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Ukrainische Flüchtlingskinder in BW: Experten warnen – Schulen bald am Limit

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Von: Jason Blaschke

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Kinder im Ukraine-Konflikt
Immer mehr Menschen aus der Ukraine sind auf der Flucht und suchen in westlichen Staaten Schutz – auch viele Kinder. © Marcus Brandt/dpa

Ukrainische Flüchtlingskinder treffen in Baden-Württemberg auf ein überlastetes Bildungssystem. Experten schlagen Alarm: Jetzt zählt jede Minute.

Stuttgart – Der blutige Krieg in der Ukraine zwingt immer mehr Menschen zur Flucht. Die UN geht davon aus, dass inzwischen mehr als zwei Millionen Ukrainer in westliche Staaten geflüchtet sind – die meisten davon nach Polen. Aber: Auch in Deutschland suchen immer mehr ukrainische Kriegsflüchtlinge Schutz. Die Bundespolizei registrierte seit Kriegsbeginn insgesamt 80.035 Menschen – am Dienstag (8. März 2022) war noch von 64.000 Flüchtlingen die Rede, die nach Deutschland eingereist sind.

Die Zahl zeigt: Deutschland muss ich auf steigende Flüchtlingszahlen einstellen – zumal ein Kriegsende nicht in Reichweite ist und die Kämpfe in der Ukraine von Tag zu Tag immer brutaler werden. Die ersten ukrainischen Familien sind mittlerweile auch in Baden-Württemberg eingetroffen und kommen zunächst in Erstaufnahmestellen, aber vermehrt auch in privaten Unterkünften unter. Dass das jedoch immer wieder für Probleme sorgt, zeigt ein Beispiel aus Stuttgart. Dort sorgte der „Massenstrom“ für Chaos, mehrere Menschen wurden abgewiesen. Dennoch sei die Solidarität der Menschen im Südwesten immens, bestätigen mehrere Städte und Gemeinden auf BW24-Anfrage.

Flüchtlingskinder in Schulen und Kitas – „das Mindeste, was wir tun können“

Zum Teil würden die Menschen direkt in der Stadtverwaltung anrufen und fragen, wie sie helfen können, berichtet eine Sprecherin der Stadt Heilbronn unserer Redaktion. Die Möglichkeiten, in Baden-Württemberg für die Ukraine-Opfer zu spenden, sind vielfältig. Unterkunft und Betreuung sind der erste Schritt. Die nächste wichtigere Frage ist, wie geht es für die Geflüchteten weiter? Mit Blick auf die Kinder rücken hier Schulen und Kitas stärker in Fokus.

BundeslandBaden-Württemberg
Fläche35.751 km²
Bevölkerung11,07 Millionen (2019)
HauptstadtStuttgart
MinisterpräsidentWinfried Kretschmann

Der Besuch einer Schule oder Kita sei „das Mindeste, was wir tun können und sollten“, sagte Kultusministerin Theresa Schopper am Mittwoch. Der Besuch einer Schule könne etwas Struktur und auch Ablenkung ermöglichen. Die Frage ist bloß: Lässt sich das sofort in Baden-Württemberg – wo das Bildungssystem vielerorts am Anschlag ist – ermöglichen? Zuletzt hatte das Stuttgarter Schulamt wegen der Flüchtlingskinder von Überforderung gesprochen und die Probleme benannt, die zu lösen sind.

Experten in Baden-Württemberg schlagen Alarm: Lehrer kommen an ihre Grenzen

„Wir sind von der Realität überrollt worden“, sagte Birgit Popp-Kreckel, die stellvertretende Leiterin des staatlichen Schulamts, auf Anfrage der Stuttgarter Zeitung (StZ). Und auch direkt von Schulen in Baden-Württemberg werden Stimmen laut, die um deutlich mehr Unterstützung bitten. Um wirklich „guten und differenzierten Unterricht zu machen“, fehle es an Personal und an Ressourcen, erzählt eine Stuttgarter Grundschullehrerin im SWR-Gespräch, die nicht namentlich genannt werden möchte.

