Erste Konzepte

Seilbahnen in Baden-Württemberg geplant - eine neue Form des Nahverkehrs?

Auf einem Konzeptfoto verläuft eine Seilbahn direkt über dem Neckar in Stuttgart.
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Eine neue Möglichkeit im Nahverkehr: So könnte eine Seilbahn über dem Neckar in Stuttgart aussehen.
  • Valentin Betz
    VonValentin Betz
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Seilbahnen sind aus Skigebieten oder als Touristenattraktion bekannt. Im Südwesten könnten sie aber bald den Nahverkehr ergänzen - zum Beispiel in Stuttgart.

Stuttgart - Wer im Winter gerne die Skier an die Füße schnallt, ist bereits bestens vertraut mit Seilbahnen. Sie bringen die Sportler in geschlossenen Gondeln oder Sesseln sicher und bequem auf die Berge. Im Nahverkehr sind die Bahnen aber nicht nur in Baden-Württemberg bislang eher unbekannt. Dabei ist die Idee international bereits etabliert: Die Stadt La Paz in Bolivien durchziehen beispielsweise über 27 Kilometer Seilbahnen (Stand 2020).

Seilbahnen in Stuttgart: Stadt hat bereits konkrete Pläne für modernen Nahverkehr

Auch wenn das Fortbewegungsmittel in den urbanen Regionen im Südwesten sich noch nicht durchgesetzt hat - Pläne dafür gibt es schon. Beispielsweise soll laut Mannheim24 im Rahmen der BUGA 23 in Mannheim eine Seilbahn-Strecke entstehen. Die Stadt in der Metropolregion Rhein-Neckar ist damit aber nicht alleine. Auch Konzepte in Stuttgart werden zusehends konkreter.

Die Landeshauptstadt Baden-Württembergs hat die Idee zu einer Ergänzung des Nahverkehrs schon seit geraumer Zeit. Bereits vor zwei Jahren prüfte Stuttgart Seilbahnen durch die ganze Stadt. Insgesamt vier mögliche Verbindungen standen dabei zur Auswahl. Wirklich konkret sind die Ideen für eine Trasse in Vaihingen. Eine Seilbahn könnte dort den neuen Stadtteil Eiermann Campus mit dem Synergie Park verbinden. „Die Seilbahn könnte bis zur Autobahn A8 weitergeführt werden“, so Wolfgang Forderer gegenüber BW24. Er ist bei der Stadt unter anderem für nachhaltige Mobilität zuständig. „Die Fahrzeit für die gesamte Strecke würde 18-20 Minuten betragen“, erklärt er weiter.

Die Landeshauptstadt ist im Fokus gleich mehrerer Projekte - nicht nur aufgrund ihrer Topografie bietet sie sich für eine Seilbahn an. „Stuttgart ist eine der Modell-Kommunen für den Klima-Mobilitätsplan in Baden-Württemberg“, so Forderer. Auch das Bundesverkehrsministerium schaut sich den Südwesten genauer an. In insgesamt sechs sogenannten „Überflieger-Städten“ werden Seilbahnsysteme diskutiert. „Stuttgart ist eine der sechs“, so ein Sprecher zu BW24.

Nahverkehr mit Seilbahnen: Trassen in Stuttgart und Baden-Württemberg mit vielen Vorteilen

Das Bundesverkehrsministerium will dabei vor allem wissen, wo konkret sich Seilbahnen in Städten anbieten. Denn klar sei laut dem Sprecher auch: „Eine Seilbahn allein ist nicht die Lösung aller Verkehrsprobleme.“ Vielmehr gehe es um eine Ergänzung des schon bestehenden Nahverkehrs, darum „Lücken zu schließen, zu entlasten, zu verlängern oder zu überbrücken.“ Der Meinung ist auch das Verkehrsministerium von Baden-Württemberg. Seilbahnen brächten demzufolge aber entscheidende Vorteile. „Urbane Seilbahnen können mit einem vergleichsweise geringen Flächenverbrauch das Angebot der öffentlichen Verkehrsmittel dort erweitern, wo der Ausbau anderer Verkehrsträger zu teuer oder gar nicht mehr möglich ist“, erklärt ein Sprecher gegenüber BW24.

Das Bundesverkehrsministerium lässt für Seilbahnen in den sechs Überflieger-Städten aktuell einen Leitfaden erstellen - in Stuttgart. Drees & Sommer wurde damit beauftragt, denn das Unternehmen hat bereits Erfahrung mit Machbarkeitsstudien unter anderem in Leonberg. Für Sebastian Beck, der sich bei Drees & Sommer mit Seilbahnen befasst, haben solche Konzepte neben dem geringen Flächenverbrauch noch weitere Vorteile. Für die sparsamen Schwaben sind vor allem die Kosten interessant. Im Vergleich zu U- oder S-Bahnen könnten Seilbahnen „durchaus kostengünstiger erstellt werden“, so Beck zu BW24. Genaue Zahlen hängen aber vom Typ und der Strecke ab. „Die Seilbahn in Koblenz schlug mit 13 Millionen Euro zu Buche. Die Standseilbahn in Künzelsau hat rund 11 Millionen Euro gekostet“, erklärt er.

Fällt der Blick auf die Dauerbaustelle von Stuttgart 21, wird ein weiterer Pluspunkt von Seilbahnen offensichtlich. Trassen für den Nahverkehr seien laut Sebastian Beck „in einem kurzen Realisierungszeitraum von circa sechs bis zwölf Monaten“ denkbar. Hinzu kommt: „Oft könnten Seilbahnen schneller von A nach B kommen, weil sie den direkten Weg ansteuern und Staus entfallen.“ Außerdem würden Seilbahnen kaum Emissionen erzeugen sowie leise und sicher fahren. Auch wenn durch sie nicht zwingend andere Formen des Nahverkehrs ersetzt werden können, bestechen sie durch ihre Pünktlichkeit, denn das System ist fortlaufend. „Das bedeutet: Beispielsweise alle 30 Sekunden käme pünktlich eine neue Kabine, Wartezeiten wären somit passé“, so Beck.

Urbane Seilbahnen im Nahverkehr: Bürger sind Plänen gegenüber offen

Abgesehen von der Umsetzbarkeit von Seilbahnen für den Nahverkehr in Stuttgart oder anderen Städten Baden-Württembergs geht es bei solchen Projekten auch immer darum, die Bürger nach deren Akzeptanz zu fragen. „Zu gegebener Zeit wird auch eine Bürgerbeteiligung stattfinden“, erklärt beispielsweise Wolfgang Forderer zum Vorhaben in Stuttgart. Auch das Bundesverkehrsministerium hält Workshops zum Thema Seilbahnen mit Bürgern ab.

Anmerkung der Redaktion

Dieser Artikel wurde ursprünglich am 7. Februar 2022 veröffentlicht. Da er für unsere Leser noch immer Relevanz besitzt, hat die Redaktion ihn aktualisiert.

Drees & Sommer hat bereits eine Umfrage mit 184 Teilnehmern zur Akzeptanz von Seilbahnen durchgeführt. 83 Prozent der Befragten können sich demnach vorstellen, künftig eine Seilbahn im Nahverkehr zu nutzen. Im Rahmen der Befragung wurde zudem ein interessanter Aspekt angesprochen, der bei Seilbahnen eher ins Gewicht fällt, als bei Bussen oder Bahnen. Denn Bahntrassen verlaufen in der Höhe - und könnten auch durch Wohngebiete verlaufen. Entsprechend unsicher sind sich die Befragten, ob sie wirklich eine Seilbahn entlang ihres Wohnumfelds haben möchten. Immerhin 44 Prozent hatten das Gefühl, eine so verlaufende Bahn würde die Privatsphäre einschränken.

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