Schimmel, Schädlinge und vergammeltes Essen

Stuttgart: Lebensmittelkontrolleure finden widerliche Zustände in Gastro-Betrieben vor

Schimmelnder Spühlkorb mit Geschirr
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Dieser verschimmelte Spühlkorb in einem Stuttgarter Gastro-Betrieb hat seine besten Tage hinter sich (Symbolbild).
  • Franziska Vystrcil
    VonFranziska Vystrcil
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Die Dienststelle für Lebensmittelüberwachung, Verbraucherschutz und Veterinärwesen hat ihre Bilanz für das Jahr 2020 vorgestellt. Das Fazit: In mehr als der Hälfte der Stuttgarter Gastro-Betriebe war die Hygiene mangelhaft.

Stuttgart - Das Coronavirus in Baden-Württemberg zwang die Gastro-Betriebe monatelang zur Schließung. Nach dem Ende des Lockdowns freuten sich viele darauf, endlich wieder in Kneipen und Restaurants gehen zu können. Doch Lebensmittelkontrolleure in Stuttgart schlagen Alarm: Nach dem langen Lockdown waren nicht alle Gerichte für den Verzehr geeignet.

Wie die Stuttgarter Nachrichten berichten, trafen die Lebensmittelkontrolleure schlimme Zustände in den Betrieben an. Wie etwa in einer Kneipe in der Landeshauptstadt, in welcher der Wirt vor dem Lockdown zwar den Schlauch vom Bierfass entfernt hatte, denselben dann aber wieder ungereinigt bei der Wiedereröffnung auf das Fass aufgesteckt hatte. Was er dabei nicht bemerkte: Schimmel hatte sich am Zapfkopf ausgebreitet. „Da kommt statt Bier dann nur noch Bröckchen raus“, sagt Thomas Stegmanns, der Leiter der Lebensmittelüberwachung bei der Präsentation der Jahresbilanz für das vergangene Jahr. Beanstanden die Kontrolleure etwas im Gastro-Betrieb, das hygienisch nicht in Ordnung oder gar gesundheitsgefährdend ist, muss der Betrieb vorübergehend schließen. Bis zur nächsten Kontrolle haben die Betreiber dann Zeit, die Zustände zu verbessern.

Erschreckende Zustände in Stuttgarter Gastro

Die vorübergehend leerstehenden Betriebe waren nicht nur ein Nährboden für Schimmelpilze, auch Bakterien und Schädlinge konnten sich ungehindert ausbreiten. Als ein weiteres Beispiel hierfür nennt Thomas Stegmanns einen Stuttgarter Betrieb, der unter einem Mäusebefall litt. Statt sich professionelle Hilfe gegen die Schädlinge zu holen, versuchte der Betrieb mit Brot in Klebefallen die Tiere zu fangen. An einer anderen Falle, einem mit einer klebrigen Substanz bestrichenen Karton, verendeten die Nager qualvoll. „Das war dann gleich auch noch ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz“, sagt Thomas Stegmanns.

Wie aus einer aktuellen Pressemittelung der Stadt Stuttgart hervorgeht, lässt vor allem die Hygiene bei der Zubereitung der Speisen in vielen Betrieben zu wünschen übrig: In einem Stuttgarter Betrieb, der Anfang des Jahres kontrolliert wurde, wurden am Fleischwolf Stuhlbeine als „Stopfer“ benutzt und direkt im rohen Hackfleisch gelagert. Anderorts fanden die Kontrolleure eine unzureichende Kühlung vor. Dabei stießen sie auf gammelndes Fleisch, schimmelndes Gemüse oder schmierige Wurst. In einer Bäckereikette waren Kühllamellen und Lüftungsgitter über der Verkaufstheke massiv verschmutzt und versport. Die darunter unverpackten Backwaren, wie zum Beispiel belegte Brötchen und Süßwaren, wurden aufgrund der Kontamination mit den Schimmelsporen sofort aus der Verkaufsfläche genommen. Eine ähnliche Erfahrung machte eine Kundin bei Kaufland, als sie schimmelnde Frischkäsescheiben kaufte.

Gastro-Betriebe in Stuttgart: Mehr als die Hälfte der Betriebe mangelhaft

Das Amt für öffentliche Ordnung ist für die Überwachung der über 11.000 in Stuttgart registrierten Lebensmittelbetriebe und der von ihnen in den Verkehr gebrachten Lebensmittel zuständig. Insgesamt wurden im Jahr 2020 4.320 von 12.561 in Stuttgart registrierten Lebensmittelbetrieben kontrolliert. Dabei mussten wegen mangelnder Hygiene zahlreiche Gastro-Betriebe vom Amt geschlossen werden. In der Zeit des Lockdowns und des späteren zweiwöchigen Teillockdowns sank die Zahl der Betriebe, die von den Kontrolleuren dicht gemacht wurden, noch von 176 auf 131. Die Zahl lag damit deutlich über den Jahren vor 2020. So wurden 2016 zum Beispiel nur 84 Betriebe geschlossen, während es 2017 schon 120 Gastro-Betriebe waren. Seit der Wiedereröffnung in diesem Sommer seien es bereits 60 Betriebe gewesen. Insgesamt wurde mehr als die Hälfte der kontrollierten Betriebe beanstandet.

Aber: „2020 wurden knapp 2.000 Betriebe weniger kontrolliert. Das liegt an den längeren, pandemiebedingten Schließungen der gastronomischen Betriebe“, so Thomas Stegmanns in einer Pressemitteilung der Stadt Stuttgart. In der Zeit des Lockdowns und des Teillockdowns sank die Zahl der Betriebe, welche die Kontrolleure schließen mussten, lediglich von 176 auf 131. Damit lag die Zahl über zurückliegenden Jahren vor 2020. Im Jahr 2016 wurden 84 Betriebe dichtgemacht, 2017 waren es 120. Seit der Wiedereröffnung in diesem Sommer schlossen die Kontrolleure bereits 60 Stück.

Die Anzahl der Verbraucherbeschwerden ist im Vergleich zum Vorjahr gesunken (282 statt 390). Gleiches gilt für die Verdachtsmeldung von lebensmittelbedingten Erkrankungsfällen (57 statt 114). Den Grund hierfür sieht Thomas Stegmanns auch darin, dass 2020 lockdownbedingt viel weniger Mahlzeiten außer Haus verzehrt wurden.

Während der Corona-Pandemie: Kontrolleure verstärkt im Internethandel gefordert

Nicht nur in der Gastronomie hatten die Kontrolleure während der Corona-Pandemie eine Menge zu tun, auch in der Produktsicherung und dem Verbraucherschutz wartete vermehrt Arbeit auf sie. Durch die Zunahme des Onlinehandels während des Lockdowns waren die Kontrolleure besonders gefragt. Produkte wie zum Beispiel Tattoofarben, die mit Schwermetallen belastet waren, wurden von ihnen entdeckt und beanstandet. Die Kontrolleure würden gerne mehr nach solchen Internetanbietern suchen und deren Güter kontrollieren. Aber mit einer Besetzung von gerade einmal 26 Kontrolleuren fehlt hierfür das Personal.

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