Bahnprojekt Stuttgart-Ulm

Stuttgart 21: Kosten, Fertigstellung, Protest: Alle Fakten zu dem umstrittenen Megaprojekt

  • Lisa Schönhaar
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Obwohl die Bauarbeiten für Stuttgart 21 bereits begonnen haben, steigen die Kosten für den neuen Tiefbahnhof weiter. Die Proteste gegen das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm dauern an.

  • Stuttgart 21 ist eines der größten Bauprojekte in Baden-Württemberg und wird voraussichtlich erst Ende 2024 fertiggestellt.
  • Derzeitige Schätzungen gehen von Gesamtkosten zwischen 7 und 10 Milliarden Euro aus.
  • Die Proteste gegen den Tiefbahnhof im Rahmen des Bahnprojekts Stuttgart-Ulm dauern an, obwohl per Bürgerentscheid im Jahr 2011 abgestimmt wurde, dass das Projekt weiterlaufen darf.

Stuttgart - Bei Stuttgart 21 handelt es sich um eines der größten und umstrittensten Bauprojekte Deutschlands. Der Plan des Verkehrs- und Städtebauprojekts besteht darin, den Hauptbahnhof von Stuttgart, der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg, unter die Erde zu verlagern.

Im Rahmen des Projekts Stuttgart 21 sollen neben dem Tiefbahnhof elf neue, überwiegend unterirdische Strecken sowie vier neue Personenverkehrsstationen entstehen - darunter der neue Hauptbahnhof. Ursprünglich sollte das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm bis 2019 fertig sein. Nach aktuellem Stand (Mai 2020) könnte sich die Fertigstellung bis Ende 2024 verzögern. Der neue Tiefbahnhof in Stuttgart wird allein mehr als vier Milliarden Euro kosten. Hinzu kommen Kosten von etwa vier Milliarden Euro für den geplanten Ausbau der ICE-Strecke von Stuttgart über Ulm nach München.

Stuttgart 21 und Tiefbahnhof: Umstrittenes Großprojekt mit steigenden Kosten

Schon mehr als 100 Jahren besteht die Idee, den Hauptbahnhof von Stuttgart unter die Erde zu verlegen. Aktuell wird noch der historische Kopfbahnhof genutzt, der bei den Stuttgartern beliebt ist, aber die Geschwindigkeit des Verkehrs reduziert. Ein Durchgangsbahnhof wie Stuttgart 21 würde die Reisezeiten mit dem Zug deutlich verkürzen. Zum Beispiel würde die Fahrt vom neuen Tiefbahnhof in Stuttgart nach München nur noch 102 Minuten statt 140 Minuten dauern.

Stuttgart 21: Gegner des Bauprojekts demonstrieren immer wieder vor dem Hauptbahnhof.

Obwohl die Bauarbeiten an Stuttgart 21 bereits begonnen haben, gibt es nach wie vor erbitterte Gegner und Demonstrationen gegen das Verkehrs- und Städtebauprojekt. Eine Angst besteht darin, dass der Tiefbahnhof zu einem Geldgrab wird, denn die Kosten für Stuttgart 21 steigen immer weiter an. Kritiker von Stuttgart 21 nehmen an, dass die Gesamtkosten sich auf bis zu zehn Milliarden Euro belaufen könnten. Neben der finanziellen Belastung sorgen sich die Gegner des Bahnprojekts Stuttgart-Ulm auch um die Umwelt.

Stuttgart 21: Verkehrs- und Städtebauprojekt soll Landeshauptstadt attraktiver machen

Im Jahr 1994 entstanden die ersten konkreten Pläne zum Umbau des Hauptbahnhofs Stuttgart. Es wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, den der bekannte Architekt Christoph Ingenhoven mit seinem Stuttgart 21-Design im Jahr 1997 gewann. Es handelt sich bei seinem Konzept für Stuttgart 21 um einen futuristischen Neubau, von dem an der Oberfläche nur 23 Kuppeln zu sehen sind. Diese sollen den unterirdischen Bahnhof mit frischer Luft und Tageslicht versorgen. Auf dem freien Gelände könnten laut Ingenhoven neue Bauvorhaben wie die Schlossgarten-Philharmonie umgesetzt werden. Außerdem wäre es möglich, auf der oberirdisch freigewordenen Fläche bis zu 30.000 neue Wohn- und Arbeitsplätze zu schaffen.

