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Machtmissbrauch bei der Landespolizei in Stuttgart? Polizeiinspekteur suspendiert

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Von: Sina Alonso Garcia

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In Polizei-Westen gekleidete Polizisten.
Gegen den höchsten Beamten der Landespolizei wird wegen Machtmissbrauch ermittelt (Symbolbild). © Silas Stein/dpa

Eine Kommissarin beim Landespolizeipräsidium in Stuttgart hat ein belastendes Skype-Gespräch mit ihrem obersten Vorgesetzten mitgefilmt. Das Video liegt nun einem Gericht vor.

Stuttgart - Ein Sexismus-Skandal erschüttert die Landespolizei Baden-Württemberg*. Im Zentrum der Vorwürfe: Der ranghöchste Beamte, Inspekteur Andreas Renner. Erst vor kurzem warb Renner im Rahmen der Wertekampagne „Nicht bei uns“ für einen respektvollen, diskriminierungsfreien Umgang bei der Polizei. Jeder Fall von sexueller Belästigung sei einer zu viel, predigte Renner da noch. Nun liegen konkrete Beweise gegen ihn vor, die auf Machtmissbrauch gegenüber einer ihm deutlich unterstellten Kollegin hindeuten. In einem von der Mitarbeiterin aufgezeichneten Skype-Gespräch bat Renner dieser offenbar eine Beförderung an - jedoch nicht ohne Gegenleistung.

Das Skype-Gespräch, das jetzt als Mitschnitt vor Gericht vorliegt, fand offenbar einige Tage nach einem feuchtfröhlichen Abend von Renner und seinen Kollegen statt. Zum Wochenabschluss habe er im Innenministerium Stuttgart* gemeinsam mit mehreren Mitarbeitern angestoßen, danach seien einige noch in ein Lokal weitergezogen. Das berichtet die Stuttgarter Zeitung. Am Ende seien nur noch Renner und die deutlich jüngere Hauptkommissarin übrig geblieben. Es sei Alkohol geflossen, man kam sich näher, heißt es. Nachdem die beiden zu zweit einen Abstecher in eine Cannstatter Kneipe unternommen hatten, hätten sie sich noch ein Taxi geteilt.

Verhältnis gegen Beförderung - „und wie das eine das andere befördern kann“

Was sich genau zwischen Renner und der Mitarbeiterin abspielte, ist nicht bekannt. Jedoch rief er sie wohl kurze Zeit nach dem Kneipenabend noch einmal per Skype an und bekundete Interesse an der Fortführung des Verhältnisses. Im gleichen Atemzug sprach er der Stuttgarter Zeitung zufolge über die anstehende Beförderung der Kollegin - und angeblich auch darüber, wie „das eine das andere befördern könnte“. Geistesgegenwärtig schnitt die Kommissarin das Gespräch heimlich mit.

Mittlerweile hat die Kommissarin den Vorfall gemeldet. Die Videoaufnahmen sind nun Gegenstand eines Ermittlungsverfahrens. Zwar ist fraglich, ob das Vorgehen der Kommissarin rechtmäßig war. Derartige Aufnahmen sind in der Regel vor Gericht nur schwer verwertbar. Der Gesprächsinhalt wog jedoch offensichtlich so schwer, dass an einer Suspendierung von Inspekteur Renner kein Weg vorbeiführte. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Stuttgart gemeinsam mit der Kriminalpolizei Heidelberg - von einer Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei Stuttgart* hat man selbstverständlich abgesehen.

Landespolizeipräsidium steht vor „riesigem Scherbenhaufen“ - Fall erschüttert die Polizei

Bei vielen Polizisten hat die Nachricht Erschütterung ausgelöst. „Im Landespolizeipräsidium sieht man sich vor einem riesigen Scherbenhaufen“, berichteten Insider gegenüber der Rhein-Neckar-Zeitung. Schwer erschüttert zeigte sich auch Polizeipräsidentin Stefanie Hinz, die als enge Vertraute von Renner gilt. Für sie sei der Vorfall „ernst und auch für mich persönlich schwer enttäuschend“, schreibt sie in einem Brief. Aufklärung sei ihr nun wichtig, auch weitere, möglicherweise Betroffene, sollen sich nun melden, appelliert sie.

Noch vor rund einem Jahr, bei der Amtseinführung von Andreas Renner, bezeichnete Innenminister Thomas Strobl (CDU) ihn als „für dieses herausragende Amt bestens geeignet.“ Renner war bei seiner Amtseinführung 2020 erst 47 Jahre alt und damit der jüngste Inspekteur, den die Landespolizei je hatte. Vor einer Woche, als die Vorfälle bekannt gegeben wurden, wollte das Innenministerium keine Angabe machen, um wen es sich bei dem Beschuldigten handelte. Da war noch die Rede von einem „führenden Polizisten der baden-württembergischen Polizei“. Für Renner gilt zwar eine Unschuldsvermutung, doch die Vorwürfe haben immense politische Sprengkraft. Auch Strobl geriet in Erklärungsnot, da er sich damals klar für Renner aussprach. *BW24 ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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