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„Ekelhaft“: Hört endlich auf, Bodyshaming gegen Frauen wie Ricarda Lang zu betreiben

Ricarda Lang von Bündnis 90/Die Grünen
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Ricarda Lang, 28, frisch gewählte Bundesvorsitzende der Grünen, spricht im Bundestag.
  • Sina Alonso Garcia
    VonSina Alonso Garcia
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Die neue Grünen-Chefin Ricarda Lang sieht sich täglich mit Anfeindungen im Netz konfrontiert, die sich an ihrem Übergewicht abarbeiten. Unsere Autorin findet: Es reicht.

Stuttgart/Berlin - Es ist bezeichnend: Wer aktuell auf Twitter nach der neuen Grünen-Vorsitzenden Ricarda Lang sucht, findet dort alleine unter den meistgeteilten Beiträgen unzählige abfällige Kommentare über ihr Übergewicht. Man muss nicht lange weiterscrollen, bis ein Foto erscheint, auf dem ihr per Photoshop ein Big Mac in die Hand gedrückt wurde. Im nächsten Atemzug wird kundgetan, dass sie als Übergewichtige nicht für eine allgemeine Impfpflicht plädieren dürfe. Weil sie so fett sei, dass ihr „die Gesichtskontur fehle, solle sie anderen gesunden Menschen keine Impfpflicht vorschreiben.“ Aufgrund der überbordenden Kommentare über Lang trendete in den vergangenen Tagen zeitweise sogar der Hashtag #Übergewicht auf Twitter.

Was auffällt: Während zum Beispiel Ex-Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zwar ebenfalls den ein oder anderen hämischen Kommentar über seine Leibesfülle aushalten muss, kocht das Thema bei ihm jedenfalls nicht jedes Mal hoch, sobald er sich öffentlich zu einem x-beliebigen Sachverhalt äußert. Es scheint so, als sei es in manchen Teilen der Gesellschaft noch tief verankert, Frauen nahezu vollständig auf ihr Äußeres zu reduzieren, Männer hingegen ausschließlich anhand ihrer Taten oder Standpunkte zu bewerten. Natürlich können auch Männer von Bodyshaming betroffen sein. Am Beispiel Ricarda Lang zeigt sich aber, dass gerade im Netz eine gnadenlose Hasskultur existiert, zu deren Zielscheibe häufig Frauen werden.

Kaum taucht Ricarda Lang mit einem politischen Thema auf, hagelt es neue Kommentare über ihren Körper

Schon lange vor ihrer Zeit als Bundesvorsitzende der Grünen sah sich Ricarda Lang mit Spott konfrontiert, der auf ihr Körpergewicht abzielte. Bereits 2018 berichtete sie in einem Interview des Formats „Unter Neonlicht“ der Grünen Jugend Hessen auf Youtube von feindseligen Kommentaren, die sich oft weit unter der Gürtellinie abspielen. Völlig unabhängig von ihrem politischen Wirken würde ihr Übergewicht ausgeschlachtet und bei jeder Gelegenheit wieder aufgegriffen. Kaum taucht sie mit einem politischen Anliegen in den Medien auf, hagelt es neue Kommentare über ihren Körper.

Ich frage mich: Wie hält ein Mensch, der jung, engagiert und motiviert die Bühne der Bundespolitik betritt, so etwas aus? Ich kann es mir nur so erklären, dass Politikerinnen wie Ricarda Lang schlagfertig und gefestigt genug sind, um über all die inhaltslosen, sexistischen Ekel-Kommentare hinwegzusehen und sich auf ihr Ziel - in der Politik etwas zu bewegen - besinnen. Hoffnung geben auch die zahlreichen öffentlichen Solidaritätsbekundungen, die ein klares Statement gegen das nervtötende Mobbing setzen. Dass Ricarda Lang so häufig ins Kreuzfeuer der Kommentare gerät, während männliche übergewichtige Politiker verschont bleiben, lässt viele Menschen nicht kalt. „Irre und frauenverachtend“, meint ein Twitter-Nutzer. Eine weitere findet es „ekelhaft und menschenfeindlich“.

Ricarda Lang: Kaum eine andere Politikerin erfährt das selbe Ausmaß an Hass

Bereits im vergangenen Jahr schrieb der Spiegel, dass kaum eine andere Politikerin so viel Hass erfahre wie Ricarda Lang. Wie die in Nürtingen (Kreis Esslingen) aufgewachsene Politikerin im Interview mit dem Youtube-Format „Unter Neonlicht“ von 2018 erklärte, hätten ihr die Kommentare anfangs durchaus zu schaffen gemacht. Oft habe sie nachgedacht, wie sie auf Fotos aussah - beispielsweise, ob dort ein Doppelkinn erkennbar war oder ob ein Foto unvorteilhaft von unten geschossen wurde. „Ich habe richtig gemerkt, wie ich mich selbst total eingeschränkt habe.“

Irgendwann habe sie dann entschieden, den Leuten klar zu kommunizieren: „Ihr könnt nicht darüber bestimmen, wie ich öffentlich auftrete, wie ich mich gebe, was ich esse, was ich auf Fotos esse.“ Demonstrativ stellte sie damals ein Foto von sich online, auf dem sie ein Eis in der Hand hielt sowie einen Sticker mit der Aufschrift „Stop commenting on my body“ (zu deutsch: Hört auf, meinen Körper zu kommentieren).

Die Folgen der Abwertung von Menschen aufgrund ihres Körpers oder Gewichts können gravierend sein. Wie Psychologin Julia Tanck kürzlich gegenüber der Stuttgarter Zeitung erklärte, hat Bodyshaming häufig Auswirkungen auf die mentale und körperliche Gesundheit von Betroffenen. Viele könnten aus Angst vor Angriffen gar Hemmungen haben, sich in die Öffentlichkeit zu wagen und sich für wichtige, politische Themen zu engagieren.

Hasskommentar-Schreiber: Was müsst ihr kompensieren?

Was einen im Zuge der Debatte ebenfalls zum Nachdenken anregen sollte: Laut aktuellen Statistiken leiden 61 Prozent der Männer sowie 47 Prozent der Frauen in Deutschland an Übergewicht - sind wir ehrlich: Das sind schon einige. Selbst, wenn diese Statistik selbstverständlich nicht repräsentativ für die Gruppe der Hasskommentar-Schreiber ist, die sich täglich im Netz tummeln und ihren Senf zur Optik von ihnen lediglich aus den Medien bekannten Personen abgeben: Rein statistisch gesehen ist anzunehmen, dass einige von denjenigen, die ihre Zeit so gerne damit verbringen, fiese Kommentare am Fließband zu verfassen, ebenfalls übergewichtig sind.

Ich glaube: Wer es nötig hat, andere Menschen in Kommentarspalten dermaßen zu degradieren, hat selber ein Problem, das er kompensieren muss. Während auf Instagram und Co. „Body positivity“ aktuell hoch im Kurs ist (Bewegung, die sich für die Abschaffung unrealistischer und diskriminierender Schönheitsideale einsetzt, Anm. d. Red.), zerstören die Troll-Fabriken, die sich auf die Optik von Personen einschießen, jeglichen sachlichen und konstruktiven Diskurs. Daher mein Appell an alle, die Ihren Selbsthass durch diese Art von Kommentaren auf andere projizieren: Hört endlich auf, die Optik von Personen ständig zum Thema zu machen und euch darüber zu echauffieren. Und wenn ihr Kritik äußert, bleibt einfach sachlich.

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