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Gebt E-Scootern eine Chance: Wer sie richtig nutzt, kann nachhaltig mobil sein

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Von: Sina Alonso Garcia

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Ein Mann fährt in Stuttgart auf einem E-Scooter.
E-Scooter sind nicht die ultimativen Heilsbringer für die Verkehrswende. Aber sie sind ein Anfang. © Christoph Schmidt/dpa

E-Scooter haben kein gutes Image - und das nicht von ungefähr. Wenn sie jedoch nach Vorschrift von Ortskundigen genutzt werden, können sie eine gute Sache sein. Ein Kommentar.

Stuttgart - Zugegeben, es war nicht gerade Liebe auf den ersten Blick. Als ich vor ein paar Jahren während eines Städtetrips in München erstmals auf einem E-Scooter stand, empfand ich diese Erfahrung alles andere als angenehm. In einer fremden Stadt auf einer vielbefahrenen Straße mit dem Ding herumzukurven, erwies sich als keine gute Idee. Neben der ungeahnt flotten Geschwindigkeit, die der E-Scooter aufbrachte, störte mich, dass mein Smartphone einfach nicht in die vorgesehene Vorrichtung passen wollte und ich keine Möglichkeit hatte, zu navigieren. Genervt und gestresst holperte ich herum und versuchte, nicht von einem Auto überfahren zu werden. Danach entschied ich: E-Roller sind Blödsinn und eine Gefahr für den Verkehr.

Kürzlich stand ich nach längerer Abstinenz wieder auf einem E-Scooter. Diesmal jedoch in Stuttgart - auf einer mir bekannten Route zum Freibad am Killesberg. Und was soll ich sagen: Es war super unkompliziert und hat nebenbei noch richtig Spaß gemacht. Da ich in einem Außenbezirk wohne, war auch die Verkehrslage gemäßigt und es gab Radwege, auf denen ich fahren konnte. Ich glaube: Wenn die Roller gewissenhaft genutzt werden und man nicht mitten in der Innenstadt auf einer vielbefahrenen Straße fährt, können sie eine gute Sache sein. Wer damit ebene, nicht zu stark befahrene Strecken zurücklegen möchte und das Auto stehen lassen will, kann damit ohne Probleme einige Kilometer fahren. Ideal ist es natürlich, wenn es gut ausgebaute Radwege gibt, auf denen man den Autofahrern nicht auf die Nerven geht.

E-Scooter bieten Potenzial, die Mobilität nachhaltiger zu machen - unter einer Bedingung

Einerseits verstehe ich jeden, der E-Scooter für überflüssig hält. Dass manche Fahrer damit Schindluder treiben und die Roller mitten auf dem Gehweg parken, ist einfach nur ätzend. Noch blöder wird es, wenn betrunkene Witzbolde die Tretroller in Flüsse oder Weiher werfen, wo schlimmstenfalls Batterien auslaufen und die Umwelt verschmutzen. Apropos betrunken: Immer wieder liest man von Unfällen mit betrunkenen E-Scooter-Fahrern. Das schlechte Image der Scooter kommt also nicht von ungefähr.

Wer über E-Scooter spricht, muss über Klimabilanz reden. Hierzu hat das Umweltbundesamt (UBA) Ende 2021 eine interessante Zwischenbilanz gezogen: E-Scooter hätten durchaus das Potenzial, Mobilität nachhaltiger zu machen. Allerdings unter einer Bedingung: wenn sie Autofahrten ersetzen. Die Realität in Deutschland sieht leider anders aus. Laut UBA nutzt die Mehrheit der E-Scooter-Fahrer die Fahrzeuge für kurze Wege, die gut zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückzulegen wären. Gegenüber dem Bike, mit dem sich Strecken ebenso schnell bewältigen lassen und Gepäck besser transportieren lässt, sind E-Scooter die deutlich umweltschädliche Variante und daher keine gute Alternative.

Die Umweltbilanz von E-Scootern ist deutlich besser als die von Autos

Halten wir also fest, dass E-Scooter für kurze Strecken und als Ersatz für den Fußweg eher weniger Sinn machen. Aber: Ihre Ökobilanz ist deutlich besser als die von Autos. Wenn es also darum geht, auf lange Sicht Alternativen zum Pkw zu finden, sind E-Scooter sehr wohl ein Lösungsansatz. Das Umweltbundesamt empfiehlt den Verleihern, die E-Scooter statt in Innenstädten besser in den Außenbezirken aufzustellen. Hier können die Roller laut UBA durchaus sinnvoll sein, um möglicherweise zu lange Strecken zur Bahn schnell mit dem E-Scooter anstatt mit dem Auto zu überbrücken.

E-Scooter: Seit 2019 im Einsatz

E-Scooter dürfen seit dem 15. Juni 2019 in Deutschland am Straßenverkehr teilnehmen. Das Fahren auf Gehwegen ist verboten. Wenn Radverkehrsinfrastruktur vorhanden ist, muss diese genutzt werden, wenn nicht, muss die Fahrbahn und außerorts auch der Seitenstreifen befahren werden. Fahrende müssen mindestens 14 Jahre alt sein, das Fahrzeug muss versichert sein und eine Versicherungsplakette tragen. 

Das UBA kommt zu dem Schluss: E-Scooter sind nur dann umweltfreundlich, wenn sie Auto- oder Motorradfahrten ersetzen und keine weiteren zusätzlichen Fahrten mit kraftstoffbetriebenen Fahrzeugen stattfinden. Wird der E-Scooter anstatt der eigenen Füße oder des Fahrrades benutzt, ist das schlecht für Umwelt, ⁠Klima⁠ und Gesundheit. Sprich: Im Zentrum von Großstädten positionierte E-Scooter haben eigentlich nur den Zweck, dass Touristen sich damit vergnügen. Aber, sind wir ehrlich: Die wenigsten, die schon mal einen E-Scooter ausprobiert haben, dachten sich dabei wahrscheinlich: „Wow, damit verbessere ich total meinen ökologischen Fußabdruck.“

E-Scooter: Konzept sollte weit über Großstädte hinaus integriert werden

Für die meisten ist der E-Scooter am Ende eben doch vermutlich erstmal eher ein spaßiges Fahrzeug als ein Instrument zum Klimaschutz. Das heißt aber keinesfalls, dass er nicht als solches auf lange Sicht genutzt werden könnte. Staat den E-Scooter als Alternative fürs Auto abzuschreiben, sollte die Politik dafür sorgen, dass die Scooter nicht nur im Kern von Großstädten angeboten werden, wo der ÖPNV meistens eh gut ausgebaut ist. Vielmehr sollte das Konzept gerade auf die etwas ländlicheren Gegenden ausgeweitet werden, wo der E-Scooter wirklich als Alternative zum Auto genutzt würde. Andernfalls ist das ganze nicht mehr als ein gut gemeintes Symbol ohne Mehrwert.

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