Debatte um Qualifikation

Tanz-Diplom? Ausbildung von OB-Kandidatin Veronika Kienzle sorgt für Tratsch und Häme in Stuttgart

Veronika Kienzle spricht während ihrer Vorstellung.
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„Ich wollte nur tanzen“: Veronika Kienzles Tanz-Diplom macht ihr Probleme bei OB-Wahl in Stuttgart.
  • Anna-Lena Schüchtle
    vonAnna-Lena Schüchtle
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Veronika Kienzle kandidiert für den Posten als Oberbürgermeisterin in Stuttgart. Ausgerechnet ein Tanz-Diplom könnte der Grünen-Politikerin dabei zum Verhängnis werden.

Stuttgart - Am Sonntag wird in der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg gewählt. Insgesamt 14 von 17 Bewerbern auf das Amt des Oberbürgermeisters von Stuttgart wurden vom Gemeindewahlausschuss zugelassen. Übrig geblieben ist eine interessante, zum Teil vielleicht sogar skurril anmutende Mischung aus Kandidaten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.

Diese kuriose Mischung reicht von Bordellbetreiber John Heer über den Gründer der Anti-Corona-Bewegung „Querdenken 711“, Michael Ballweg, bis hin zu einem 30-jährigen SPD-Politiker, den seine eigene Partei eigentlich von der Kandidatur abhalten wollte. Aufgrund der strengen Corona-Maßnahmen zum Infektionsschutz sorgt zudem eine Neuerung für Chaos bei der OB-Wahl in Stuttgart. Diskutiert wird allerdings ausgerechnet über den Lebenslauf der grünen OB-Anwärterin. Der Grund: ihre Tanz-Ausbildung.

Stuttgart: OB-Kandidatin Veronika Kienzle bekommt Probleme wegen Tanz-Diploms

Im Mittelpunkt der Diskussion steht die Grüne Veronika Kienzle, die ihren Parteifreund Fritz Kuhn in seinem Amt als Oberbürgermeister der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg beerben möchte. Die Kommunalpolitikerin war ursprünglich zwar nicht die erste Wahl der Stuttgarter Grünen - Wunschkandidaten wie etwa der Ex-Grünen-Chef Cem Özdemir oder Landtagspräsidentin Muhterem Aras lehnten eine Bewerbung jedoch ab.

Am Ende nominierte die Partei daher die noch relativ unbekannte Veronika Kienzle für das Amt des Verwaltungsvorsitzes von Stuttgart. Aufgewachsen in einem niedersächsischen Künstlerdorf und trotz mittlerweile 25 Jahren Berufserfahrung in Politik und Verwaltung scheint die 58-Jährige nach Ansicht von Kritikern einen essenziellen Makel zu haben, und zwar ihre Ausbildung.

Während die Kandidaten Frank Nopper (CDU) oder Martin Körner (SPD) auf ein Jura- beziehungsweise VWL-Studium zurückblicken können, ist in der Vita der Grünen-Politikerin von einem Studium der Eurythmie die Rede. „Ich war jung und wollte tanzen“, wird sie von der Süddeutschen Zeitung zum Thema zitiert. Bei Eurythmie handelt es sich um die anthroposophische Bewegungskunst nach der Lehre von Rudolf Steiner, wie sie etwa in der Waldorfpädagogik zum Einsatz kommt. Veronika Kinenzle war selbst Waldorfschülerin.

Grünen-Politikerin kandidiert als OB von Stuttgart - Tanz-Diplom macht Schwierigkeiten

„Vor über vierzig Jahren bin ich nach Stuttgart gekommen, um bei der berühmten Else Klink Eurythmie zu studieren“, erklärt die OB-Kandidatin auf ihrer Internetseite, und weiter: „Das Studium habe ich in Berlin abgeschlossen.“ Genau dieses anthroposophische Tanz-Diplom könnte Veronika Kienzle bei ihrer Kandidatur zur Oberbürgermeisterin in der Landeshauptstadt nun jedoch zum Verhängnis werden.

