Rassistisches Schulbuch

„Nur noch irre und krank“: Stuttgarter Verlag benennt „Indianerhefte“ um und erntet Kritik

Cover des Heftes "Richtig rechnen 2" aus der Reihe "Meine Anoki-Übungshefte"
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Nach Rassismus-Vorwürfen will der Ernst Klett Verlag nun das Cover der „Meine Anoki-Übungshefte" anpassen.
  • Anna-Lena Schüchtle
    vonAnna-Lena Schüchtle
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Aufgrund der klischeehaften und stereotypen Darstellung amerikanischen Ureinwohner erhielt der Ernst Klett Verlag in Stuttgart viel Kritik. Jetzt zieht er Konsequenzen.

Stuttgart - Der Ernst Klett Verlag in Stuttgart sieht sich mit Rassismus-Vorwürfen konfrontiert und zieht nun Konsequenzen. Das Thema „Rassismus in Kinderbüchern“ wird in der Öffentlichkeit immer wieder heiß diskutiert - nicht erst seit den „Black live matter“-Demos. Viele ältere Werke stehen unter dem Vorwurf, diskriminierende und aus der Kolonialzeit stammende Begrifflichkeiten zu verwenden. Bekanntestes Beispiel ist Astrid Lindgrens beliebtes KinderbuchPippi Langstrumpf“.

In dessen ursprünglicher übersetzter Fassung wird der Vater des starken Mädchens mit den auffälligen roten Zöpfen als „Negerkönig“ bezeichnet. Nach viel Kritik erhält er in den Neufassungen den Titel „Südseekönig“. Zuletzt gerieten Michael Ende und seine Geschichten über Jim Knopf in die Schlagzeilen. Kritisiert wurde die stereotype und klischeehafte Darstellung der dunkelhäutigen Titelfigur sowie die verwendete Sprache, die auf einem veralteten Weltbild beruht.

Rassismus-Vorwurf: Ernst Klett Verlag in Stuttgart ändert Titel und Cover von „Meine Indianerhefte“

Auch der Ernst Klett Verlag in Stuttgart erhielt bereits vor längerer Zeit zahlreiche Beschwerden, wobei sich vor allem Eltern über die Produktreihe „Meine Indianerhefte“ empörten. Die Übungshefte gibt es für die Klassenstufen eins bis vier und sollen Grundschülern beispielsweise beim Lesen, Schreiben und Rechnen unterstützen. Auch an vielen Schulen wurden sie als Unterrichtsmaterial verwendet.

Den Titel der Hefte hat der Ernst Klett Verlag mittlerweile geändert. Benannt sind sie jetzt nach der gleichnamigen Titelfigur, die durch die Übungen führt: „Meine Anoki-Übungshefte“. In einigen Bildungseinrichtungen scheint es jedoch noch Restbestände der ursprünglichen Fassung zu geben. So beispielsweise in einer Grundschule in Hamburg, wo „Meine Indianerhefte“ im Unterricht immer noch zum Einsatz kommen.

„Eine andere Mutter und ich haben schon letzten Herbst angemerkt, dass wir es nicht in Ordnung finden, dass das ‚Indianerheft‘ in der Schule benutzt wird. Weil es rassistische Stereotype reproduziert“, zitiert das „Hamburger Abendblatt“ eine Instagram-Nutzerin. Denn neben dem ursprünglichen Titel der Übungshefte des Ernst Klett Verlags sind es auch die Cover, die bei den Eltern für Unverständnis sorgen. Darauf zu sehen: ein Junge mit dem stereotypen Aussehen eines Ureinwohners von Amerika.

Auch auf diese Kritik reagiert der Verlag aus Stuttgart nun und passt die visuelle Darstellung der „Meine Anoki-Übungshefte“ an. „Wir teilen die Ansicht, dass sich Schülerinnen und Schüler heute kritisch mit den Themen (Post)Kolonialismus, Rassismus, Diversität und Migration auseinandersetzen müssen“, sagt der Ernst Klett Verlag dazu in einer Pressemitteilung und teilt mit, künftig „auf jegliche Bezüge zur indigenen Bevölkerung“ verzichten zu wollen.

Bei Twitter stieß die Entscheidung des Ernst Klett Verlags zum Indianerheft teils auf Unverständnis. Einige Kommentatoren bezeichnen die Eltern, die sich über die Bücher beschwert haben, als fanatisch. „Nur noch irre und krank“, urteilte beispielsweise ein Nutzer. Ein anderer twitterterte: „Meine Fresse, was ist bloß passiert in Deutschland.“

Ernst Klett Verlag in Stuttgart: Cover von „Meine Anoki-Übungshefte“ wird nach Rassismus-Vorwurf geändert

Die geänderte Fassung der „Meine Anoki-Übungshefte“ soll nach Angaben des Ernst Klett Verlags ab Januar 2021 in den Neuerscheinungen sichtbar sein. Anschließend werde auch der Nachdruck bei den älteren Ausgaben und den Apps umgesetzt.

In Stuttgart entbrannte dieses Jahr bereits vor den Geschehnissen rund um „Black lives matter“ in einem ähnlichen Zusammenhang eine Diskussion. Eine Online-Petition forderte, dass das Wappen des Stadtteils Möhringen geändert wird. Der Grund: Im Wappen ist die klischeehafte Darstellung eines „Mohren“ zu sehen. Wie viele Kinderbücher entstand auch das Wappen in einer Zeit, die von einem anderen Weltbild als heutzutage geprägt war.

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