Angriffe nehmen zu

Stuttgarter Rettungsdienst-Chef: Immer mehr Attacken auf Sanitäter - „zunehmende Respektlosigkeit“

Eine Notfallsanitäterin schiebt ein Krankenbett in ein Krankenhaus.
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Sie retten unter extremen Arbeitsbedingungen Menschenleben. Und doch mangelt es oft an Respekt gegenüber Notfallsanitätern.
  • Sina Alonso Garcia
    VonSina Alonso Garcia
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Während es im ganzen Land an Notfallsanitätern mangelt, nehmen Gewalt und verbale Angriffe gegen Einsatzkräfte zu. Das berichtet Ralph Schuster, Leiter des Stuttgarter Rettungsdienstes, im Gespräch mit BW24.

Stuttgart - Das Innenministerium in Stuttgart schlägt Alarm: Rund 300 Stellen für Notfallsanitäter in Baden-Württemberg sind unbesetzt. Die Situation scheint dramatisch. Doch woran liegt das? „Dass der Arbeitsmarkt leergefegt ist, wundert mich nicht“, sagt Ralph Schuster, Leiter des Rettungsdienstes in Stuttgart, im Gespräch mit BW24*. Neben einer begrenzten Zahl von Ausbildungsplätzen sowie einer durch die Pandemie deutlich erhöhten Arbeitsbelastung mache den Rettungskräften auch eine „zunehmende Respektlosigkeit“ sowie „mangelnde Wertschätzung der Gesellschaft“ zu schaffen. „Neben verbalen Angriffen häufen sich auch körperliche Attacken auf die Einsatzkräfte“, berichtet Schuster.

Besonders deutlich trat die Gewaltbereitschaft gegenüber dem Rettungsdienst während der Ausschreitungen in Stuttgart im Juni 2020 zutage. „In der Krawallnacht wurde der Rettungsdienst blockiert, Krankenwagen mit Tritten versehen und Einsatzkräfte mit kaputten Flaschen angegriffen“, so Ralph Schuster. Eine Kollegin sei sogar mit der Faust ins Gesicht geschlagen worden. „Seither haben die Angriffe zugenommen“, beobachtet Schuster. „Wenn bereits junge Menschen in der Ausbildung solche Erfahrungen machen, überlegen sie sich natürlich, ob sie diesen Job wirklich bis zur Rente machen wollen.“

Rettungsdienste: „Respektlosigkeit gegenüber Einsatzkräften fängt schon im Kleinen an“

Jeder einzelne seiner Kollegen könne mittlerweile von solchen negativen Erfahrungen berichten, so der Rettungsdienstleiter. Allein in Stuttgart komme es pro Jahr zu durchschnittlich 20 Angriffen auf Rettungskräfte - drei Viertel davon seien verbaler Natur, ein Viertel körperlicher. Schuster glaubt, dass die zunehmende Respektlosigkeit eine Folge gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen ist, unabhängig vom Beruf. „Das fängt schon im Kleinen an“, sagt er. Selbst, wenn der Krankenwagen mit Blaulicht über die Straße fahre, würden nicht alle Autofahrer die Rettungsgasse freigeben. Ebenso, wenn der Krankenwagen schnell eine Parklücke vor einem Haus suche. Dann gebe es noch Personen, die sagen: „Ich möchte hier parken.“

„Es ist nicht so, dass Kollegen jeden Tag angegriffen werden“, so Schuster. „Aber jeder Fall ist einer zu viel.“ Durch Vorfälle wie den oben geschilderten können Rettungskräfte im schlimmsten Fall ihren Job nicht machen und kommen vielleicht zu spät zu Einsätzen. „Wenn eine Situation eskaliert und die Rettungskräfte bedroht sind, müssen sie warten, bis die Polizei zur Verstärkung anrückt - das sorgt für Verzögerungen, die man sich in Notfallsituationen nicht leisten kann.“

Ralph Schuster appelliert an Politik: „Schnellstmöglich für bessere Bedingungen sorgen“

Um die Lage für die Einsatzkräfte zu verbessern, müsse auch die Politik tätig werden, meint Ralph Schuster. Ein Jahr nach den Vorfällen in der Krawallnacht appelliert er: „Es kann nicht sein, dass wir in Zukunft unsere Einsätze nur noch unter Polizeischutz bestreiten können. Wir hoffen, dass die Maßnahmen der Stadt Stuttgart, die nach der Krawallnacht auf den Weg gebracht wurden, nach und nach für einen besseren Schutz sorgen.“

Während der Corona-Pandemie hat sich der Druck auf Berufe im Rettungsdienst nochmal verstärkt. Ralph Schuster berichtet aber auch von vielen Solidaritätsbekundungen.

Ausbildung zum Notfallsanitäter in Stuttgart: 500 Bewerbungen auf zehn Stellen

Während es im Land insgesamt an Personal im Rettungssektor mangelt, kann Stuttgart sich immerhin bisher nicht über fehlende Bewerber beklagen. So habe es laut Schuster allein auf zehn Ausbildungsstellen in Stuttgart zuletzt 500 Bewerbungen gegeben. „Wir bilden aktuell am Maximum aus und würden uns wünschen, dass das überall der Fall ist“, sagt Schuster. Es gebe viele Bewerber, die die Ausbildung als Überbrückung zum Medizinstudium nutzen wollen. Gleichzeitig beobachtet er aber auch eine zunehmende Fluktuation. „Es passiert immer häufiger, dass Rettungskräfte in andere Berufsbilder wechseln.“

Ende 2020 sind bei den Rettungsorganisationen im Land 3.575 Notfallsanitäter angestellt gewesen. Ein Rettungswagen muss mit einem Notfallsanitäter und einem Rettungssanitäter als Helfer besetzt sein. Die Ausbildung zum Notfallsanitäter dauert drei Jahre.

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