oder vermeiden Hotspots wie Bushaltestellen, die öffentlichen Verkehrsmittel oder Sportplätze.

Stuttgart: Frauen fühlen sich vor allem Nachts nicht sicher

Aufgrund des Coronavirus in Baden-Württemberg war sozialer Kontakt und damit auch das Feiern für lange Zeit nur mit sehr starken Einschränkungen möglich. Seit den deutlichen Lockerungen in Baden-Württemberg kommt es in Stuttgart dagegen immer wieder zu Party-Exzessen. Die Stadt verhängte bereits ein Aufenthaltsverbot für mehrere beliebte Plätze. Die Beamten der Polizei Stuttgart sind stark in der Innenstadt vertreten. Genau diese aufgeheizte Party-Stimmung schreckt viele Mädchen und Frauen davon ab, zu später Stunde noch durch die Stadt zu laufen. Laut einer Umfrage des Jugendrats Stuttgart-West haben junge Mädchen in Stuttgart abends Angst.

Die immer öfter vorkommenden Party-Exzesse an beliebten Plätzen in Stuttgart haben auch die Stuttgarter Jugendrätin Nina Östreicher davon abgebracht, abends oder nachts in die Innenstadt zu gehen, sagte sie im Interview mit der Stuttgarter Zeitung. Das bestätigt auch Suvi-Kerstin Welt von der Landesarbeitsgemeinschaft Mädchenpolitik Baden-Württemberg. Laut ihr treten die angsteinflößenden Situationen bereits im jungen Alter auf. „Die besten Plätze auf dem Pausenhof nehmen immer die Jungs in Beschlag“, hätten ihr bereits Grundschülerinnen berichtet.

Stuttgart: Mädchen und Frauen können sich „nicht frei und ohne Angst bewegen“

Laut einer Umfrage der Landesarbeitsgemeinschaft Mädchenpolitik Baden-Württemberg betrifft die Angst und Unsicherheit in der Stuttgarter Innenstadt und den Außenbezirken nicht nur junge Frauen und Mädchen. „Das Thema betrifft alle Altersgruppen und Schichten“, sagt Suvi-Kerstin Welt laut der Stuttgarter Zeitung. Vor allem an Haltestellen und Knotenpunkten wie dem Stuttgarter Hauptbahnhof hätten viele Angst vor einem Übergriff. „Mädchen berichten, dass ihnen an die Brüste gefasst oder unter den Rock fotografiert wird.“ Das zeige, dass sich junge Frauen und Mädchen „nicht frei und ohne Angst bewegen können und sich ebenso wie erwachsene Frauen anpassen“, so Welt weiter.

Um einer Anmache, einem sexuell motivierten Spruch oder sogar einem Übergriff zu entgehen, greifen viele Frauen und Mädchen zu psychologischen Tricks. Sie kleiden sich demnach möglichst unauffällig, wenn sie in Stuttgart unterwegs sind und sagen bei einer Anmache, sie hätten bereits einen Freund. Das Bedürfnis über schlechte Erfahrungen zu berichten sei riesig, sagt Suvi-Kerstin Welt laut der Stuttgarter Zeitung. Sie und ihre Kolleginnen bieten deshalb Selbstbehauptungskurse und Kurse zur Stabilisierung von jungen Frauen und Mädchen untereinander an. Das sei jedoch nur ein Ansatz. Um etwas zu verändern brauche es alle Geschlechter, so Welt weiter.

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