Schutz vor Coronavirus

An die Frau, die an der Supermarkt-Kasse ein fremdes Kind hysterisch auf den Mindestabstand hingewiesen hat

Kundin packt mit Mundschutz an der Supermarkt-Kasse ihre Ware ein, die Kassiererin schaut zu
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Stuttgart: In einem Supermarkt wies eine Frau ein fremdes Kind auf den Mindestabstand hin (Symbolfoto)
  • Sabrina Hoffmann
    vonSabrina Hoffmann
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Eine Frau stand in einem Supermarkt in Stuttgart an der Kasse, als sich ein Fünfjähriger hinter ihr anstellte. Ihre Reaktion ließ mich ungläubig zurück.

  • Unsere Autorin war in einem Supermarkt in Stuttgart einkaufen, als sich ein fünfjähriger Junge alleine an der Kasse anstellte
  • Die Kundin vor ihm wies ihn brüsk auf den Mindestabstand hin, der wegen des Coronavirus in Baden-Württemberg gilt
  • Ein Brief an die Frau, die es mit den Maßnahmen zum Schutz vor Covid-19 etwas zu genau nimmt

Liebe Unbekannte, ich habe sie vor wenigen Tagen in einem Supermarkt beim Einkaufen gesehen, genauer gesagt in einem Bioladen in Stuttgart. Außer uns kaufte auch ein Vater mit seinen beiden Söhnen dort ein. Der ältere Junge war etwa fünf Jahre alt, sein kleiner Bruder so um die zwei. Beide Kinder trugen keinen Mundschutz, denn laut Corona-Verordnung besteht in Baden-Württemberg erst ab sechs Jahren Maskenpflicht.

Der Vater fragte seinen älteren Sohn: „Magst du die Pfandflaschen abgeben oder soll das Jonas machen?“ Der Fünfjährige antwortete: „Ich mache das, der Jonas ist zu wild.“ Der Vater lachte und wiederholte: „Der ist zu wild? Ok.“ Ich ging an den dreien vorbei und erledigte meinen Einkauf.

Begegnung im Supermarkt in Stuttgart: Sie warteten an der Kasse, hinter Ihnen der Fünfjährige

Sie, liebe Unbekannte, fielen mir erst an der Supermarkt-Kasse des kleinen Ladens in Stuttgart auf. Sie warteten gerade darauf, dass der Kassierer Ihre Waren abscannte, als hinter ihnen der fünfjährige Junge anstand. Er war alleine, weil sein Vater schon vor der Tür den Einkauf verstaute. In seiner kleinen Hand hielt der Junge einen Pfandzettel. „Bekomme ich jetzt Rausgeld“, piepste er den Kassierer an, der daraufhin lachen musste. „Ja, du bekommst gleich Rausgeld“, sagte der Kassierer.

Sie, liebe Unbekannte, wollten gerade bezahlen, als der Fünfjährige immer dichter an sie heranrückte. Er war aufgeregt, trippelte vor Vorfreude auf sein „Rausgeld“ herum. Und was taten Sie - die Frau mit dem tannengrünen Poncho und dem Pagenschnitt, die den kleinen Jungen um einen Meter überragte?

Sie wiesen dieses fünfjährige Kind brüsk an, den Mindestabstand einzuhalten und schickten ihn zu der nächsten Markierung am Boden zur��ck. Der Junge guckte eingeschüchtert und ging zu der Markierung. Er war jetzt ganz still. Sie packten Ihre Einkäufe und gingen davon. Ich konnte kaum glauben, was ich da gerade mitangesehen hatte.

Mundschutz und Mindestabstand: Ich finde die Corona-Schutzmaßnahmen in Stuttgart wichtig

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich gehöre nicht zu den Corona-Skeptikern, die bei den Demos in Stuttgart nach ihren Grundrechten krähen oder Verschwörungstheorien verbreiten. Im Gegenteil. Ich finde die Maßnahmen, die Baden-Württemberg zum Schutz vor dem Coronavirus verordnet hat, richtig und notwendig. Wenn ich die vielen erwachsenen und vermeintlich zurechnungsfähigen Menschen in der Bahn sehe, die ihren Mundschutz unter der Nase tragen, macht mich das wütend.

Doch irgendwo sollte das Bestreben nach dem Schutz vor dem Coronavirus in Baden-Württemberg und anderen Bundesländern meiner Meinung nach eine Grenze haben. Und die verläuft für mich genau dort, wo Menschen im Supermarkt fremde fünfjährige Kinder hysterisch anweisen, den Mindestabstand einzuhalten. Die gefürchteten Aerosole, über die das Coronavirus übertragen wird, hätten vermutlich gar keine Chance gehabt, von dem Kleinen bis zu ihnen nach oben zu gelangen.

Wegen des Coronavirus neigen Menschen zu Extremen

Mal abgesehen davon, dass Sie doch längst selbst gemerkt haben müssten, dass es im öffentlichen Leben unmöglich ist, jederzeit zu allen anderen Menschen 1,5 Meter Abstand zu halten. Spätestens wenn Sie eine belebte Einkaufspassage wie die Königstraße in Stuttgart entlanggehen - oder eben in einem Supermarkt einen Gang durchqueren müssen. Da können Sie mir doch nicht erzählen, dass es den entscheidenden Unterschied macht, wenn zwei Minuten lang ein Fünfjähriger hinter Ihnen steht.

Sie, liebe Unbekannte, sind für mich ein Beispiel dafür, wie das Coronavirus in Baden-Württemberg und andernorts Menschen auf die Extreme zutreibt. Die Nerven sind bei vielen Leuten so angespannt, dass sie wegen Kleinigkeiten austicken. Auf der einen Seite rasten Fahrgäste wie jüngst in aus, wenn sie im Zug eine Maske tragen sollen. Auf der anderen Seite brüllen Passanten „Hallo, Corona???“ wenn man ihnen beim Vorbeigehen zu nahe kommt. Beides ist mir zuwider.

Ist das wirklich die Natur des Menschen? Verlieren so viele von uns im Angesicht einer Krise jede Beherrschung, jedes Augenmaß, jede Vernunft? In Baden-Württemberg und im Rest Deutschlands ist die Coronavirus-Pandemie noch vergleichsweise glimpflich verlaufen - und doch hat sie schon ausgereicht, damit der Schleier der Zivilisation bei großen Teilen der Bevölkerung fällt. Als wären wir im Krieg und nicht inmitten einer Gesundheitskrise, die die meisten Menschen einfach nur zu Hause absitzen mussten.

Natürlich ist die Coronakrise eine ungewohnte und furchteinflößende Situation. Viele Menschen müssen drastische finanzielle Einbußen verkraften, weil das Coronavirus die Wirtschaft sogar im reichen Baden-Württemberg lähmte. Aber wir müssen uns nicht im Keller vor Bomben verstecken, Durst oder Hunger leiden. Es ist Corona, nicht der 3. Weltkrieg.

Warum führen sich viele Menschen auf, als lebten wir plötzlich in einer gesetzlosen Gesellschaft, in der jeder ums eigene Überleben kämpfen muss? Bei aller Vorsicht täten Ihnen, liebe Unbekannte, und einigen anderen ein bisschen Gelassenheit gut.

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