Nadia Murad

Die junge Frau, die als Sklavin vom IS missbraucht wurde, warnt Frauen in Europa

Ministerpräsident Winfried Kretschmann überreicht der Menschenrechtsaktivistin Nadia Murad den Bambi in der Kategorie „Mut“.
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Nadia Murad: Junge Frau, die als Sklavin vom IS missbraucht wurde, warnt Frauen in Europa.
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Nadia Murad ging in ihrem Geburtsland Irak durch die Hölle. Heute lebt die 27-Jährige im Großraum Stuttgart. Unermüdlich kämpft sie gegen sexuelle Gewalt und Sklaverei. Auch nach sechs Jahren seien noch 2800 Jesidinnen vermisst - in ihrer Rolle als UN-Sonderbotschafterin warnt Murad die Frauen in Europa.

  • Der Islamische Staat (IS) verschleppte Nadia Murad im Jahr 2014 und tötete 18 Familienmitglieder der jungen Jesidin.
  • In Gefangenschaft durchlebte Murad die Hölle. Inzwischen ist sie im Großraum Stuttgart ansässig und kämpft unermüdlich gegen Gewalt und Sklaverei.
  • In ihrer Rolle als UN-Sonderbotschafterin sieht sie ihre Aufgabe darin, weiter an die Verbrechen zu erinnern und warnt Frauen in ganz Europa.

Stuttgart - Im Jahr 2014 überlebte die Menschenrechtsaktivistin Nadia Murad den von dem Islamischen Staat (IS) verübten Genozid an den Jesiden im Irak. Bei dem Überfall auf ihr Heimatdorf Kocho verlor sie insgesamt 18 Familienmitglieder, darunter ihre Mutter und sechs Brüder. Inzwischen lebt die 27-Jährige im Großraum der Landeshauptstadt Stuttgart. Auch nach über sechs Jahren seien noch immer 2800 Jesidinnen vermisst, sagte Murad im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Sie warnt vor dem Vergessen und sieht ihre Aufgabe darin, an die Verbrechen zu erinnern. In ihrer Rolle als UN-Sonderbotschafterin warnt sie die Frauen in ganz Europa.

Das Land Baden-Württemberg nahm in den Jahren 2015/2016 mehr als 1000 Frauen vornehmlich jesidischen Glaubens auf. Nadia Murad war eine von ihnen. Durch den offenen Umgang mit ihrer Tortur als Sklavin ist Murad die Stimme dieser Frauen geworden. Die gebürtige Irakerin sieht sich nach eigenen Angaben in Deutschland zu Hause und bezeichnet Baden-Württemberg im Interview mit der dpa als ihre Heimat. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) setzte sich besonders für die Aufnahme der verfolgten Frauen ein.

Ehemalige IS-Sklavin Nadia Murad lebt in Baden-Württemberg und warnt vor Gewalt gegen Frauen

Der IS verschleppte Nadia Murad im Jahr 2014. Sie durchlebte in Gefangenschaft die Hölle und war Vergewaltigung und Folter ausgesetzt. Der jungen Jesidin gelang mithilfe einer muslimischen Familie die Flucht in ein Flüchtlingslager. Nach Ansicht der Menschenrechtsaktivistin sei die Lage der Jesidinnen noch immer katastrophal, sagte sie im Interview mit der dpa. Von den 6000 verschleppten Frauen würden auch nach sechs Jahren noch immer 2800 vermisst. In Gefangenschaft seien die Jesidinnen ständiger Gewalt ausgeliefert und hätten keine Hoffnung auf eine Rettung. „Die Welt hat diese Menschen aus dem Blick verloren“.

„Am Donnerstag spreche ich mit Trevor Noah über meine Arbeit, den Kampf für Menschenrechte, das Bestreben die Verwendung von sexueller Gewalt als Kriegswaffe zu beenden und die Überlebenden zu ehren. Am sechsten Jahrestag des Yazidi Genozids“, schrieb Nadia Murad auf Twitter.

Seit September 2016 ist Nadia Murad die erste Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel der Vereinten Nationen (UN). Sie geht offen mit ihrem Leidensweg in Gefangenschaft um. Im Jahr 2018 erhielt sie den Friedensnobelpreis für ihr mutiges Engagement gegen Gewalt als Kriegswaffe. Die inzwischen im Großraum Stuttgart ansässige Jesidin sieht ihre Aufgabe unter anderem darin, Gesetze zur Bestrafung der Täter und zum Schutz der Überlebenden einzufordern, wie sie im Interview mit der dpa sagte. Auch heutzutage seien Menschenhandel und Sklaverei nicht gebannt. „Diese Verbrechen sind noch überall auf der Welt verbreitet“.

Nadia Murad: Warnung an die Frauen in Europa

Nach Angaben von Nadia Murad käme die Gewalt gegen Frauen nicht nur in Krisenherden wie dem Irak vor. Auch Frauen und Mädchen in Europa sind betroffen. In rund 70 Prozent der Fälle seien Frauen die Opfer von Gewalttaten, sagte sie im Interview. Die Täter des IS setzen Gewalt gegen Frauen als Kriegswaffe ein, aber auch in Europa vergingen sich Männer an ihnen. Frauen würden in weiten Teilen der Welt noch immer als Objekte betrachtet. Die Situation der Jesidinnen, die in den Südwesten Deutschlands geflohen waren, sei sehr unterschiedlich. Einige Frauen seien inzwischen gut integriert, andere auf dem Weg dahin. Nach ihrem Wissen sei jedoch keine der Geflüchteten in den Irak zurückgekehrt, sagt Murad. „Die Überlebenden von Völkermord und sexueller Gewalt brauchen Zeit, ihre Traumata zu verarbeiten, zu heilen und sich zu integrieren".

Nadia Murad: „Baden-Württemberg wird immer meine Heimat sein“

Nadia Murad lebt anonym in Baden-Württemberg. Zunächst verbrachte sie zwei Jahre in einer Gemeinschaftsunterkunft in Heilbronn, inzwischen lebt die Menschenrechtsaktivistin im Großraum Stuttgart, wo sie zeitweise ein Büro unterhält. „Baden-Württemberg wird immer meine Heimat sein“, sagte sie im Interview mit der dpa, und fügt hinzu: „Ich werde Baden-Württembergs Regierung für Aufnahme, Schutz und Unterstützung dieser Frauen und Kinder für immer dankbar sein". In ihrer Rolle als Anwältin der Jesiden, sowie aller Überlebenden von Menschenhandel sei sie jedoch viel in der Welt unterwegs.

Nach ihren Angaben pendele sie zwischen den USA und Europa. Nadia Murad kämpft weiter unermüdlich gegen das Unrecht. Auch nach dem Sieg über den IS-Terror sei der Völkermord an den Jesiden nicht beendet. Auch heute lebten noch immer Hunderttausende Menschen in Camps ohne Zugang zu ausreichender Gesundheitsversorgung, Bildung oder Arbeit, sagte sie im Interview mit der dpa.

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