Linksalternativ und anthroposophisch

„Querdenker“: Corona-Kritiker sind laut Studie wohlsituiert und gut ausgebildet

„Querdenken“-Teilnehmer jubeln während einer Protestkundgebung auf dem Cannstatter Wasen.
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Teilnehmerinnen und Teilnehmer jubeln im Mai 2020 während einer Protestkundgebung der Initiative „Querdenken 711“ auf dem Cannstatter Wasen.
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    VonValentin Betz
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Die „Querdenken“-Initiative wird meist mit wirren Corona-Verschwörungsideologien gleichgesetzt. Eine Studie zeigt: Anhänger kommen oft aus der Mittel- und Oberschicht.

Stuttgart - Seit sich das Coronavirus in Baden-Württemberg ausgebreitet hat, bemühte sich die Politik hierzulande, das Infektionsgeschehen durch mehr oder weniger strenge Maßnahmen einzudämmen. Das erforderte viel Aufklärungsarbeit, stößt aber in einigen Bevölkerungsteilen nach wie vor auf massive Ablehnung.

Aus der Kritik an den Corona-Maßnahmen bildete sich in der Landeshauptstadt Stuttgart die „Querdenken“-Initiative. Die Bewegung organisierte immer wieder Demonstrationen und Kundgebungen und erlangte so auch überregional schnell an Bekanntheit. Anfang des Jahres versammelten sich „Querdenker“ trotz Verbot in Stuttgart, über 1.000 Regel-Verstöße wurden festgestellt.

Angesichts der Nähe zu Verschwörungsideologien entsteht schnell ein Bild von „Querdenkern“, das dem eines wirren Protestlers entspricht. Wissenschaftler der Universität Basel haben sich die Anhänger der „Querdenken“-Bewegung in Baden-Württemberg deshalb genauer angeschaut. Ihre Studie im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung offenbart: „Querdenker“ sind häufig gut ausgebildet und wohlsituiert - aber auch ichbezogen und esoterisch.

„Querdenker“ aus Baden-Württemberg: Studie schaut sich Protestbewegung genau an

Um sich die „Querdenken“-Bewegung genauer anzuschauen, stützten sich die Forscher der Uni Basel auf Umfragen in Telegram-Gruppen, führten Interviews mit Corona-Kritikern, befragten Experten und griffen auf Beobachtungen bei Demonstrationen zurück. Die Ergebnisse der Studie „Quellen des ,Querdenkertums‘ – eine politische Soziologie der Corona-Proteste in Baden-Württemberg“ bezeichnen die Forscher laut Badischer Zeitung (BZ) zwar als nicht repräsentativ, bescheinigen der Analyse aber dennoch eine gute Qualität.

Zwei populäre Thesen konnten die Forscher mit ihrer Studie offenbar widerlegen. Die Tatsache, dass „Querdenken“ ihren Ursprung in Baden-Württemberg und Stuttgart nahm, wurde medial bereits häufig mit anderen Protesten im Südwesten begründet. Kritik an Projekten wie Stuttgart 21 käme demnach oft aus dem christlich-evangelikalen oder bürgerlichen Milieu. Bei der Corona-Kritik scheint das laut der Studie nicht der Fall zu sein. Vielmehr rechnen die Forscher der Uni Basel „Querdenker“ dem früheren Alternativmilieu und dem anthroposophischen Umfeld zu.

Corona-Kritiker aus Baden-Württemberg: „Querdenker“ üben Kritik an Wissenschaft, Politik und Medien

Innerhalb der „Querdenken“-Bewegung ist laut der Studie die Annahme verbreitet, die Pandemie sei gar keine oder wenig gefährlich. Entsprechend groß ist unter den Anhängern die Kritik an Wissenschaft, Politik und Medien. Mit letzteren geraten „Querdenker“ häufig aneinander. Auf einer Demo nutzte der „Querdenken-Chef“ Michael Ballweg Fake-News, um Journalisten zu diffamieren. Wegen strittiger Aussagen bekommt die Initiative auch regelmäßig Probleme mit sozialen Medien. Zuletzt löschte Facebook deshalb 150 „Querdenken“-Kanäle.

Angesichts ihrer Zweifel an der Echtheit der Pandemie sähen sich „Querdenker“ als „kritische Bürger“ und „heroische Widerstandskämpfer“, so die Forscher in der Studie. Soziologisch ließen sich die „Querdenker“ der Mittel- und Oberschicht zuordnen - mit hohen Bildungsabschlüssen und guten Jobs. Vor der Corona-Pandemie seien viele tatsächlich Grünen-Wähler gewesen, inzwischen aber zu Nichtwählern geworden oder zur AfD abgewandert.

Baden-Württemberg: „Querdenker“ häufig linksalternativ und anthroposophisch

Nicht nur linksalternative Ansichten und Individualismus spielen unter „Querdenkern“ eine zentrale Rolle. Viele sind laut der Studie der Uni Basel auch esoterisch und anthroposophisch angehaucht. „Das Individuum ist in der Anthroposophie fast schon eine antiautoritäre Gegenmacht“, schreiben die Forscher.

Dazu passt, dass Baden-Württemberg deutschlandweit eine Art Hochburg anthroposophischen Gedankenguts ist. Laut Badischer Zeitung liegen hier ein Viertel der Waldorfschulen, ein Drittel der deutschen Demeter-Höfe und die Hälfte der anthroposophischen Kliniken.

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