Experten besorgt

Kinder spielen „Squid Game“ - Kitas und Schulen in Stuttgart sind alarmiert: „Angstzustände“ drohen

Kinder in Kostümen der Netflix-Serie „Squid Game“
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Selbst bei Kindern ist die Netflix-Serie „Squid Game“ beliebt. An Halloween verkleideten sich Kinder in vielen Ländern der Welt als Charaktere aus der Serie. Dabei ist diese erst ab 16 freigegeben.
  • Franziska Vystrcil
    VonFranziska Vystrcil
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Die Netflix-Serie „Squid Game“ wird weltweit gefeiert. Auch in Baden-Württemberg hat das brutale Drama eine große Fangemeinde - zu der allerdings auch Kinder gehören.

Stuttgart - In einem Wettkampf mit Kinderspielen buhlen hoch verschuldete Menschen um den Hauptpreis: 33 Millionen Euro. Doch nur einer kann gewinnen. Für die Verlierer enden die Wettkämpfe tödlich. Die Netflix-Serie „Squid Game“ ist aktuell in aller Munde. Mit über 140 Millionen Aufrufen ist die brutale Drama-Serie die erfolgreichste Produktion des Streaming-Dienstes. Dank Squid Game wächst Netflix wieder stärker* (BW24* berichtete).

Auch in Deutschland ist die Begeisterung groß. An Halloween verkleideten sich sogar Kinder als die berühmten Figuren der Serie - dabei ist die Serie erst ab 16 freigegeben. Pädagogen, Psychologen und Experten sind besorgt. Denn längst ist die makabre und blutige Serie nicht nur in Schulen in Baden-Württemberg*, sondern sogar in Kitas angekommen. Kinder spielen die brutalen Szenen sogar nach.

Ohrfeigen, Schläge, Mobbing: Brutale Spiele aus „Squid Game“ werden von Kindern nachgeahmt

„Ochs am Berg“ ist vielen wohl noch aus der eigenen Kindheit bekannt. Ein Kind wird der „Ochs“, stellt sich in einiger Entfernung und mit dem Gesicht abgewandt zur Gruppe. Die restlichen Kinder stehen verteilt hinter dem „Ochs“. Dieser zählt bis vier - in dieser Zeit dürfen sich die anderen Kinder auf ihn zubewegen. Dreht sich der „Ochs“ um, müssen die Kinder erstarren. Erwischt er, wie sich eines der anderen Kinder bewegt, muss dieses wieder an den Start zurück. Wer als erstes beim „Ochs“ ankommt, gewinnt.

Im Groben und Ganzen baut eines der Spiele in „Squid Game“ auch auf diesem Prinzip auf. Allerdings werden diejenigen, die sich rühren im Spiel „rotes Licht, grünes Licht“ von einer riesigen Puppe erschossen. Immer mehr Berichte machen die Runde, dass auf Schulhöfen und Kindergärten diese gewalttätigen Szenen nachgespielt werden. Wer sich bewegt, wird dabei bestraft. Mit Ohrfeigen, Schlägen oder anderen schmerzhaften Maßnahmen.

Sogar bei Vorschulkindern ist „Squid Game“ ein Thema. Eine Erzieherin berichtet den Stuttgarter Nachrichten, ein Kind ihrer Gruppe habe „rotes Licht, grünes Licht“ mit Freunden spielen wollen, nachdem die ältere Schwester ihr davon erzählt habe. „Wir haben das natürlich gleich unterbunden und mit den Kindern grundsätzlich noch mal über Spiele gesprochen, in denen es ums Töten geht“, sagt die Erzieherin gegenüber der Zeitung. Den Jugendämtern im Südwesten sind diese Nachahmungen laut der Stuttgarter Zeitung bekannt. Kinder in einem Hort in Freiburg imitierten die Spiele, auch in der Landeshauptstadt Stuttgart* weiß das Jugendamt von brutalen Nachahmungen an Grundschulen.

„Squid Game“ erobert Kitas und Grundschulen - Serie übt Reiz auf Minderjährige aus

Dass eine solch brutale Serie nichts für Kinderaugen ist, ist klar. Zwar ist die Serie ab 16 freigegeben, Videos und Bilder davon kursieren aber überall im Netz. Vor allem Kinder mit Smartphones haben leichten Zugang zu diesen Quellen. Umso wichtiger ist es, dass Eltern ihre Kinder aufklären, notfalls den Konsum der Serie unterbinden. Auch öffentliche Stellen sind auf den Trend bereits aufmerksam geworden und haben reagiert. Das „Landesmedienzentrum Baden-Württemberg“ (LMZ) warnt: Für viele Kinder ist die Serie fesselnd, schaurig und verstörend. „Da die Gewalt in einer real vorstellbaren Realität – einem autoritären Kontroll- und Überwachungsstaat – verortet ist, kann sie verunsichern und zu Angstzuständen führen“, schreibt das Zentrum weiter.

Das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg hat sogar eigens eine digitale Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen, um Lehrer, Eltern, Pädagogen und Interessierte über die „Squid Game“ und Gewalt in den Medien allgemein aufzuklären. Auch ein Beratungstelefon soll Ratlosen weiterhelfen. Als besonders problematisch schätzt das Landesmedienzentrum die Serie ein, da sie mit visuellen Bezügen zu Videospielen, den bunten Kostümen und Szenerien sowie den Spielen in der Serie einen besonderen Reiz auf Kinder und Jugendliche ausübt. Erwachsenen erschließe sich die Gesellschaftskritik der Serie, während Kinder und Jugendliche lediglich die Gewalt und Brutalität in „Squid Game“ erfassen könnten.

Gewalthaltige Szenen können Kinder überfordern, sie bei hohem Konsum abstumpfen lassen. Im schlimmsten Fall adaptieren sie die gewalttätigen Verhaltensmuster. Kinder sollten daher keinen Zugang zur Serie bekommen. Sehen die Kinder dennoch Ausschnitte oder Teile, sei ein Gespräch über Eindrücke und Ängste wichtig, so das LMZ. Die Landesanstalt für Kommunikation (LFK) ist der gleichen Ansicht und gab ebenfalls eine Warnung an Eltern heraus. Auch viele Schulen in Stuttgart verschickten laut den Stuttgarter Nachrichten Elternbriefe und wiesen darauf hin, dass „Squid Game“ keine Sendung für Grundschulkinder sei. Letztenendes liegt es allerdings in der Hand der Eltern, ob und wie sie den Konsum der Serie unterbinden. Ein anderer Trend an Grundschulen prägt Kinder: Haben sie zu wenige männliche Vorbilder, hat das Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder*. *BW24 ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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