„Vernichtet Familienunternehmen“

Protest von Spielhallenbetreibern: Großer Teil der Betriebe im Land muss schließen - 8.000 Jobs bedroht

Aktion der Automatenbranche für Arbeitsplatzerhalt in Stuttgart
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Mit einer Protestaktion auf dem Schillerplatz demonstrieren Spielhallenbetreiber ihren Unmut über das Aus der Branche.
  • Sina Alonso Garcia
    VonSina Alonso Garcia
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In dieser Woche standen 800 leere Stühle auf dem Schillerplatz. Sie symbolisieren Tausende Arbeitsplätze in der Automatenwirtschaft, die bedroht sind.

Stuttgart - Wegen einer Regelung, die Spielhallen bis 1. Juli umsetzen müssen, stehen 80 Prozent der Casinos im Land vor dem Aus. Der Knackpunkt: Die meisten können den erforderlichen Abstand von 500 Metern zu Schulen und Kitas sowie zu anderen Spielhallen nicht gewährleisten. Die baden-württembergische Automatenbranche warnt vor dem Verlust Tausender Arbeitsplätze in Spielhallen.

Mit einer Aktion in der Landeshauptstadt Stuttgart hat die Branche der Automatenwirtschaft ein Zeichen gesetzt. 800 schwarze Klappstühle standen am Mittwoch auf dem Schillerplatz, auf jedem zweiten prangte das Bild eines Mitarbeiters aus dem Spielhallengewerbe. Sie symbolisierten die rund 8.000 bedrohten Jobs in Baden-Württemberg.

Spielhallen: Mitarbeiter werden in die Arbeitslosigkeit getrieben

„Inmitten der Corona-Krise vernichtet die grün-schwarze Koalition die unternehmerische Existenz Hunderter Familienunternehmen“, sagte Dirk Fischer vom Automaten-Verband Baden-Württemberg der Deutschen Presseagentur (dpa). Die Mitarbeiter würden von der Landesregierung in die Arbeitslosigkeit getrieben.

Das Wirtschaftsministerium wies die Vorwürfe zurück - und meint, die Spielhallenbetreiber hätten genügend Zeit gehabt, sich auf die neuen Vorgaben einzustellen. Außerdem seien die Mindestabstände im gerade geschlossenen Koalitionsvertrag bekräftigt worden.

Spielhallen: In keinem anderen Bundesland werden Regeln so rigoros durchgesetzt wie in BW

Hinter der Aktion auf dem Schillerplatz steckt der Dachverband der Deutschen Automatenwirtschaft (DAW). Wie die Stuttgarter Zeitung berichtet, sei sogar der Vorstandssprecher, Georg Stecker, angereist. In keinem anderen Bundesland werde der Glücksspieländerungsstaatsvertrag so rigoros durchgesetzt, wie in Baden-Württemberg, so der Verband.

Giusy Cammarosano, Gebietsleiterin des Spielhallenbetreibers Richard Fischer, sitzt während bei der Stuttgarter Aktion der Automatenbranche zwischen leeren Stühlen, die mit kleinen Plakaten versehen sind.

Mit Blick auf die Suchtgefahren im Glücksspiel wurde in Baden-Württemberg bereits im Jahr 2012 eine Regel beschlossen, die für Spielhallen bestimmte Voraussetzungen vorsieht - darunter der erforderliche Abstand von 500 Metern zu anderen Spielhallen sowie zu Schulen und Kitas. Um den Spielhallen Zeit für die Umsetzung zu geben, hatte die Politik eine Übergangsfrist von elf Jahren eingeführt. Diese läuft zum 30. Juni 2021 aus.

Spielhallen droht das Aus, aber Online-Glücksspiel wird legalisiert: „Das kann niemand wollen“

„Durch die verfehlte Regulierung der Landesregierung im Bereich der Spielhallen sind jetzt 8.000 Arbeitsplätze akut gefährdet“, sagte DAW-Vorstandssprecher Georg Stecker der Stuttgarter Zeitung. „Wenn das legale Spielangebot in Baden-Württemberg vernichtet wird, werden sich illegale Spielangebote ohne jeden Jugend- und Spielerschutz ausbreiten. Das kann niemand wollen.“

Der neue Glücksspielvertrag, der ab Juli 2021 in Kraft tritt, sieht noch weitere Änderungen vor, wie ingame.de* berichtet. So soll das Online-Glücksspiel in allen 16 Bundesländern Deutschlands dann legalisiert werden. Bisher hatten die Bundesländer die Möglichkeit, selbst darüber zu entscheiden, ob sie Online-Casinos zulassen. Jedoch hatte nur Schleswig-Holstein Lizenzen und Genehmigungen vergeben.

Schließung kommt für viele zur Unzeit: „Noch nie war der Spielerschutz so gut wie jetzt“

Um den Schutz von Spielern und insbesondere Jugendlichen zu gewährleisten, wird mit dem neuen Glücksspielstaatsvertrag zum 1. Juli auch eine sogenannte Sperrdatei eingerichtet. Hierbei werden die Daten der Spieler gespeichert und bei Bedarf an andere Online-Casinos weitergegeben. Dies soll verhindern, dass sich Spielende bei mehreren Online-Casinos einloggen und unlimitiert Geld einsetzen können.

BW24-Leser Felix Weber aus Freiburg schrieb hierzu in einem Leserbrief:

Noch nie war der Spielerschutz so umfassend und so gut, wie er ab dem 1. Juli 2021 mit der staatlich Sperrdatei sein wird. Dies war ein langer Weg. Ich halte es für sehr fragwürdig, alte, nicht mehr zeitgemäße Entscheidungen und Gesetze dann trotzdem durchzuziehen und auch noch so zu gestalten, dass circa 80 Prozent der Spielhallen in Baden-Württemberg, gerade am Zenit des Spielerschutzes, ihre Betriebe schließen müssen und Firmen wie Arbeitsplätze in beträchtlicher Anzahl wegfallen werden. Alle Mitarbeiter in Spielhallen sind in Sachen Suchtprävention nun ausgebildet. Auch die Kommunen werden darunter leiden. Und das alles in Corona-Zeiten.  Man gibt damit leider die nun sehr Gute und lang erarbeitete staatliche Kontrolle sowie den sehr gut ausgearbeiteten Spielerschutz einfach wieder ab. Und zur gleichen Zeit stimmt man einer Legalisierung des Online-Glücksspiels im Internet, mit all den gravierenden Folgen, zu. Selbstverständlich wird diese Legalisierung dazu beitragen, dass immer mehr Menschen zum Glücksspiel im Internet greifen und es ausprobieren werden, denn noch nie war dann die Verfügbarkeit von Glücksspiel, die man ja gerade mit den jetzt greifenden Gesetzen reduzieren wollte, so dermaßen hoch, wie es künftig, ganz legal ab 1. Juli 2021 sein wird. Dies widerspricht sich eklatant. In welcher Welt leben wir eigentlich?

Felix Weber, Freiburg im Breisgau

Auch der Verbandssprecher des DAW, Georg Stecker, findet die Entscheidung, Spielhallen zu schließen, und gleichzeitig das Online-Glücksspiel voranzutreiben, paradox: „Spielhallen mit dem Zollstock zu regulieren, ist im digitalen Zeitalter und angesichts demnächst legaler Online-Glücksspielangebote absurd“, sagte er der Stuttgarter Zeitung. *ingame.de ist ein Angebot von Ippen.Media.

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