Müll und Zigarettenstummel

„Blödsinn“: Respektlotsen sollen Jugendliche in Stuttgart auf ihr Verhalten ansprechen - Idee sorgt für Spott

Jugendliche im Nachtleben. (Symbolbild)
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In Stuttgart sollen Respektlotsen Jugendliche auf ihr Verhalten ansprechen. (Symbolfoto)
  • Anna-Lena Schüchtle
    vonAnna-Lena Schüchtle
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In Stuttgart treffen sich jeden Tag Tausende vor allem junge Menschen auf öffentlichen Plätzen und in Parks. Um ihnen Respekt beizubringen, hat, die Landeshauptstadt ein neues Projekt ins Leben gerufen: die Respektlotsen.

  • In Stuttgart treffen sich regelmäßig Tausende Menschen auf öffentlichen Plätzen und in Parks, um zu feiern.
  • Weil nach Ansicht der Landeshauptstadt vor allem junge Menschen nicht immer einen respektvollen Umgang mit Mensch und Umwelt an den Tag legen, wurde ein neues Projekt entwickelt.
  • Die sogenannten Respektlotsen sollen ab sofort mit jungen Menschen über Respekt reden.

Stuttgart - In Städten wie Tübingen oder Stuttgart beobachten Polizei und Politik mit Sorge die Entwicklung im Nachtleben und auf bestimmten öffentlichen Plätzen, wo es vor allem abends zu großen Menschenansammlungen kommt. Die Universitätsstadt verdoppelte etwa die Sicherheitsleute, die unter anderem die Maskenpflicht und Abstandsregeln zum Schutz vor Covid-19 durchsetzen sollen. Besonders auf dem Österberg in Tübingen kommt es regelmäßig zu einem großen Menschenauflauf. Dort treffen sich vor allem am Wochenende Hunderte Jugendliche, von denen viele aufgrund von aggressivem Verhalten, Lärm und viel Müll negativ auffallen.

Ähnliche Zustände werden auch in Stuttgart beobachtet, wo sich vor allem freitags- und samstagabends Tausende Menschen auf öffentlichen Plätzen zum Feiern treffen. In die Schlagzeilen geriet beispielsweise der Eckensee im Oberen Schlossgarten, wo Mitte Juni die Ausschreitungen in Stuttgart ihren Anfang nahmen. Hunderte junge Menschen treffen sich dort täglich in Gruppen. Und auch der Feuersee sowie der Marienplatz gelten als urbane Treffpunkte. Vor allem letzterer entwickelt sich in Stuttgart mehr und mehr zum Schandmal für Corona-, aber auch Müllsünder.

Wochenende in Stuttgart: Vor allem junge Menschen in Parks und auf öffentlichen Plätzen hinterlassen viel Müll

Die negative Entwicklung in Bezug auf achtlos weggeworfenen Müll nahm die Stadt Stuttgart bereits zum Anlass für ihre Kampagne Stuttgart macht‘s rein!, mit der sie das „Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger für Sauberkeit in der Stadt schärfen und zum Mitmachen animieren“ will, wie es auf ihrer Internetseite heißt. Ein weiteres Projekt der Landeshauptstadt startete nun am Sonntag: das sogenannte Respektlotsenprojekt.

„Im öffentlichen und halböffentlichen Raum [...] kommt es immer wieder zu Spannungen zwischen verschiedenen Nutzergruppen. Hier ist es wichtig, dass gerade junge Menschen für ein respektvolles Miteinander, aber auch für Aspekte des Umweltschutzes einstehen.“ 

Bürgermeister Dr. Martin Schairer in einer Pressemitteilung der Stadt Stuttgart

Mit dem Vorhaben möchte sich die Stadt Stuttgart gezielt an „vor allem junge Menschen“ richten und diese „auf Augenhöhe zum Thema Respekt ansprechen“, wie es in einer Pressemitteilung heißt. Dabei kommen bislang 15 sogenannte Respektlotsen und -lotsinnen zum Einsatz. Diese arbeiten ehrenamtlich und versuchen mit Personen „respektvoll ins Gespräch zu kommen“, um sie beispielsweise auf eine achtlos auf den Boden geworfene Zigarette oder zurückgelassenen Müll im Park aufmerksam zu machen.

 „Wir können nicht etwas einfordern, was wir selbst nicht bereit sind zu geben“, erklärt Alexandra Sußmann, Bürgermeisterin für Soziales und gesellschaftliche Integration in Stuttgart. „Unser Motto lautet deshalb Respekt geben! Respekt teilen!‘“ Um sich auf den Umgang mit den vor allem jungen Menschen sowie die rechtlichen Hintergründe vorzubereiten, erhielten die Respektlotsen eine Schulung, bei der sie sich unter anderem Regeln für Zivilcourage, Körpersprache, Kommunikationstipps und Verbal‐Aikido aneigneten. Bei letzterem handelt es sich nicht wie man vermuten könnte um eine Kampfform, sondern die Kunst des Überzeugens.

Respektlotsen sollen in Stuttgart auf junge Menschen zugehen und mit ihnen über Respekt reden

Im Netz reagiert man auf das neue Respektlotsenprojekt der Stadt Stuttgart eher belustigt bis verständnislos. „Die Respektlotsen lotsen die Respektlosen“, witzelt ein Kommentator auf Twitter. Auch auf Facebook amüsiert sich jemand über das Wortspiel im Namen des Projekts: „Respektlotsen? Wenn es um Namensfindung geht, sind bei unseren Politikern keine Grenzen gesetzt“.

Andere Kommentatoren halten die Maßnahmen der Stadt Stuttgart für nutzlos. In einem Tweet heißt es: „Wie weltfremd sind die Verantwortlichen in dieser Stadt? Die einzige Sprache, die diese jungen Menschen verstehen, ist harte, konsequente Bestrafung“. Dieser Ansicht pflichten viele bei. So schreibt ein Twitter-Nutzer: „Das ist doch nur Aktionismus. Müll liegen lassen ist schon heute zumindest eine Ordnungswidrigkeit. Zur Durchsetzung gibt es Ordnungsamt und Polizei“.

Auch andere wundern sich über das Projekt in Stuttgart: „Ich dachte das steht schon lange unter Strafe, seinen Müll so in die Landschaft zu schmeißen? Was soll so ein Blödsinn wie Respektlotsen? Ganz einfach 200 Euro für eine Zigarettenkippe und sie werden sehen wie schnell die Leute lernen. Vielleicht mal nach Singapur schauen?“ Singapur gilt als eine der saubersten Städte der Welt. Grund dafür ist, dass dort rigoros mit Müll-Sündern umgegangen wird. Schon ein weggeschmissenes Bonbon-Papier kann in Singapur eine Strafe von umgerechnet um die 600 Euro nach sich ziehen.

Ausschreitungen in Stuttgart nahmen vom Oberen Schlossgarten ausgehend ihren Lauf - dort treffen sich viele Gruppen junger Menschen

Nach den Vorkommnissen rund um die Ausschreitungen in Stuttgart sowie die ohnehin schwierigen Verhältnisse auf öffentlichen Plätzen und in Parks diskutierte man auch in der Landeshauptstadt über ein mögliches Alkoholverbot. Auch Ministerpräsident Winfried Kretschman befürwortete dies mit den Worten, dass der Schlossgarten nicht dazu da sei, „dass man sich öffentlich besäuft“.

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