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Reportage zeigt krassen Alltag von Intensivpflegern des Klinikums Stuttgart - „kann man sich nicht vorstellen“

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Von: Valentin Betz

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Die Corona-Pandemie verlangt der Gesellschaft viel ab. Besonders belastend ist die Lage auf den Intensivstationen - zum Beispiel für die Pfleger des Klinikums Stuttgart.

Stuttgart - Die Corona-Pandemie hat vor zwei Jahren Gesellschaften weltweit völlig verändert. Trotz Impfstoffen und weitreichender Maßnahmen ist das Virus auch in Deutschland nach wie vor nicht unter Kontrolle. Auch in Baden-Württemberg hat das Coronavirus großen Schaden angerichtet. Während der Infektionswellen geriet zusehends auch das Pflegepersonal in den Kliniken in den Fokus - eine Zeit lang klatschten die Menschen regelmäßig für das Personal in Krankenhäusern.

Nach wie vor arbeiten Menschen in medizinischen Berufen aufgrund des Coronavirus am Limit. Das Youtube-Format Y-Kollektiv hat sich in einer zweiteiligen Reportage eigentlich mit der Frage beschäftigt, wie es den Geimpften in der Pandemie geht. Im zweiten Teil begleitet der Reporter eine Schicht der Pfleger auf der Intensivstation des Klinikums Stuttgart. Die Bilder zeigen den krassen Alltag des Personals - und dass sie trotz aufopferungsvoller Schwerstarbeit mit Bedrohungen und Unverständnis kämpfen müssen.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Wer auf der Intensivstation landet „gibt seine Würde ab“

Eigentlich ist es keine Neuigkeit, dass sich auf den Intensivstationen durch das Coronavirus in Baden-Württemberg dramatische Szenen abspielen. Bereits Anfang des vergangenen Jahres gab es in acht Landkreisen kein freies Intensivbett mehr. Selbst an Bildern und Eindrücken von den Krankenhäusern im Land mangelt es im Grunde nicht. Erst kürzlich zeigte ein Video der Uniklinik Freiburg die dramatische Corona-Lage auf der Intensivstation. Aktuell (Stand 21. Januar) liegen 296 Corona-Fälle auf der Intensivstation, 13.516 Menschen haben ihre Infektion nicht überlebt.

Trotzdem geraten im Alltag schnell die Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen und die Kritiker und Verschwörungsgläubigen in den Fokus. Mit letzteren haben auch die Intensivpfleger des Klinikums Stuttgart bereits Erfahrungen gemacht. Einige wollten deshalb zunächst nicht im Rahmen der Reportage des Y-Kollektivs gefilmt werden, willigen dann aber doch ein.

Covid-Intensivstation
Coronavirus in Baden-Württemberg: Die Pfleger auf der Intensivstation des Klinikums Stuttgart arbeiten am Limit. Trotzdem werden sie angefeindet und sogar bedroht. © Marijan Murat/dpa

Der Reporter begleitet einen Intensivpfleger für eine komplette Schicht - und ringt schon recht früh mit der Fassung. „Überall liegen Körper, an Maschinen angeschlossen, sehen kaum noch aus wie Menschen“, erklärt er. Diesen Eindruck bestätigen ihm auch die Pflegekräfte. „Wenn man hier landet, dann gibt man seine Würde ab“, erzählen sie ihm.

Corona-Intensivstation des Klinikums Stuttgart: Patienten sind jünger, als während vorheriger Wellen

Die Intensivstation des Klinikums Stuttgart ist theoretisch nicht nur für Corona-Patienten gedacht. Die Realität sieht allerdings anders aus. Abgesehen von einer Person leiden alle in Stuttgart an Covid-19, die meisten seien unter 60, so der Reporter des Y-Kollektivs. Laut Intensivpfleger seien etwa 80 Prozent der Behandelten ungeimpft, unter den Geimpften kämen viele mit Vorerkrankungen oder ohne Auffrischimpfung in die Klinik.

Der Gang durch die einzelnen Zimmer der Intensivstation von Bett zu Bett ist dann zu gleichen Teilen makaber, traurig und schlichte Realität. Pro Woche würden zwei bis drei Corona-Patienten sterben, erklärt der Intensivpfleger dem Reporter. Im Klinikum Stuttgart sähe es für vier von acht Intensivpatienten aktuell nicht gut aus. „Das ist Standard“, erklärt der Pfleger.

Eine Patientin mit Coronainfektion leidet zusätzlich an Krebs und erhält deshalb bereits 100 Prozent Sauerstoff. Der Reporter fragt, ob sie es schaffen werde. „Nein, niemals“, so die schlichte Antwort des Pflegers. Von einer anderen Patientin haben sich die Kinder noch vor der künstlichen Beatmung verabschiedet. Als die „Hölle“ beschreibt der Pfleger dieses Erlebnis.

Alltag auf der Intensivstation des Klinikums Stuttgart: Pfleger berichten von harter Arbeit und Bedrohungen

Die Belastung für das Pflegepersonal auf der Intensivstation des Klinikums Stuttgart ist sowohl psychischer, als auf physischer Natur. Patienten müssen teils mehrmals am Tag in die Bauchlage befördert werden. Teilweise sind dafür drei Pfleger notwendig. Der Reporter des Y-Kollektivs ist bereits nach knapp zwei Stunden der Schicht „schon richtig durch“, dabei beschreiben die Intensivpfleger den Tag noch als ruhig.

„Welche Belastungen das wirklich sind, kann man sich glaube ich einfach nicht vorstellen“, so der Pfleger. Hinzu kommt, dass das Personal des Klinikums nicht nur den harten Arbeitsalltag bewältigen muss. Unter den Kollegen herrsche enormer Frust - auch, weil viele angefeindet würden. Das ginge sogar so weit, dass mitunter Intensivpatienten das Personal angingen und deren Behandlung infrage stellten - während diese um deren Leben kämpften.

Trotz dieser Bilder bemüht sich der Reporter des Y-Kollektivs abschließend, einen Dialog anzustoßen statt zu polarisieren. Nur bei seinem Fazit bleibt er deutlich: „Lasst so einen Scheiß wie Menschen bedrohen.“

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