Gäubahnhof

„Würde alles lahmlegen“: Jetzt regt sich sogar unter den Grünen Widerstand gegen Stuttgart-21-Chaos

  • Valentin Betz
    vonValentin Betz
    schließen

Die Gäubahn soll im Rahmen von Stuttgart 21 vorläufig vom Hauptbahnhof getrennt werden. Kritiker fürchten dadurch ein Verkehrschaos. Doch die Stadt hält wohl an den Plänen fest.

  • Politiker haben am Mittwoch über die Zukunft der Gäubahnstrecke diskutiert.
  • Die Verbindung der Strecke zum Hauptbahnhof soll im Rahmen von Stuttgart 21 zunächst gekappt werden.
  • Kritiker fürchten, dass durch die fehlende Verbindung der Nahverkehr lahmgelegt werden könnte.

Stuttgart - Die Proteste gegen Stuttgart 21 richten sich gegen viele Aspekte des Mega-Projekts. Einer der Hauptkritikpunkte sind dabei die immensen Kosten für Stuttgart 21, die regelmäßig nach oben korrigiert wurden. Entsprechend stießen Pläne auf Bundesebene, die Gäubahn über einen Tunnel mit Stuttgart 21 zu verbinden, auf wenig Gegenliebe.

Der Tunnel hätte zwar einen hohen Nutzen für die internationale Strecke, die Deutschland unter anderem mit der Schweiz verbindet. Aber selbst Winfried Kretschmann räumte ein, dass die Stuttgart-21-Gegner Recht hätten, wenn sie die stetig steigenden Kosten anprangern.

Stuttgart 21: Mehrheit im Rathaus hält die bestehenden Gäubahn-Pläne für gut

Dabei beschränken sich die Probleme mit der Gäubahn und Stuttgart 21 nicht nur auf einen möglichen neuen Tunnel. Denn: Für die Fertigstellung des künftigen Tiefbahnhofs in Stuttgart soll die Gäubahnstrecke gekappt werden. Erst über eine neue Schleife am Flughafen und den Fildertunnel würde die Gäubahn wieder mit dem Hauptbahnhof verbunden. Bis dahin droht der S-Bahn trotz Fertigstellung von Stuttgart 21 das Chaos.

Weil das nicht alle so sehen, gibt es seit einiger Zeit hitzige Diskussionen zu der Strecke. Selbst der Erfinder von Stuttgart 21 machte ein fatales Eingeständnis: Weil die Gäubahn gekappt werden soll, hält er inzwischen einen Ergänzungsbahnhof für notwendig, um den Anstrom an Fahrgästen bewältigen zu können.

Von den Stimmen, die davor warnen, die Gäubahn zu kappen, zeigt sich die Mehrheit der Politiker in Stuttgart allerdings unbeeindruckt. Wie die Stuttgarter Zeitung (StZ) berichtet, bekannten sich Städtebaubürgermeister Peter Pätzold und die meisten Stadträte im Stuttgart-21-Ausschuss am Mittwochnachmittag zu den bisherigen Plänen und Beschlüssen.

Stuttgart 21: Neue Überlegungen zum Nordbahnhof enden in Sackgasse

Auch neue Überlegungen, wonach die Gäubahnstrecke via Panoramabahn wenigstens bis zum Nordbahnhofsviertel in Stuttgart geführt werden soll, werden wohl nicht näher verfolgt. Wenn der bestehende Plan im Rahmen von Stuttgart 21 umgesetzt werden sollte, endet die Gäubahn bis zum Abschluss der Schleife am Flughafen in Stuttgart-Vaihingen.

Die Gäubahn verbindet Stuttgart mit der Schweiz und Italien. Die Strecke ist nicht nur schön, sondern strategisch wichtig für Stuttgart 21.

Allerdings stellt sich selbst die Grünen-Fraktion laut Stuttgarter Zeitung gegen die vorliegenden Pläne und damit gegen ihren Oberbürgermeister Fritz Kuhn und Städtebaubürgermeister Peter Pätzold - beide Mitglieder der Grünen. „Die Gäubahnunterbrechung würde alles lahm legen“, sagte Gabriele Munk laut StZ. Sie hält wenigstens den „Nordhalt“ für notwendig und für „gesetzt“. 

