Arthaus-Theater Stuttgart

Chef des ältesten Stuttgarter Kinos: Folgen von Corona „in schlimmsten Alpträumen nicht vorstellbar“

Das Delphi-Kino in Stuttgart.
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Das Delphi ist das älteste Kino Stuttgarts.
  • Julian Baumann
    VonJulian Baumann
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Das Coronavirus wurde für die Kulturbranche zum großen Problem. Im Gespräch mit BW24 fand der Betreiber des ältesten Kinos in Stuttgart nun harte Worte - vor allem für die Politik.

Stuttgart - Die Betreiber kultureller Einrichtungen im Südwesten haben turbulente Zeiten hinter sich. Aufgrund des Coronavirus in Baden-Württemberg waren Veranstaltungen für lange Zeit nicht möglich. Im vergangenen Jahr wurde beispielsweise auch das Cannstatter Volksfest abgesagt, dass auch in diesem Jahr nicht stattfinden soll. Die Kultur in Stuttgart hatte ebenfalls unter den ständig neuen Corona-Maßnahmen zu kämpfen und musste gleich zwei Lockdowns überstehen.

In der Landeshauptstadt Stuttgart gibt es eine große Anzahl an Kinos und Theater. Im Laufe der Pandemie veränderten sich die Bedingungen für einen Kinobesuch mehrfach. Im Gespräch mit BW24 spricht Peter Erasmus, Geschäftsführer und Betreiber der Arthaus-Theater in Stuttgart, über die Herausforderungen in der Coronakrise und wie er die harte Zeit überstanden hat.

Kinos im Corona-Lockdown: „Das Schlimmste im ersten Lockdown war die Angst“, sagt Peter Erasmus

Die noch immer anhaltende Corona-Krise begann im Februar vergangenen Jahres. Bereits wenige Wochen später, am 16. März, begann der erste Lockdown. Theater und Kinos mussten schließen. „Das Schlimmste war die Angst, wie wir das überleben würden“, sagt Peter Erasmus heute, fast eineinhalb Jahre später, im Gespräch mit BW24. Der Geschäftsführer des Delphi Arthaus-Kinos und des Ateliers am Bollwerk betreibt die Kinos schon seit 44 Jahren in Stuttgart und hat nach eigener Aussage bereits einige Höhen und Tiefen miterlebt. „Aber dass einem der Laden auf unabsehbare Zeit geschlossen wird, man keine Einnahmen mehr hat und trotzdem auf allen Kosten sitzen bleibt – so etwas konnte man sich ja in seinen schlimmsten Alpträumen nicht vorstellen“, sagt er.

Die Angst war letztlich viel größer als die Realität.

Peter Erasmus, Geschäftsführer der Arthaus-Theater Stuttgart

Obwohl viele Kulturschaffende in Baden-Württemberg über mangelnde und zögerliche Hilfen von der Landesregierung klagten, kann Peter Erasmus das für seine Kinos nicht sagen. „Wir haben von Anfang an Unterstützung bekommen“, erklärt er. Dazu zählten neben den Überbrückungshilfen des Landes auch Hilfen durch von der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM) und von der MFG Baden Württemberg, sowie Spenden und Gutscheinverkäufe.

Die Arthaus-Theater haben sich demnach mit allen möglichen Hilfsmitteln durchgeschlagen. Dadurch stand die Wiedereröffnung der Kinos nicht auf der Kippe. „Die Angst war letztlich viel größer als die Realität“, so Erasmus. „Natürlich ging unser Konto oft genug Richtung null – aber dann kam irgendwie wieder frisches Geld in die Kasse.“

Corona-Verordnungen: Kinobetreiber und Mitarbeiter mussten selber nachprüfen, welche Regel gilt

Nach dem acht Monate andauernden Lockdown aufgrund des Coronavirus in Baden-Württemberg können die Kultureinrichtungen seit Ende Juni 2021 wieder öffnen. Durch die fortschreitende Corona-Impfung in Baden-Württemberg trat zudem am 16. August eine neue Fassung der Corona-Verordnung in Kraft. Die Inzidenz spielt im Südwesten seitdem keine Rolle mehr und mit dem sogenannten 3G-Nachweis (geimpft, genesen, negativ getestet) ist nahezu alles wieder möglich. Die Kinos können demnach die Säle wieder voll belegen, müssen jedoch vor Einlass den 3G-Nachweis überprüfen.

