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Eure Queer-Feindlichkeit zeigt, dass man das Thema nicht überbetonen kann

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Von: Sina Alonso Garcia

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Kurz vor dem CSD in Stuttgart lese ich Kommentare im Netz, die mich wütend machen. Dort fragen sich gewisse Hinterwäldler noch immer, was der Sinn und Zweck der Polit-Parade ist. Die Antwort: Auch ihr seid Teil des Problems. Ein Kommentar.

Stuttgart - Noch einmal schlafen, dann ist es soweit: Mit dem CSD in Stuttgart verwandelt sich die Landeshauptstadt in ein Meer aus bunten Farben. Nach zwei Jahren Corona-bedingter Pause darf endlich wieder ausgelassen und ohne Einschränkungen gefeiert werden. Das Highlight: die farbenfrohe Polit-Parade in der Innenstadt am Samstag. Während sich zahlreiche Menschen auf den CSD freuen, formieren sich im Netz mal wieder die altbekannten, queer-feindlichen Hinterwäldler. Diese bezeichnen queere Menschen als „radikale Minderheit, die sich unverschämt in den Vordergrund drängt“, sprechen von „öffentlichem zur Schau stellen von Perversion“ oder „Regenbogenfuzzis“.

Zu Denken geben mir nicht nur offensichtlich queer-feindliche Kommentare. Selbst von Personen aus meinem Umfeld, die weder radikal noch anti-LGBTTIQ* sind, habe ich schon Sätze gehört wie: „Ich habe ja nichts dagegen. Aber durch das öffentliche Zur-Schau-Stellen, die Übertreibung, provozieren diese Menschen halt auch.“ Manche finden: Queer-sein ist längst „normal“ und akzeptiert - wozu diese ganze Aufmerksamkeit? Genau diese naive Einstellung zeigt, dass die Gesellschaft noch lange nicht da angekommen ist, wo sie sein sollte.

Pride-Bewegung: Historisch begründet durch den Christopher Street Day 1969

Die Betonung von LGBTTIQ*-Pride ist meiner Ansicht nach vollkommen richtig. Durch den stolzen, selbstbewussten und wohlwollenden Umgang mit der eigenen sexuellen Identität in der Öffentlichkeit machen Demonstranten ihre Community sichtbarer. Und sie zeigen, dass sie sich so, wie sie sind, wohlfühlen. Selbstverständlich ist das nicht - wie die drastische Zunahme von Hasskriminalität gegenüber queeren Personen allein in den vergangenen Jahren zeigt. Selbst im Jahr 2022 trauen sich einige queere Menschen noch immer nicht, sich mit ihren Partnern in der Öffentlichkeit zu zeigen - geschweige denn, sich zu outen. Zu kritisieren, die Pride-Bewegung wäre „überrepräsentiert“, finde ich daher nicht richtig. Denn es bedarf genau dieser „Über-Repräsentation“, um sexuelle Identitäten abseits der „Norm“ zu etwas zu machen, was nicht der Rede wert ist.

Mein Wunsch: Lasst Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Identität nachweislich Diskriminierung erfahren, in Frieden demonstrieren. Lasst sie die Liebe und das Leben mit anderen Mitgliedern ihrer Community in bunten Regenbogenfarben feiern. Lasst sie der Welt zeigen: „Ich bin ein Mensch, dessen Würde per Gesetz unantastbar ist. Ich bin, wer ich sein will und ich liebe, wen ich will.“

Woher kommen die Demonstrationen am Christopher Street Day?

Der Ursprung des Christopher Street Days ist eine gewalttätige Razzia der Polizei in der Stonewall Bar in der New Yorker Christopher Street am 28. Juni 1969. Damals war so etwas keine Seltenheit, doch an dem Tag setzten sich Schwule und Lesben gegen die Polizeiwillkür zur Wehr. Im Zuge der Auseinandersetzungen kam es zu einer Demonstration, bis die Polizei die Demonstranten auseinandertrieb. In den folgenden Tagen kam es zu tagelangen Straßenschlachten zwischen Polizei und Homosexuellen. Viele Schwule und Lesben gingen auf die Straße, um gegen die allumfassende Diskriminierung zu demonstrieren.

Die Pride-Bewegung ist nicht über-repräsentiert - ihr seid nur uninformiert

Zu sagen „Durch euer provokantes Auftreten macht ihr eure Kritiker erst recht wütend“, ist, als würde man einer Frau sagen: „Wenn du einen Minirock trägst, bist du selber Schuld, wenn du vergewaltigt wirst.“ Queer-feindliche Kommentare, wie ich sie kürzlich auf Facebook gelesen habe, machen mich einfach nur traurig und wütend. Traurig, dass in einer vergleichsweise fortschrittlichen Gesellschaft noch immer so viel Hass existiert. Wütend, dass noch immer uninformierte Menschen ihre Befindlichkeiten am lautesten herausbrüllen und besser Informierte schweigen. Lasst uns bitte innehalten und dankbar sein, dass in Deutschland Menschen nicht mehr aufgrund ihrer sexuellen Identität verfolgt werden. Und lasst queeren Menschen ihren Kampf gegen den Hass weiterkämpfen. Liebe wird siegen.

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