Die Gäubahn und Stuttgart 21: Andere Pläne stehen dem Wohnungsbau im Weg

Alternativen zur Kappung der Gäubahnstrecke im Rahmen von Stuttgart 21 sind vor allem deshalb schwierig, weil dadurch der geplante Wohnungsbau im wegfallenden Gleisbett des momentanen Hauptbahnhof in Stuttgart problematischer würde. Das Linksbündnis im Rathaus schlägt beispielsweise vor, einige oberirdische Gleise zum Hauptbahnhof zu erhalten - was wiederum die CDU nicht möchte. Auch Peter Pätzold äußerte sich deutlich zu dieser Idee: „Wir sperren uns, auch nur übergangsweise für die Gäubahn Gleise liegen zu lassen“, so Peter Pätzold.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Die Panoramastrecke der Gäubahn verbindet Stuttgart-Rohr mit dem Hauptbahnhof und ist eine der schönsten und wichtigsten städtischen Bahnstrecken, von der Züge aus Zürich, Singen und den Kommunen aus den südlichen Landesteilen bequem die Stuttgarter City erreichen können. Das Projekt S21 möchte die Gäubahn-Züge über den Stuttgarter Flughafen führen und über den in Bau befindlichen Fildertunnel in die Stuttgarter Innenstadt leiten, was den Todesstoß der bisherigen Panorama Strecke bedeuten würde und somit auch eine wichtige Ausweichstrecke für häufige Streckenstörungen entfiele. Die Schutzgemeinschaft fordert deshalb die Panoramastrecke zu erhalten und auf den Flughafenhalt zu verzichten. Und natürlich die Kosten in Milliardenhöhe, die ein weiterer momentan diskutierter Gäubahntunnel quer über die Filder zum Flughafen verschlingen würde, einzusparen.

Ein Beitrag geteilt von Schutzgemeinschaft-Filder (@schutzgemeinschaftfilder) am

Ein weiterer Vorschlag sieht zwei unterirdische Gleise zum Hauptbahnhof vor, um die Gäubahn weiterhin mit Stuttgart 21 zu verbinden. Dort solle dann eine „Ergänzungsstation“ mit vier Bahnsteigen entstehen. Das wäre technisch sogar möglich und stünde nicht im Konflikt mit den Bebauungsplänen für das neue Rosensteinquartier.

Allerdings: Die Tunnel wären teuer, die Bebauung mit Wohnraum darüber würde mehr kosten, als ohne die Tunnel bei Stuttgart 21. Entsprechend zeigte sich Städtebaubürgermeister Peter Petzold auch bei diesem Vorschlag unbeugsam: Er wolle statt ewiger Baustellen jetzt Wohnungsbau, sagte Peter Pätzold laut StZ. In Anspielung an die internationale Anbindung der Gäubahn betonte er, die Menschen in der Notfallkartei der Stadt wollten Wohnungen, „sie wollen nicht nach Zürich fahren“.

Zukunft der Gäubahn nach Stuttgart 21 weiter unsicher - eine Abstimmung ist noch nicht erfolgt

Die Stuttgarter Zeitung vermutet, dass momentan wohl keine Mehrheit für einen ununterbrochenen Gäubahnbetrieb bis zum Hauptbahnhof von Stuttgart 21 und auch nicht für eine Ergänzungsstation zustande käme, wenn jetzt im Rathaus darüber abgestimmt würde. Die Wissenschaft spricht sich für die Lösung aus, die Gäubahn über die Panoramabahn zum Nordbahnhofsviertel zu führen. Das betonte Stefan Tritschler, Geschäftsführer des Verkehrswissenschaftlichen Instituts der Uni Stuttgart, der sich ebenfalls an der Diskussion beteiligte.

Während die Pläne für die Gäubahnstrecke noch diskutiert werden, haben die Verantwortlichen von Stuttgart 21 nach wie vor Probleme mit den Kosten für das Megaprojekt. Die Deutsche Bahn zeigt bei Stuttgart 21 mit drastischen Maßnahmen, wie verzweifelt der Konzern ist. Schon 2016 klagte die Bahn gegen die Projektpartner, das Verfahren wird aber wegen des Coronavirus nicht vor 2021 beginnen.

Rubriklistenbild: © picture alliance/Felix Kästle/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare