Für eine „Kirche ohne Angst“

„Einfach starke Frauen“ - Ordensschwestern von Stuttgarter Klinik werden für LGTBQ+-Zeichen gefeiert

Die Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul solidarisieren sich im Marienhospital halten eine Regenbogenfahne hoch.
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Starke Aktion: Die Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul solidarisieren sich im Marienhospital mit der Initiative #OutInChurch.
  • Franziska Vystrcil
    VonFranziska Vystrcil
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Die Ordensschwestern am Stuttgarter Marienhospital setzen ein klares Zeichen: Kirchenmitarbeiter sollten lieben dürfen, wen sie möchten. Die Aktion begeistert das Netz.

Stuttgart - Die Kirche in Baden-Württemberg und in ganz Deutschland hat aktuell mit ihrem Image zu kämpfen. Missbrauchsskandale sowie alte Weltvorstellungen, Dogmen und Ansichten werfen kein gutes Licht auf die Glaubensgemeinschaften. Das wirkt sich auch auf die Mitgliederzahl aus: Zum Jahresbeginn verzeichnen die Standesämter im Land eine Zunahme der Kirchenaustritte.

Dass nicht alle Mitglieder und Mitarbeiter der katholischen Kirche mit den Vorgängen und Entscheidungen der Obigen einverstanden sind, zeigt eine Aktion der Ordensschwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul des Marienhospitals in Stuttgart. Auf einer Steintreppe stehen die Frauen in Habit gekleidet und halten eine Regenbogenfahne vor sich hoch. Damit wollen die Ordensschwestern ein Zeichen setzen, das tief berührt.

Marienhospital-Schwestern zu LGTBQ+-Bewegung: „Der Mut dieser Menschen beeindruckt uns sehr“

Mit ihrer Aktion solidarisieren sich die Frauen mit der Initiative „#OutInChurch - Für eine Kirche ohne Angst“, bei der queere Katholiken für mehr Rechte und Akzeptanz kämpfen. Ihre Forderung: Die sexuelle Orientierung soll auch in der Kirche keine Rolle mehr spielen. Die Protestbewegung gegen die Leitenden der katholischen Kirche wird immer lauter und stärker. Auch die Ordensschwestern wehren sich gegen Diskriminierung in der Kirche. „Für uns als Ordensschwestern und Träger des Marienhospitals ist es eine Selbstverständlichkeit, hier mit allen Menschen – unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung bzw. Identität – zusammenzuarbeiten“, schreiben die Frauen zu ihrem Foto auf Facebook.

Die LGTBQ+-Bewegung in der katholischen Kirche hat auch bei den Ordenschwestern Eindruck hinterlassen. „Der Mut dieser Menschen beeindruckt uns sehr. Wir hören ihre Geschichten, Erfahrungen, Wünsche und Ängste und sind davon tief bewegt. Vielen Dank, dass ihr stellvertretend für viele die Stimme erhoben habt!“, so die Frauen weiter. Auch die Geschichte von Transmann Theo Schenkel bewegte viele Menschen. Er hat sich mit vielen anderen in der katholischen Kirche geoutet und will weiterhin Religion unterrichten.

Ihr Anliegen ist klar: „Wir stellen uns bewusst an die Seite derer, die ausgeschlossen und diskriminiert werden. Auch wir wünschen uns eine Kirche ohne Angst. Daher unterstützen wir die Forderungen der Initiative #OutInChurch – auch im Hinblick auf die Veränderungen des kirchlichen Arbeitsrechts.“

Ordensschwestern begeistern das Netz: „Danke für so viel Courage und tatsächliche Nächstenliebe!“

Im Netz werden die Ordensschwestern für ihre Aktion gefeiert. Auf Facebook finden sich hunderte unterstützende Kommentare. „Dem Druck von innen kann die Kirche nicht ewig standhalten. Danke für so viel Courage und tatsächliche Nächstenliebe!“, schreibt ein Nutzer begeistert. „Die aktiven Menschen in der Kirche sind längst viel weiter als ihre Repräsentanten“, äußert sich eine Frau zur Solidaritätsaktion der Schwestern.

„Einfach starke Frauen - den Stimmen alter, weißer Männer lauscht die Welt seit über 500 Jahren - es müssen andere Stimmen zum Tragen kommen“, findet ein weiterer User. In rund 195 Kommentaren solidarisieren sich Facebooknutzer mit den Ordensschwestern, loben sie für ihr Vorgehen.

„Zu 90 Prozent haben wir positive Reaktionen“, sagt Eileen Hoffmann von der Pressestelle des Marienhospitals gegenüber der Stuttgarter Zeitung. Nur einen Hasskommentar habe sie bisher löschen müssen.

Facebook-Userin berichtet von Diskriminierung - Marienhospital will sich zu Fall erkundigen

Einem Teil des Facebookpost widerspricht allerdings eine ehemalige Betroffene. Wie die Schwestern schreiben, dürfen Mitarbeiter im Haus „Mensch sein“. „Uns ist nicht bekannt, dass in unserem Hause Mitarbeiter*innen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung von Kolleg*innen diskriminiert wurden“, so die Frauen weiter. Eine Frau berichtet in einem ausführlichen Kommentar jedoch von anderen Erfahrungen. „Ich finde, dass dies ein richtiger und wichtiger Schritt ist, der nun auch gelebt werden will“, beginnt sie ihre Nachricht.

Nach eigenen Angaben machte sie von 1997 bis 2000 am Marienhospital eine Ausbildung in der Pflege. Damals bekam sie seitens von Vorgesetzten zu hören, ihre „burschikose Art“ komme nicht an. „Auch, wenn das Bild und die Stellungnahme aktuell so wichtig und gut sind, fühle ich mich ein wenig veralbert und habe Mühe zu glauben, was ich sehe und lese. Wie steht ihr zu euren Handlungen aus der jüngeren Vergangenheit?“, will sie wissen.

Das Social-Media-Team des Marienhospitals reagiert prompt. Man wolle sich erkundigen, ob man zu dem Punkt und Vorfall noch etwas in Erfahrung bringen könne. Der Freude bei den Facebooknutzern tut dies keinen Abbruch. Viele verweisen auf die damalige Zeit, in der gleichgeschlechtliche Liebe ein Tabuthema war. „Starke Aktion und Reaktion! Das hat meinen größten Respekt - diesen starken Frauen und Ordensschwestern!“

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