Geplant ist, dass der neue Hauptbahnhof von Stuttgart, dessen Bezeichnung „21“ für das 21. Jahrhundert steht, ein Null-Energie-Bahnhof wird. Die intelligente Nutzung von natürlichen Energien und Ressourcen soll bei Stuttgart 21 CO2-Emissionen reduzieren. Wärme aus Grundwasser und aus Luftströmen in den Tunneln soll dafür sorgen, dass in dem Tiefbahnhof keine Energiezufuhr für Heizung, Kühlung oder Belüftung nötig ist. Darüber hinaus ist geplant, mit Solarmodulen eine eigene Energieerzeugung beim Bahnprojekt Stuttgart-Ulm zu ermöglichen.

Die Hoffnung ist, dass Stuttgart 21 der Landeshauptstadt einen Standortvorteil verleihen und den Verkehr in Stuttgart verbessern wird. Die bessere Anbindung an den Fernverkehr an dem neuen Tiefbahnhof sowie die zahlreichen neuen Wohn- und Arbeitsplätze sollen für einen wirtschaftlichen Aufschwung sorgen. Zudem geht es auch darum, das Stadtimage durch das Verkehrs- und Städtebauprojekt zu verbessern und so mehr Investoren nach Stuttgart zu locken.

Laut dem Architekten Christoph Ingenhoven soll der neue unterirdische Hauptbahnhof dem Stadtzentrum von Stuttgart eine neue Qualität verleihen. Die „einzigartige biomorphe Gestaltung der Bahnhofshalle“ soll eine neue Ära des Zugverkehrs symbolisieren und zugleich in die neuen öffentlichen Räumen und Grünflächen der Stadt integriert sein.

Stuttgart 21: Kosten des Bauprojekts steigen immer weiter an

Die Finanzierung von Stuttgart 21 ist seit Jahren ein kontroverses Thema. Mit der Projektvorstellung im Jahr 1994 wurden bereits hohe Kosten angesetzt. Die Architekten, die am Ideenwettbewerb für das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm teilnahmen, mussten auch eine Schätzung der Kosten einreichen. Im Jahr 2009, als die konkrete Planung des Vorschlags von Architekt Christoph Ingenhoven begann, vereinbarten die Deutsche Bahn, die Bundesrepublik Deutschland, das Land Baden-Württemberg, die Region Stuttgart, die Landeshauptstadt Stuttgart und der Flughafen Stuttgart einen gemeinsamen Finanzierungsvertrag. Dieser sah Kosten in Höhe von 4,526 Milliarden Euro für das Verkehrs- und Städtebauprojekt vor.

Im Dezember 2012 gab die Deutsche Bahn bekannt, dass die Projektkosten für Stuttgart 21 auf 4,696 Milliarden Euro gestiegen seien und dass für zusätzliche Risiken und externe Einflussfaktoren ein Aufschlag von einer weiteren Milliarde sinnvoll sei. So hob der Aufsichtsrat der Deutschen Bahn den Finanzierungsrahmen im März 2013 auf 6,526 Milliarden Euro an und legte fest, dass sich die Projektpartner an den Mehrkosten beteiligen müssen. Nach dieser Kostensteigerung stand das Bauprojekt auf der Kippe, aber durch Unterstützung der Bundesregierung konnte es gerettet werden.

Neue Zahlen aus dem Jahr 2017 veranschlagten die Gesamtkosten für Stuttgart 21 bei 7,6 Milliarden Euro. Jedoch bleibt offen, von wem der zusätzliche Betrag aufgebracht werden soll. Laut Bundesrechnungshof sind es sogar 9 Milliarden Euro, die insgesamt für das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm anfallen werden. Andere Schätzungen gehen inzwischen (Stand März 2020) von Kosten bis zu 10 Milliarden Euro aus. Die Gründe für den steigenden Kostenvoranschlag liegen bei gestiegenen Baukosten, Verzögerungen im Planungsverfahren des Verkehrs- und Städtebauprojekts sowie den strengen Regeln beim Artenschutz.