Denn: Immer wieder wird sie verdächtigt, dem Amt des Verwaltungsvorsitzes von Stuttgart mit einem derartigen Lebenslauf nicht gewachsen zu sein. Nicht selten wurde ihr während ihrer Wahlkampf-Auftritte sogar die skurrile Frage gestellt, ob sie denn ihren Namen beziehungsweise sogar ihr Wahlprogramm tanzen könne.

(Ehemalige) Waldorfschüler bekommen diese Frage tatsächlich öfter zu hören, als ihnen lieb ist - ob sie bei einer Politikerin, die für ein Amt wie dem des Oberbürgermeisters einer Landeshauptstadt kandidiert, angebracht ist, sei mal dahingestellt. Noch viel gravierender ist jedoch: Es kommen auch Zweifel an der Echtheit ihres mutmaßlichen Studienabschlusses auf und damit auch solche an ihrer Glaubwürdigkeit. So stellte etwa die Bild in einem Artikel die Frage: „Ist die OB-Kandidatin ein Schummel-Lieschen?“

Während eines Interviews hatte sie in Bezug auf ihr Studium von einem „erweiterten Realschulabschluss“ gesprochen. Nach Ansicht der Boulevardzeitung Bild handele es sich bei Eurythmie jedoch „mitnichten“ um ein Studium - was in gewisser Hinsicht sogar stimmen könnte. Zwar spricht Veronika Kienzle regelmäßig von einem Studium, auf ihrem Diplom-Dokument ist jedoch die Rede von einem Abschluss der „vierjährigen Grundausbildung“, wie die Stuttgarter Nachrichten (StN) berichten.

Veronika Kienzle: Studium oder Ausbildung - für Zweifel an Glaubwürdigkeit in Stuttgart

Mittlerweile werden an Berufsfachschulen wie etwa dem Stuttgarter Eurythmeum auch staatlich anerkannte Bachelor- und Masterstudiengänge angeboten - zum Zeitpunkt des Studiums von Veronika Kienzle vor mehr als 30 Jahren war dies jedoch noch nicht der Fall - von einem Studium könnte dementsprechend nur im übertragenen Sinne die Rede sein. „Bei uns heißt das schon immer Studium“, wird etwa Christian Leitz vom Stuttgarter Eurythmeum von den Stuttgarter Nachrichten zitiert.

Die andere Frage ist jedoch, inwieweit ein Studium beziehungsweise eine abgeschlossene Ausbildung einen Politiker tatsächlich für das Amt eines Oberbürgermeisters qualifiziert. Die Grünen-Politikerin konnte bereits in vielen Bereichen politische Erfahrungen sammeln: „Ich habe die Flüchtlingsbetreuung für die Landeshauptstadt koordiniert, mich im Krankenhausreferat um das Klinikum gekümmert“, schreibt sie auf ihrer Internetseite, und weiter: „Beteiligungsprozesse habe ich für die Staatsrätin Gisela Erler mit organisiert. All diese Erfahrungen bringe ich in meine kommunalpolitische Arbeit mit ein.“

Tanz-Diplom sorgt für Zweifel an Grünen-Politikerin Veronika Kienzle bei OB-Wahl in Stuttgart

Derzeit liegt Veronika Kienzle in Umfragen mit ihren Mitbewerbern von CDU und SPD gleichauf - eigentlich überraschend. Die Landeshauptstadt von Baden-Württemberg hatte sich in den vergangenen Jahren vermeintlich zu einer politisch grünen Hochburg entwickelt. Die Enttäuschung bei vielen Wählern über den Kurs der Grünen in den vergangenen Jahren ist jedoch groß.

So sprach sich etwa die Bewegung „Fridays for Future“ nicht für die naheliegende grüne Kandidatin Veronika Kienzle bei der OB-Wahl in Stuttgart aus, sondern für ihren Konkurrenten Hannes Rockenbauch, der deren Ansicht nach „die Klimakrise ernst nimmt“. Eine eventuelle Niederlage der Grünen-Politikerin hätte daher vermutlich nicht ausschließlich mit Wähler-Zweifeln an ihrer Qualifikation zu tun - egal ob mit oder ohne Tanz-Diplom.

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