Fehlplanung bei Großprojekt

Erfinder von Stuttgart 21 macht fatales Eingeständnis

  • Valentin Betz
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Der Erfinder von S21 meldet sich mit einer überraschenden Forderung zu Wort. Kritiker des Bahnprojekts sehen dies als Eingeständnis, dass der Tiefbahnhof eine Fehlplanung war.

  • Der geplante Gäubahn-Tunnel für Stuttgart 21 ist planerisch eine Herausforderung - und wird zusehends kritisiert.
  • Gerhard Heimerl, Erfinder von Stuttgart 21, hält einen zusätzlichen Ergänzungsbahnhof für notwendig.
  • S21-kritische Medien sehen die Forderung als Eingeständnis, dass der Durchgangsbahnhof von Beginn an eine Fehlplanung war.

Stuttgart - Ende Juni hatten Gutachter Pläne vorgelegt, um die international bedeutende Gäubahn mit dem Flughafen Stuttgart und dem Hauptbahnhof Stuttgart zu verbinden. Der neue Tunnel könnte Stuttgart 21 wieder teurer machen, würde aber größtenteils vom Bund finanziert.

Im Zusammenhang mit den Kosten meldete sich auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann zu Wort. Da der Bau eines Gäubahn-Tunnels erneut ungeplante Kosten verursachen wird, gestand Winfried Kretschmann, durchaus Verständnis für die Gegner von Stuttgart 21 zu haben.

Stuttgart 21: Kommt der Gäubahn-Tunnel, braucht die Landeshauptstadt zusätzlich einen Ergänzungsbahnhof

Abgesehen von Winfried Kretschmanns Statement war das Medienecho auf die Pläne zum Gäubahn-Tunnel im Rahmen von Stuttgart 21 allerdings eher gering. Jetzt hat sich aber auch Gerhard Heimerl, Verkehrswissenschaftler und geistiger Vater des Bahnprojekts Stuttgart-Ulm zu dem Vorhaben geäußert. Seiner Ansicht nach hat der geplante Gäubahn-Tunnel weit größere Auswirkungen auf Stuttgart 21. Um die Effektivität des Mega-Projekts nicht zu gefährden, schlägt er deshalb eine radikale Maßnahme vor.

Gegenüber der Stuttgarter Zeitung betonte Gerhard Heimerl zwar, dass der Bau des Gäubahn-Tunnels im Rahmen von Stuttgart 21 sicherlich von Vorteil für die Strecke wäre. Zusammen mit dem Mobilitätsberater und Grünen-Mitglied Klaus Amler warnte Gerhard Heimerl aber auch vor Negativfolgen für den S-Bahn-Verkehr: Der S-Bahn droht nach Fertigstellung von Stuttgart 21 das Chaos. Die Stuttgarter Wochenzeitung „Kontext“ beschreibt Gerhard Heimerl deshalb als „wendigen Wissenschaftler“. Er habe seine Meinung in Bezug auf die Gäubahn in der Vergangenheit mehrfach gewechselt und sich in Widersprüche verirrt.

Die Baustelle soll abgeschlossen werden: Stuttgart 21 drängt jetzt auch personell darauf, das Bahnprojekt bald in Betrieb zu nehmen.

Die Negativfolgen von Stuttgart 21 für den S-Bahn-Verkehr hängen laut Stuttgarter Zeitung mit dem Mischverkehr zwischen dem Flughafen und Stuttgart-Vaihingen zusammen. Dort sollte sowohl die Gäubahn, als auch die S-Bahn fahren. Bei Störfällen hätten die Züge auf den Fildertunnel zwischen dem neuen Tiefbahnhof von Stuttgart 21 und dem Bereich S-Bahn-Station Flughafen/Messe ausweichen können. Durch den Bau des Gäubahn-Tunnels stünde diese Ausweichmöglichkeit bei Stuttgart 21 allerdings nicht mehr zur Verfügung. Um ein Verkehrschaos zu verhindern, fordern Gerhard Heimerl und sein Kollege Klaus Amler ein neues Verbindungsbauwerk nördlich des Hauptbahnhofs, um eine zweite S-Bahn-Stammstrecke zu schaffen.

Gerhard Heimerl machte gegenüber der Stuttgarter Zeitung aber auch auf die Rahmenbedingungen aufmerksam, die sich seit seinem ersten Entwurf von Stuttgart 21 1988 völlig verändert hätten. Neben Klimaschutzzielen und dem Wunsch, die Zahl der Fahrgäste im Bahnverkehr zu verdoppeln sei auch der Deutschlandtakt dazu gekommen. Der Deutschlandtakt soll größere Städte in Deutschland im 30-Minuten-Takt verbinden. Gerhard Heimerl spricht sich deshalb für einen unterirdischen Ergänzungsbahnhof im Rahmen von Stuttgart 21 aus, damit das Ziel, mehr Fahrgäste bedienen zu können, erreicht werden könne.

Ergänzungsbahnhof für Stuttgart 21: Kritik an Gerhard Heimerl - Ist Mega-Projekt eine Fehlplanung?

Für diese Forderung bekommt Gerhard Heimerl allerdings Gegenwind. Die Gruppe „Ingenieure 22“ kritisiert Stuttgart 21 und schreibt: „Prof. Heimerl gesteht mit seinem neuerlichen Vorstoß für einen unterirdischen Ergänzungsbahnhof zu Stuttgart 21 ein, dass seine Ursprungsidee für einen ergänzenden Durchgangsbahnhof in den Händen von Politik und Deutscher Bahn offenbar völlig verunstaltet wurde und letztlich zu einer Fehlplanung missraten ist.“ Auch „Kontext“ sieht den Vorschlag eines Ergänzungsbahnhofs für Stuttgart 21 eher negativ: „Damit erklärt er das Projekt im Grunde für unzulänglich.“

In einem sind sich der Verkehrswissenschaftler Gerhard Heimerl, „Kontext“ und die Gruppe „Ingenieure 22“ aber einig. Alle warnen davor, die Funktionsfähigkeit und Effizienz von Stuttgart 21 zugunsten von Wohnraum aufs Spiel zu setzen. Denn durch den Wegfall des Kopfbahnhofs wird auf dem ehemaligen Gleisbett jede Menge Fläche frei. Gerhard Heimerl warnte daher vor allem Städtebaubürgermeister Peter Pätzold „nicht nur an den Wohnungsbau zu denken“. Deutlichere Worte findet hingegen die Gruppe „Ingenieure 22“: „Den Projekttreibern ging es offenbar von vorne herein viel mehr um freiwerdende Flächen für den Immobilienmarkt als um eine starke und zukunftsfähige Schiene für Stuttgart.“

Etwas bessere Neuigkeiten konnte hingegen Olaf Drescher, neuer Geschäftsführer der DB Projekt Stuttgart–Ulm GmbH, auf der Filstalbrücke verkünden. Der Rohbau der Neubaustrecke Wendlingen–Ulm ist zu 90 Prozent fertiggestellt. Schon 2022 sollen erste Testfahrten auf der Strecke stattfinden. Entsprechend sind die Auswirkungen von Stuttgart 21 früher spürbar, als erwartet.

Rubriklistenbild: © Arnim Kilgus

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