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Vieles fehlt in der Corona-Pandemie, doch der Cannstatter Wasen gehört nicht dazu

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Von: Valentin Betz

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Die Pläne der Schausteller sehen für das Herbstfest kein Zelt vor.
Der Cannstatter Wasen kehrt trotz Corona zurück. Ich wünschte, er würde mitsamt seiner vollen Festzelte einfach weg bleiben. © Sebastian Gollnow/dpa

Aufgrund des Coronavirus in Baden-Württemberg konnte der Cannstatter Wasen lange nicht stattfinden. Das dürfte auch nach der Pandemie gerne so bleiben.

Stuttgart - Das Coronavirus in Baden-Württemberg machte große Veranstaltung lange Zeit unmöglich. Menschenmassen dicht gedrängt an einem Ort waren schon vor der globalen Pandemie nicht gerade hygienisch, insofern war das Aussetzen von Konzerten, Partys und Volksfesten vertretbar. Inzwischen mehren sich aber trotz hoher Inzidenzen die Rufe nach Lockerungen. Das würde besonders für die feierwütige Bevölkerung in der Landeshauptstadt Stuttgart gute Nachrichten bedeuten.

Denn so könnte nicht nur der Cannstatter Wasen im Herbst 2022 trotz Corona zurückkehren. Auch das Pendant am Jahresanfang steht aktuell unter einem guten Stern. Zwar planen die Verantwortlichen eine „Light“-Version ohne Festzelte, das Stuttgarter Frühlingsfest soll aber stattfinden. Für die Schausteller und Betreiber freut mich das aus wirtschaftlicher Sicht. Ansonsten muss ich leider sagen: Die Corona-Pandemie war und ist eine entbehrungsreiche Zeit, während der vieles gefehlt hat. Die Volksfeste auf dem Cannstatter Wasen gehörten allerdings nicht dazu - und dürften aus meiner Sicht gerne für immer verschwinden.

Cannstatter Wasen trotz Corona: Niemand braucht ein Volksfest, das den Rausch zelebriert

Nun habe ich als jemand, der keinen Alkohol trinkt und sich ständig dafür rechtfertigen muss, keinen leichten Stand mit dieser Meinung. Trotzdem gibt es für mich keine Veranstaltung, die unser absurdes Verhältnis zum Alkohol so anschaulich präsentiert, wie die beiden Volksfeste auf dem Cannstatter Wasen. Wer sonst schon krumm für seine Abstinenz angeschaut wird, dem droht in einem der Festzelte ohne Maßkrug in der Hand die Steinigung.

Niemand, der bei klarem Verstand ist, hält es in den lauten Festzelten bei miserabler Musik ohne Rausch aus. Das Partyvolk pilgert in Massen an einen Ort, um sich diesen dann mit absolut nicht maßvollem Maßkonsum schön zu trinken - noch absurder kann es nicht werden. Es wird sich mir nie erschließen, wie Menschen fröhlich das Festzelt verlassen können, nachdem sie sich zuvor drei Liter Bier einverleibt haben und das dann als gelungenen Tag titulieren. Ohne Alkohol wäre der Cannstatter Wasen obsolet - und das ist traurig.

Die Volksfeste auf dem Cannstatter Wasen sind nicht mehr als eine teure Konsumparty

Hinzu kommt: Wer am nächsten Morgen mit einem ordentlichen Kater erwacht, staunt nicht schlecht, wenn er danach einen Blick in den Geldbeutel wirft. Der Preis für eine Maß Bier nähert sich selbst in Stuttgart auf dem Cannstatter Wasen inzwischen der Marke von elf Euro. Die Rechtfertigung der Betreiber sind stetig steigende Kosten. Wer nicht auf nüchternen Magen trinken will und zwischendurch im einen oder anderen Fahrgeschäft provoziert, sich die Getränke im Anschluss noch einmal durch den Kopf gehen lassen zu müssen, lässt ganz schön Kohle auf den Volksfesten liegen.

Apropos durch den Kopf gehen lassen. Zwei Jahre lang konnte der Cannstatter Wasen nicht stattfinden, um eine Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern. Dabei waren die Volksfeste schon davor nicht gerade das Paradebeispiel für gelungene Hygienekonzepte. Auf den Toiletten stand ich regelmäßig im Urin meiner Vorpinkler und die letzten Mahlzeiten vieler Besucher konnte ich ebenfalls an allen Ecken und Enden analysieren. In den Zelten herrscht ein solch tropisches Klima, dass eine Mischung aus Wer-weiß-das-schon von der Decke tropft.

Das Schlimmste daran ist aber: Diese Form der Belästigung beschränkte sich beim Cannstatter Wasen noch nie ausschließlich auf das Areal des Volksfestes. Ich gehe schon seit Jahren nicht mehr dorthin, durfte aber in der Bahn auf dem Heimweg trotzdem in den Genuss der herrlichen Geruchsmischung aus Urin und Erbrochenem kommen. Hinzu kommen all die betrunkenen Pöbler, die dich im besten Fall einfach nur zuquatschen, im schlimmsten Fall aber aggressiv werden. Mit der Polizei Stuttgart würde ich während der Volksfeste wahrlich nicht tauschen wollen. Trotzdem werden wieder Tausende zum Cannstatter Wasen pilgern, wenn er dieses Jahr wieder stattfindet - während ich Zuhause sitze und mir wünsche, er wäre für immer weg geblieben.

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