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Managerin gibt Top-Job bei Daimler auf, um Menschen für gesundes Essen zu begeistern

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Von: Franziska Vystrcil

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Sandra Herrmann, die Gründerin von foodtprint, mit einer Gemüsekiste
Mit ihrem Start-up „foodtprint“ hat sich Sandra Herrmann selbstständig gemacht. Nur regionale und saisonale Produkte landen in den Kisten. © Sandra Herrmann/foodtprint

Von Tokio nach Altbach, von Daimler aufs Gemüsefeld: Sandra Herrmann hat ihr Leben komplett umgekrempelt und „foodtprint“ ins Leben gerufen. BW24 hat mit ihr über ihr Start-up gesprochen.

Stuttgart - Manchen Menschen fallen Veränderungen leichter als anderen. Mit der Angst vor etwas Neuem geht auch oft die Angst vor Entscheidungen einher. Nicht selten braucht es einen Anstoß, um das Wagnis einzugehen. So erging es auch Sandra Herrmann. Die ehemalige Daimler-Mitarbeiterin entschied sich, ihren Job aufzugeben, um sich ihrer Passion zuzuwenden: Gesunde Ernährung. Mit ihrem Start-up „foodtprint“ will sie den Menschen in und um Stuttgart regionales und saisonales Essen näher bringen.

Die Entscheidung, alles Bekannte hinter sich zu lassen und mit 39 nochmal neu anzufangen, hat sie keinesfalls bereut. BW24 sprach mit Sandra Herrmann über ihre Entscheidung, Daimler zu verlassen, den Neubeginn und ihre Liebe zu gesundem Essen.

Stuttgarterin krempelt nach Krebsdiagnose ihr Leben um: „foodtprint“ liefert regionales Obst und Gemüse

Seit sechs Wochen ist der Onlineshop von „foodtprint“ online. Auf ihr „Baby“, wie Sandra Herrmann ihr Start-up nennt, ist sie sichtlich stolz, denn damit hat sie ihr Hobby zum Beruf gemacht. Und das, ohne berufliche Erfahrung im Lebensmittelbereich. Zuvor war Sandra Herrmann fast zwölf Jahre bei Daimler angestellt. In Stuttgart geboren und im Odenwald aufgewachsen, ist die Baden-Württembergerin hier tief verwurzelt. Nach ihrem Studium in Worms schloss sie ihre Diplomarbeit bei AMG in Affalterbach ab. Von da an startete ihre Karriere beim Stuttgarter Autobauer. Von 2009 bis 2017 arbeitete sie bei AMG, ging anschließend als Teamleiterin für vier Jahre nach Japan.

Doch irgendwann bemerkte die Stuttgarterin, dass sie ihr Job nicht mehr glücklich machte. „Ich kam irgendwann mit diesem Managementstil nicht mehr klar“, erklärt sie. „Das hat einfach nicht mehr meinen Vorstellungen entsprochen. Ich konnte mich damit nicht mehr identifizieren“, sagt Sandra Herrmann weiter. „Ich habe schon immer für meinen Job gebrannt. Doch dieses Feuer ist leider ausgegangen.“

Der letzte Anstoß, etwas in ihrem Leben verändern zu wollen, kam für Sandra Herrmann schließlich durch eine schreckliche Diagnose. Bei der 39-Jährigen wurde Brustkrebs festgestellt. „Das war dann der letzte Arschtritt, den ich gebraucht habe, um etwas zu ändern. Dann habe ich mein ganzes Leben umgeschmissen, habe Ende 2021 gekündigt, bin zurück nach Deutschland und habe foodtprint gegründet.“

Regional und saisonal: Sandra Herrmann kämpft mit „foodtprint“ für regionalen Anbau

Der Schritt zum Neuanfang war kein leichter, doch bereut hat ihn Sandra Herrmann nie. „So eine Diagnose ändert einfach alles“, sagt sie. Plötzlich sei ihr bewusst geworden, wie endlich das Leben ist. „Und ich dachte mir, nein, das kann es nicht gewesen sein. Ich hatte auch so viel Wut und Trauer. All das habe ich genommen und in meine neue Firma gesteckt“, erinnert sie sich. „Schade, dass man den Arschtritt braucht, aber so ist das manchmal“, fügt sie lachend hinzu.

Mit ihrem Start-up bedient sie einen aktuellen Trend: Die Nachfrage nach biologisch erzeugten Lebensmitteln steigt in Deutschland immer weiter an. Gleichzeitig wächst auch das Interesse der Konsumenten an regionalen Produkten. Die Vorteile hiervon liegen auf der Hand: kurze Transportwege, frischere und saisonale Produkte sowie die Stärkung regional ansässiger Unternehmen. Hier setzt auch „foodtprint“ an. Sandra Herrmann liefert ihren Kunden Gemüse- und Obstkisten, die ausschließlich aus regionalem sowie saisonalem Anbau stammen.

„Gesunde Ernährung und Kochen sind mein Hobby. Seit sehr vielen Jahren beschäftige ich mich damit“, erzählt sie. Die Idee zu „foodtprint“ entstand aus mehreren Beweggründen heraus. Zum einen ärgerte sich Sandra Herrmann schon lange darüber, welch weite Wege einige Lebensmittel zurücklegen müssen, ehe sie bei uns auf dem Teller landen - obwohl wir vieles direkt vor der Haustüre haben. Auch ihre Zeit in Japan hat sie hier geprägt. „In Japan ist es schwierig, darauf zu achten, wo die Lebensmittel herkommen. Die Beziehung zu chemischen Hilfsmitteln ist eine ganz andere als in Deutschland. In Japan muss das Essen immer schön aussehen. Das hat mich irgendwann angekotzt“, sagt sie ehrlich.

Der persönliche Kontakt zu Bauern und Erzeugern ist Sandra Herrmann daher besonders wichtig. Sie weiß ganz genau, wie Karotte, Paprika und Co. angebaut werden. „Jeder, der bei mir kauft, kann sich sicher sein, dass ich vorher gecheckt habe, wo das Gemüse und Obst herkommt“, erklärt sie.

Stuttgarter Start-up: „Ich hoffe, damit auch ein Bewusstsein zu generieren, dass alles einen Wert hat“

Das Gemüse und Obst von „foodtprint“ stammt aus der näheren Umgebung von Esslingen, wird nicht importiert oder in Plastik verpackt. Immer freitags liefert Sandra Herrmann die Kisten an ihre Kunden aus. Wie bei einer Art Pfandsystem wird dann die leere Kiste gegen eine neue befüllte ausgetauscht. Selbst die Papiereinlagen oder die Papierschalen für Pilze werden wiederverwendet. „Ich hoffe, damit auch ein Bewusstsein zu generieren oder auch zu schärfen, dass alles einen Wert hat“, erklärt die Stuttgarterin. Auch der Unverpackt-Drogerieladen „OhnePlaPla“ in Stuttgart zeigt, dass es ohne Plastik und unnötiger Verpackung geht.

Aktuell liefert Sandra Herrmann bis nach Ludwigsburg, Tamm, Kornwestheim, Stuttgart, Sindelfingen, Böblingen, Esslingen, Göppingen, Kirchheim und in den gesamten Rems-Murr-Kreis. In Zukunft sollen auch die Gebiete Tübingen und Reutlingen hinzukommen. Jedes Mal erwartet die Kunden eine „Überraschungs-Gemüse-Kiste“, wie Sandra Herrmann sagt. Denn jede Woche kann sich der Inhalt ändern, je nach Verfügbarkeit und Saison. „Es ist für viele schon eine Herausforderung, nicht zu wissen, was in der nächsten Kiste kommt, und was man daraus kocht“, sagt sie. Darum liefert die Unternehmerin auch Rezeptvorschläge mit ihren Gemüse- und Obstkisten.

Auf einem Gartengrundstück in Oberesslingen baut sie auch selbst einiges an. Auf 800 Quadratmetern wachsen Radieschen, Salat, Rosenkohl, Paprika, Chili, und Fenchel. „Ich baue dort auch besondere Sorten an, etwa lila Kartoffeln oder bunte Tomaten“, erzählt sie. „Verhältnismäßig sind es noch kleine Mengen, da ich selbst erst einmal testen möchte.“ Wer weiß: Vielleicht liefert Sandra Herrmann in ihren „foodtprint“-Kisten in Zukunft sogar Produkte aus dem eigenen Garten aus.

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