Sie und ihre Kollegen würden ihr bestens tun, aber auf Kinder, die zum Beispiel traumatisiert seien, sei man nicht immer vorbereitet. Die Landesregierung von Baden-Württemberg setzt hier auf „Vorbereitungsklassen“, in denen geflüchtete Kinder individuell betreut und auch die regulären Klassen vorbereitet werden können. Das Problem: Auch hier mangelt es an Personal. An ihrer Schule sei eine solche „Vorbereitungsklasse“ kürzlich aus Personalmangel aufgelöst worden, erzählt die Stuttgarter Lehrerin.

Flüchtlingskinder in Kitas und Schulen: „Das kann das System nicht stemmen“

Auf Facebook löst die Thematik ukrainische Flüchtlingskinder und Schule in Baden-Württemberg mehrere emotionale Diskussionen aus. Im Fokus stehen auch hier der Personalmangel an Schulen und die Frage, wie das Ganze gemanagt werden soll. „Nein, das kann das System nicht stemmen“, textet eine Userin. Ein anderer ergänzt: „Im Prinzip ist es richtig, ukrainische geflüchtete Kinder in Kitas und Schulen zu integrieren – aber die Frage ist: Wo soll plötzlich der Platz und das Personal dafür herkommen?“

Die Betreuung von Kindern ist das eine, sprachliche Barrieren das andere. „Kinder, die nicht verstehen, was die Erzieherinnen sagen, sind ein Problem“, merkt eine Facebook-Nutzerin an und schlägt vor, ukrainische Betreuer oder Menschen, die Ukrainisch sprechen können, als Dolmetscher einzusetzen. Eine Idee, die nun auch vom Kultusministerium aufgegriffen wird. Man befinde sich „in ersten Gesprächen“, heißt es auf SWR-Anfrage. Der Einsatz solcher Betreuer wird auch auf Facebook diskutiert.

Facebook-Community diskutiert über großes Problem: „Es wird noch schlimmer“

In der Facebook-Community stößt die Idee auf viel Zuspruch, aber: „Solche Betreuer muss es eben erst einmal geben“, merkt dazu ein Nutzer an und ergänzt: „In der momentanen Situationen muss man eben zusammenrücken.“ Dazu gibt aber auch Stimmen, die trotz aller Solidarität anmerken, dass der in einigen Schulen ohnehin schon stockende Unterricht nicht noch mehr belastet werden sollte. Ein Punkt, der auch mit Blick auf Corona-Ausfälle und Lernrückstände sicher beachtet werden muss.

„Wenn jetzt noch Kinder in die Klasse kommen, die kein Wort verstehen, wird es noch schlimmer“, meint eine Facebook-Userin und schlägt vor, die Flüchtlingskinder aus der Ukraine zunächst in „separaten Gruppen“ zu unterrichten, ehe man sie auf normale Klassen in Baden-Württemberg aufteilt – Stichwort „Vorbereitungsklassen“. In Sachen Integration gibt es mit Blick auf die Schulen noch die ein oder andere Baustelle – die gibt es wohlgemerkt aber auch in anderen Bereichen.

Auch Baden-Württemberg bekommt die Folgen der Ukraine-Krise zu spüren

Auch in Baden-Württemberg explodieren die Spritpreise und die Kosten für Energie- und Rohstoffe wie Gas kennen ebenfalls bloß eine Richtung, was viele Verbraucher auf ihrer Heizkostenabrechnung zu spüren bekommen. Damit nicht genug, macht der Konflikt in der Ukraine Berichten von RUHR24* zufolge einfachste Alltags-Lebensmittel deutlich teurer und knapper. Zum Teil haben sich in Deutschland die Preise für einzelne Produkte fast verdoppelt. *RUHR24 ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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