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Obst - und Gemüsebauern stehen wegen Kostendrucks vor Existenzfrage 

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Erdbeeren
Der Krieg in der Ukraine führt dazu, dass Erdbeeren und anderes Obst in Deutschland teurer werden. © Mario Aurich / Imago Images

Die Folgen des Krieges bekommen Verbraucher fast überall zu spüren. Strom wird teurer, Benzin auch, und am Ende der Kette müssen Kunden wohl auch für Äpfel und Erdbeeren mehr bezahlen. Wenn sie das so wollen. Denn sie sind diejenigen, die am Obstregal die Auswahl haben.

Stuttgart (dpa/lsw) - Die Erdbeere aus Spanien im Sonderangebot oder doch das teurere Angebot aus dem Badischen? Beim Griff ins Obstregal oder die Gemüseauslage dürfte ein Kunde aus Sicht der baden-württembergischen Gärtner künftig auch über die Existenz des einen oder anderen Betriebs im Land entscheiden. Denn der Krieg in der Ukraine zieht bereits jetzt seine Spuren bis in den Supermarkt: Neben dem höheren Mindestlohn und den explodierenden Energiepreisen sorgt vor allem der Krieg in der Ukraine für einen kräftigen Preisdruck auf der einen und steigende Ausgaben für die Erzeuger auf der anderen Seite. «Der Kunde muss sich beim Einkaufen entscheiden, ob er eine deutsche Erzeugung will oder nicht», warnte Johannes Bliestle, der Geschäftsführer der Reichenau-Gemüse, am Dienstag.

Problematisch sei unter anderem der Exportstopp nach Russland, der zu einem Preiskrieg am Obstregal führen könnte. «Es werden regelmäßig allein 200 000 Tonnen Äpfel allein aus Neuseeland, Südafrika, Chile, Brasilien und Argentinien nach Russland exportiert. Insgesamt importiert Russland 4,5 Millionen Tonnen Obst», sagte Egon Treyer von der Marktgemeinschaft Bodenseeobst in Friedrichshafen. Diese Masse müsse verkauft werden. «Und wenn das in Russland nicht geht, ist Deutschland als größtes Konsumland ein beliebtes Ziel.»

Heidelbeeren aus Peru, Trauben aus Indien oder chilenische Pflaumen, Pfirsiche und Melonen konkurrierten dann auch mit Angeboten aus Baden-Württemberg. «Und wegen der schieren Menge werden die Südfrüchte zu Ramschpreisen angeboten, so dass unsere Äpfel nebenbei aus dem Nest fallen», sagte Treyer.

Verbraucher können also zum einen deutlich preiswertere Angebote erwarten, zum anderen müssen baden-württembergische Erzeuger nach Angaben ihrer Genossenschaften die Preise anziehen, um weiter haushalten zu können. «Die Betriebskosten der Unternehmen steigen entlang der gesamten Wertschöpfungskette», sagte Roman Glaser, der Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands (BWGV). Das werde in der Vermarktung zu höheren Verbraucherpreisen führen. «In vielen Betrieben ist kein Puffer mehr vorhanden, um signifikante Kostensteigerungen abzufedern», warnte Glaser.

Die Produktion von Obst und Gemüse sei sehr energieintensiv, sagte Glaser. Dabei gehe es nicht nur um Unterglasanbau und das Beheizen von Gewächshäusern. Obst und Gemüse müssten auch gekühlt und klimatisiert werden. Die Preise für Dünge- und Pflanzenschutzmittel stiegen ebenfalls, der kommende Mindestlohn selbst für ungelernte Erntehelfer bereitet ebenso Sorgen wie hohen Transportkosten. «Immer mehr Spediteure können angesichts von Dieselpreisen deutlich über zwei Euro pro Liter nicht mehr kostendeckend fahren», sagte Glaser. Auch Produkte für die Produktion würden teurer, Folien für Spargel zum Beispiel kosten derzeit nach Angaben der Bruchsaler Obst- und Gemüse-Absatzgenossenschaft (OGA) bis zu 15 Prozent mehr.

«Die Mixtur aus hohen Energie- und Betriebskosten, Corona-bedingten Zusatzkosten und dem steigenden Mindestlohn ist explosiv», sagte BWGV-Präsident Glaser. Viele Betriebe seien am Rand des Verkraftbaren. «Es steht zu befürchten, dass vor diesem Hintergrund zahlreiche Betriebe aufgeben müssen», sagte er. Die Politik müsse der Branche unter die Arme greifen.

Im vergangenen Jahr konnten die Genossenschaften 169 000 Tonnen Obst vermarkten, 22 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Um rund 15 Prozent ging die Menge bei der Gemüsewirtschaft zurück. Insgesamt wurden rund 71 000 Tonnen angeliefert, 12 000 Tonnen weniger als ein Jahr zuvor. Der Gesamtumsatz der genossenschaftlichen Erzeugergroßmärkte und ihrer Vertriebsgesellschaften lag für das Jahr 2021 bei 506 Millionen Euro (minus ein Prozent).

Vor allem bei den Äpfeln (142 577 Tonnen), Erdbeeren (8400 Tonnen) und Zwetschgen (rund 6750 Tonnen) fuhren die Obstbauern weniger ein als im Jahr zuvor, insgesamt wurde hier jeweils rund ein Viertel weniger vermarktet. «Dass der Obst-Umsatz im Vergleich dazu nur um sieben Prozent zurückging, lag an den vergleichsweise zufriedenstellenden Preisen», sagte Glaser.

Enttäuscht zeigen sich die Spargelbauern: Mit 4700 Tonnen habe der Absatz auf einem erneut niedrigen Niveau gelegen. «Damit wiederholte sich die historisch niedrige Absatzmenge des Vorjahrs, in dem sich die Corona-Pandemie mit fehlenden Saisonarbeitskräften und geschlossener Gastronomie ausgewirkt hatte», sagte Glaser. Die Gartenbau-Genossenschaften in Baden-Württemberg erzielten hingegen mit den Blumenläden einen Gesamtumsatz von rund 33 Millionen Euro, ein Plus von 10,7 Prozent im Vergleich zu 2020.

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