Coronavirus in Baden-Württemberg

Krankenhäuser schlagen Alarm - «Die Lage ist hochkritisch»

Die Intensivstationen in Bayern sind überlastet. (Symbolbild)
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Die Intensivstationen in Baden-Württemberg sind zusehends überlastet. (Symbolbild)

Die Intensivstationen im Südwesten füllen sich immer weiter. Ein Ende ist nicht absehbar. Der Klinikverband rechnet mit mehr Covid-Intensivpatienten denn je im Land - bereits in wenigen Tagen.

Stuttgart (dpa/lsw) - Die Lage auf den Intensivstationen in Baden-Württemberg spitzt sich immer weiter zu. In 10 der 44 Stadt- und Landkreise gibt es derzeit maximal noch ein freies Intensivbett für Erwachsene. Das ging am Donnerstag aus den aktuellen Zahlen der Intensivmedizinervereinigung Divi hervor. In 7 der 44 Kreise sind demnach sogar alle Betten belegt, etwa im Hohenlohekreis und im Kreis Waldshut. Allerdings können sich die Kreise in gewissem Rahmen untereinander aushelfen, wenn es Engpässe gibt.

Die Zahl der von den Gesundheitsämtern gemeldeten Neuinfektionen steigt derzeit rasant: Am Donnerstag waren es laut Landesgesundheitsamt (Stand: 16.00 Uhr) binnen eines Tages 9701. Damit stieg die Zahl der bestätigten Fälle seit Ausbruch der Pandemie auf 738 839. Entsprechend steigt auch die Zahl der Patienten, die eine intensivmedizinische Behandlung brauchen - in den vergangenen sieben Tagen um etwa 100. Im Durchschnitt landen 0,8 Prozent der Infizierten auf der Intensivstation. Die Zahl der Intensivpatienten läuft den Infektionszahlen Experten zufolge etwa drei Wochen hinterher.

Die Baden-Württembergische Krankenhausgesellschaft (BWKG) rechnet deshalb mit einem üblen Winter. Ende des vergangenen Jahres habe man mit 642 Covid-Patienten auf den Intensivstationen im Land einen Höchststand erreicht. «Den Wert werden wir in einer Woche auf jeden Fall überschritten haben», sagte der Hauptgeschäftsführer des Klinikverbands, Matthias Einwag, der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag. Einwag will auch einen vierstelligen Wert nicht mehr ausschließen. «Die Lage ist hochkritisch.» 30 Prozent der planbaren Operationen würden bereits verschoben. Und: «Wir sind weit darüber hinaus, dass wir nur über eine Verschiebung von Knie- oder Hüft-OPs reden.» Eine Pflegefachkraft kümmere sich normalerweise um zwei Betten, das könne man bereits jetzt nicht mehr flächendeckend aufrechterhalten.

Die Gesamtzahl der erwachsenen Corona-Patienten auf Intensivstation im Südwesten ist mit rund 439 derzeit noch deutlich niedriger als auf dem Höhepunkt der zweiten und dritten Welle. Allerdings gibt es laut Intensivmedizinern wegen Personalmangels weniger betreibbare Betten als vor einem Jahr. Im Schnitt sind im Südwesten derzeit etwa 10 Prozent aller betreibbaren Intensivbetten für Erwachsene frei, wie aus den Divi-Zahlen hervorgeht.

«Nach der letzten Welle haben viele Pflegekräfte den Intensivstationen den Rücken gekehrt, da sie schlicht erschöpft und ausgebrannt waren», sagte Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) der dpa. Er werde sich für die Möglichkeit einsetzen, kurzfristig Personal für die Kliniken zu rekrutieren. «Das können Studierende sein, Ärzte im Ruhestand oder andere Fach- und Hilfskräfte, die für die Phase der Pandemie auf den Intensivstationen aushelfen, ohne dabei steuerliche Nachteile zu erfahren», sagte Lucha. «Das sollte alles zügig und unbürokratisch funktionieren.»

Lucha sagte weiter, es sei bitter, dass Operationen von Patienten nun schon verschoben werden müssten, weil im Notfall kein Intensivbett mehr zur Verfügung stehe. «Deshalb wiederhole ich mich: Die Pandemie ist keine Privatsache. Sich impfen zu lassen gehört zur gesamtgesellschaftlichen Verantwortung eines jeden Einzelnen.»

Zur Einordnung: Laut Divi sind 15 Prozent freie Betten «regional in einzelnen Intensivbereichen zu bestimmten Zeitpunkten nichts Ungewöhnliches». Problematisch werde jedoch ein freier Bettenanteil von unter 15 Prozent oder sogar unter 10 Prozent. «Insbesondere wenn dies in mehreren Regionen und Häusern gehäuft und über längere Zeiträume auftritt. Standardmäßige Verlegungsmöglichkeiten, die manchmal als Puffer dienen können, sind dann in aller Regel aufgrund vieler schwerer Fälle oft nur noch sehr eingeschränkt möglich.»

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