Stuttgart 21: Geplante Fertigstellung des Bauprojekts rückte immer weiter in die Zukunft

Ursprünglich war die Fertigstellung von Stuttgart 21 für Ende 2019 geplant. Jedoch haben neue Kalkulationen gezeigt, dass das Verkehrs- und Städtebauprojekt voraussichtlich erst Ende 2024 fertiggestellt werden kann. Die Zuständigen begründen dies mit externen Faktoren.

Für die verspätete Fertigstellung des Bauprojekts Stuttgart 21 werden mehrere Gründe angegeben. Darunter die Verzögerung von Baugenehmigungen, neue Lärmschutzauflagen, eine andere Tunnelbauweise als ursprünglich geplant, die Schlichtung von Konflikten und der Artenschutz, insbesondere der Schutz des Juchtenkäfers.

Stuttgart 21: Andauernder Protest gegen das Verkehrs- und Städtebauprojekt

Seit Februar 2010 wird an Stuttgart 21 gebaut. Im September 2016 wurde der Grundstein für den Neubau des Bahnhofsgebäudes mit dem neuen Tiefbahnhof in Stuttgart gelegt. Der historische Hauptbahnhof ist nach wie vor in Betrieb und von der großen Stuttgart-21-Baustelle umgeben. Im Jahr 2010 sorgte der Start von Stuttgart 21 für große Proteste. In Stuttgart gingen Zehntausende Menschen auf die Straße.

Die Demonstranten kritisierten die fehlende demokratische Legitimation des Verkehrs- und Städtebauprojekts und den Mangel an Bürgerbeteiligung bei der Genehmigung und Planung von Stuttgart 21. Außerdem wehrten sie sich gegen die hohen Kosten, die fehlende Wirtschaftlichkeit, einen erschwerten Zugang für Reisende, Sicherheitsmängel und den unzureichenden Denkmal- und Naturschutz der Planung. „Umstieg 21“ und „Kopfbahnhof“ waren im Jahr 2010 wichtige Begriffe für Alternativkonzepte für das umstrittene Bahnprojekt Stuttgart-Ulm.

Der Protest gegen das Bauprojekt Stuttgart 21 äußerte sich 2010 in Form von Bürgerbegehren, Petitionen, Infoständen, Demonstrationen (insbesondere montags) und gewaltfreien Protestaktionen. Bis heute (Stand März 2020) beteiligen sich viele Menschen in Stuttgart an dem andauernden Protest. Die bekanntesten Gruppierungen der Stuttgart-21-Gegner sind „Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21“ und die „Parkschützer“.

Stuttgart 21: Mahnwachen und Einfluss auf die Wahl des Oberbürgermeisters in Stuttgart

Der CDU-Generalsekretär Heiner Geißler wurde hinzugezogen und fungierte als Schlichter der Konflikte um Stuttgart 21. Die Schlichtungsgespräche wurden live im Fernsehen und im Internet übertragen. Letztendlich wurde der Baubeginn des Verkehrs- und Städtebauprojekts genehmigt. In den folgenden Landtagswahlen im März 2011 in Baden-Württemberg zeigte sich der Einfluss der Proteste gegen den neuen Tiefbahnhof: Die Gegner von Stuttgart 21, die vor allem Grünenwähler waren und sind, sorgten für eine rot-grüne Landesregierung und letztendlich die Wahl des ersten grünen Oberbürgermeisters einer Landeshauptstadt im Oktober 2012.

Auf die Landtagswahl folgte eine Volksabstimmung im November 2011, bei der jedoch die Mehrheit im Land Baden-Württemberg den Ausstieg aus dem Bauprojekt ablehnte. Somit gehen die Bauarbeiten für Stuttgart 21 weiter. Seit dem 17. Juli 2010 ist die Mahnwache gegen das Verkehrs- und Städtebauprojekt durchgehend besetzt. Im Februar 2020 fand die 500. Mahnwache gegen Stuttgart 21 statt.

Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow/dpa

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