Eine Benachrichtigung über die neue Corona-Verordnung haben die Kinobetreiber laut Erasmus vorab allerdings nicht bekommen. „Wenn man einen Erlass beschließt, dann schickt man normalerweise an die Betriebsinhaber einen Brief und erklärt, welche Regeln beispielsweise ab nächster Woche gültig sind“, sagt Peter Erasmus. Das sei in der gesamten Pandemie nicht geschehen. Deshalb mussten der Betreiber und seine Mitarbeiter selber nachprüfen, was gerade gilt. „Dann kommt jemand an die Kinokasse und sagt, das stimme nicht, inzwischen gelte diese und jene Regelung“, so Erasmus. Anschließend müsse man wiederum prüfen, ob der Besucher vielleicht recht habe. „Das nervt dann total.“

Die 3G-Regelung gilt in den Arthaus-Kinos in Stuttgart nicht erst seit der neuen Verordnung. Dennoch ist die Kontrolle nun deutlich aufwändiger geworden. „Unter der Woche kann unser Personal das noch nebenher schaffen, am Wochenende brauchen wir zusätzliche Mitarbeiter, die nichts anderes machen, als die 3G-Regeln zu kontrollieren“, erklärt Peter Erasmus. Zudem müssen die Mitarbeiter auch weiterhin die Kontaktdaten der Besucher aufnehmen. „Das sind umfangreiche Verwaltungsvorgaben, die wir zu befolgen haben“, so Erasmus.

Erasmus: Kulturministerium unterstützt die Kinos, doch das Sozialministerium stellt sich quer

Die neue Verordnung sei jetzt übersichtlicher, da die Inzidenz als Richtwert wegfalle. „Wobei ich auch nicht unbedingt sehen möchte was passiert, wenn dieser Wert mal wieder über 250 oder höher liegt“, sagt Erasmus. „Ob da nicht doch wieder jemand panisch auf die Bremse drückt.“ Sich selbst für eine geringere Auslastung der Kinosäle entscheiden, könnten die Betreiber ihm zufolge nicht. Das liege an Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) der an vorderster Front entscheide. „In den darunter angesiedelten Behörden ist man übervorsichtig und hat Angst, einen Fehler zu machen“, sagt Erasmus.

Staatssekretärin Petra Olschowski (Grüne) im Ministerium für Wissenschaft und Kunst sei beispielsweise absolut auf der Seite der Kinos. Zudem habe man auch die Unterstützung fast aller wichtiger Leute, die in der Kultur tätig sind. „Aber auch die kommen nicht am Sozialministerium und an Herrn Kretschmann vorbei“, so Erasmus.

Deutschlandweit musste fast kein Kino wegen der Corona-Pandemie schließen, sagt Peter Erasmus

Die Stuttgarter Arthauskinos Delphi und Atelier am Bollwerk haben die Lockdowns aufgrund umfassender Hilfen überstanden. Aufgrund mangelnder Unterstützung hätte deutschlandweit fast kein Kino wegen der Corona-Pandemie schließen müssen, sagt Peter Erasmus im Gespräch mit BW24. „Aber wir wollen ja keine Unterstützung mehr, wir wollen wieder normal arbeiten können.“ Dass die Corona-Tests ab Oktober kostenpflichtig sein sollen, bereitet dem Kinobetreiber keine Sorgen. „Ich hoffe, dass diese Entscheidung, die ja rechtzeitig kommt, viele noch dazu bringen wird, sich doch impfen zu lassen, damit wir zu einer höheren Impfquote kommen“, so Erasmus.

Er finde die Entscheidung richtig. „Es kann nicht sein, dass die Mehrheit für 20 oder 30 Prozent Impfverweigerer ewig die Tests zahlen soll“, macht Peter Erasmus deutlich. Ob das eine Auswirkung auf die Kinobesucher habe, weil manche zusätzlich zu einer Karte dann auch den Tests bezahlen müssten, könne er nicht sagen. „Wie sich das dann auf den Kinobesuch auswirken wird, werden wir sehen“, sagt er. „Das kann niemand vorhersagen.“   

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