Hilfsverein Wolja als erste Anlaufstelle

„Sie weinen und rufen, sie seien endlich frei“ - so läuft die Hilfe für Ukraine-Flüchtlinge in Stuttgart ab

Eine ukrainische Frau weint und wird von einer weiteren getröstet
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Die Flüchtlinge aus der Ukraine weinen oft bei ihrer Ankunft und sind erleichtert, es geschafft zu haben, wie die Mitbegründerin des Vereins Wolja in Stuttgart berichtet.
  • Nadja Pohr
    VonNadja Pohr
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Die Stadt Stuttgart schlägt Alarm aufgrund der hohen Zahl an Ukraine-Flüchtlingen. Im Gespräch mit BW24 erzählt die Gründerin des Vereins Wolja, wie es um die Hilfen steht.

Stuttgart - Täglich kommt eine Vielzahl an Menschen aus der Ukraine in den deutschen Städten an - auch in Stuttgart. Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann (Grüne) sprach zuletzt von einem „Zustrom in nie gekanntem Ausmaß“, den die Stadt gerade erlebe. Immer mehr Flüchtlinge werden in der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg registriert. Die Kapazitäten an Unterbringungen schwinden, doch Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) versprach, dass man die Lage im Griff habe.

Der Hilfsverein Wolja Stuttgart ist für viele der Geflüchteten am Hauptbahnhof die erste Anlaufstation. Gegründet wurde der Verein von drei Frauen - Julia Melnyk, Vita Kochurova und Maria Azzarone. Einen Tag nach dem ersten Angriff auf die Ukraine war ihnen klar, dass sie etwas tun müssen, wie Maria Azzarone im Gespräch mit BW24 erzählt.

„Die ankommenden Menschen sind sehr glücklich, dass sich vor Ort direkt jemand um sie kümmert“, sagt Azzarone. „Der Krieg und die Flucht sind eine enorme psychische Belastung. Da hilft es schon sehr viel, wenn einfach jemand da ist, um zu reden.“

Ukraine-Flüchtlinge in Stuttgart: Lieferengpässe und fehlende Unterkünfte erschweren die Hilfen

Doch auch Maria Azzarone ist sieht, dass die Kapazitäten der Stadt mit dem Zustrom der Flüchtlinge langsam ausgereicht sind. „Von Tag zu Tag kommen mehr an. Die temporären Aufnahmeeinrichtungen stoßen an ihre Grenzen“, berichtet die Mitbegründerin von Wolja. Unter anderem gebe es Lieferengpässe bei Feldbetten, die mittlerweile zusätzlich in einer Nebenhalle der Porsche-Arena aufgestellt werden. „Von dauerhaften Unterkünften brauchen wir aktuell gar nicht zu sprechen, bei so vielen Flüchtlingen in so kurzer Zeit“, so Azzarone. Man stellt sich bereits die Frage, was passieren werde, wenn der Krieg länger andauern sollte und noch mehr Flüchtlinge kämen.

„Es stockt momentan schon sehr“, findet sie und berichtet BW24, dass dies auch an veralteten Prozessen liegen würde. „Gestern konnte beispielsweise ein Zoom-Meeting nicht stattfinden, weil die Internetleitung zu schlecht war.“ Aktuell habe man ein tägliches Briefing mit der Stadt. „Eine digitale Kapazitätsverwaltung wäre jedoch wesentlich hilfreicher“, so Azzarone. Sie betont jedoch, dass es ohne die Unterstützung der Stadt nicht funktionieren würde. Die Helfer wünschen sich darüber hinaus einen besseren Informationsfluss mit Berlin oder den Stellen an der ukrainischen Grenze, denn die Zahl der ankommenden Flüchtlinge sei derzeit einfach nicht planbar.

Hilfsverein Wolja in Stuttgart: „Die Menschen kommen an, weinen und rufen, dass sie endlich frei seien“

Am Hauptbahnhof hat der Verein Wolja Plakate auf Ukrainisch und mit einem QR-Code aufgehängt. Dadurch können sich die Menschen direkt an den Hilfsverein wenden, wenn sie ankommen. „Ich bin stolz darauf, dass wir das bei der Deutschen Bahn durchbringen konnten“, sagt Maria Azzarone. Sie hat die Idee an das Bahnunternehmen weitergeleitet. „Mittlerweile haben wir zu den Plakaten auch schon bundesweite Anfragen bekommen.“

Vita Kochurova, Anasia Schulz, Julia Melnyk, Maria Azzarone und Vlad Trutniev (v.l.n.r.) vor dem Plakat, das den Flüchtlingen aus der Ukraine am Hauptbahnhof in Stuttgart als erste Anlaufstelle dient.

Es sei immer wieder ein emotionales Erlebnis, wenn die Menschen in Stuttgart ankommen. „Die Menschen kommen an, weinen und rufen, dass sie endlich frei seien“, berichtet sie. Aber auch schon schreckliche Erfahrungen hat Azzarone gemacht. Eine Ukrainerin mit drei Kindern habe eine Unterkunft gesucht, woraufhin sich ein Mann aus der Region gemeldet hatte. „Wir haben sie dann vermittelt und plötzlich wollte der Mann 3.000 Euro für den Aufenthalt bei ihm“, erzählt sie. „Sie hatte natürlich kaum Geld, da meinte er, sie könne das sexuell abarbeiten.“ Maria Azzarone verständigte daraufhin die Polizei und stellte Strafanzeige.

Corona-Tests bei Flüchtlingen - Auch andere Krankheiten kommen vor

Nachdem die Ukraine-Flüchtlinge angekommen sind, werden sie von den Helfern des Wolja-Teams erst einmal aufgeklärt, wie die Gegebenheiten in Stuttgart sind. Die Kommunikation erfolgt dabei auf Ukrainisch: „Eine gemeinsame Sprache verbindet und gibt Geborgenheit.“ Danach geht es zur Registrierung und seit neuestem wird dabei auch ein Corona-Test gemacht. Maria Azzarone berichtet jedoch, dass die Ankömmlinge viele andere Krankheiten wie Tuberkulose oder sogar Kinderlähmung haben. Die Flüchtlinge werden deshalb direkt versorgt.

Aktuell besteht das Team von Wolja aus sieben festen Mitgliedern und hunderten ehrenamtlichen Helfern. Es werden weiterhin Helfer gesucht, die vor allem Ukrainisch sprechen und am Bahnhof vor Ort sind. Für Spenden empfiehlt Maria Azzarone vor allem kleine und leicht verstaubare Utensilien, denn die Flüchtlinge kommen oft bereits vollgepackt an und können kaum noch etwas aufnehmen.

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