So spricht die Jugend

Jugendwort 2020 spaltet: „Ist es so weit gekommen mit unserer deutschen Sprache?“

  • Anna-Lena Schüchtle
    vonAnna-Lena Schüchtle
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In Stuttgart wurde das „Jugendwort des Jahres 2020“ gekürt. Auf Twitter löst es viele Reaktionen aus. Viele sind amüsiert - manche sind fassungslos.

Stuttgart - Drei englische Begriffe standen zur Auswahl für das deutsche „Jugendwort des Jahres 2020“, das am Donnerstagmorgen vom Pons-Verlag in Stuttgart gekürt wurde: „Cringe“, „wyld/wild“ und „Lost“. Gewonnen hat das Wort, das vermutlich wie kein anderes, den aktuellen Gefühlszustand vieler Jugendlicher, aber auch Erwachsener beschreibt - aufgrund der Auswirkungen des Coronavirus in Baden-Württemberg fühlt sich 2020 wahrscheinlich jeder ein kleines bisschen „lost“ - also verloren, ahnungslos, unsicher.

So spricht angeblich die Jugend: „Lost“ wurde zum „Jugendwort des Jahres 2020“ gekürt.

Auf Twitter sind sich viele Nutzer diesbezüglich zumindest einig. „Endlich mal ein Jugendwort, dass wir kollektiv spüren“, heißt es in einem Kommentar. Ein anderer bestätigt diese Meinung: „Kein Jugendwort passt besser zu 2020!“. Wieder ein anderer geht sogar noch weiter: „Egal ob lost oder cringe - beides ist sowas von 2020“. Mit „Cringe“ bezeichnen Jugendliche etwas Peinliches oder Unangenehmes.

„Jugendwort des Jahres 2020“: Stuttgarter Verlag kürt Sieger aus drei englischen Begriffen

Bereits seit 2008 gibt es die Wahl zum „Jugendwort des Jahres“. Damals fand der Wettbewerb noch in der Verantwortung des Langenscheidt-Verlags. Als glorreicher Sieger wurde damals der Begriff „Gammelfleischparty“ gekürt - er soll eine Feier von Ü-30-Jährigen beschreiben. Der Münchner Verlag wurde 2019 jedoch von Pons übernommen, weshalb der Wettbewerb im vergangenen Jahr pausieren musste.

JahrJugendwort des JahresBedeutung
2008GammelfleischpartyÜ 30-Party
2009hartzenarbeitslos sein und faul herumhängen
2010NiveaulimboSinkendes Niveau
2011SwagCoole Ausstrahlung
2012YoloAbkürzung: you only live once
2013BaboChef, Boss, Leader
2014Läuft bei dir!Wenn es gut läuft und alles klappt. Oder ironisch das genaue Gegenteil.

2020 wurde das „Jugendwort des Jahres“ von dem Verlag in Stuttgart jedoch wieder ins Leben gerufen, wobei ein Twitter-Nutzer in einem Post scherzhaft anmerkt: „Ein Verlag kürt das Jugendwort des Jahres. Jugendliche so: Was ist ein Verlag?“ Wie jedes Jahr ruft die Alltagssprache von Jugendlichen auch Kritiker auf den Plan - so zum Beispiel in diesem Tweet: „Gibt es wirklich keine deutschen Jugendworte, die man hätte wählen können, daß sich „lost“ gegen „cringe“ und „wild“ durchgesetzt hat? Ist es schon so weit gekommen mit unserer deutschen Sprache und der deutschen Jugend?“

JahrJugendwort des JahresBedeutung
2015SmombieZusammengesetzt aus Smartphone und Zombie.
2016fly seinWenn jemand besonders gut ist.
2017I bimsVong-Sprache: Ich bins...
2018Ehrenmann / EhrenfrauPerson, die etwas Besonderes für eine andere Person macht
2020Lostverloren, ahnungslos, unsicher

„Lost“ ist das „Jugendwort des Jahres 2020“ - eine Million Nutzer haben abgestimmt

Bei den vorherigen Wahlen stand das „Jugendwort des Jahres“ jedoch hauptsächlich deshalb in der Kritik, weil die Sieger-Begriffe von einer Jury ausgewählt worden waren - und zwar von einer Jury bestehend aus Erwachsenen. Das war in diesem Jahr jedoch nicht so, denn die Jugendlichen konnten ihre Vorschläge innerhalb von 62 Tagen selbst einreichen und stimmten am Ende auch ab (zumindest in der Theorie: Beteiligen konnte sich an dem Online-Voting logischerweise jeder).

Am Ende stimmte insgesamt eine Million Nutzer ab - 48 Prozent für „Lost“. Im Netz ist man aufgrund der Auswahl jedoch positiv überrascht. „Ein Jugendwort, dass tatsächlich von der Jugend benutzt wird? Dass ich das noch erleben darf“, witzelt ein Nutzer auf Twitter. Kritik gibt es dennoch, da viele der Meinung sind, dass das „Jugendwort des Jahres 2020“ auch von vielen Älteren benutzt würde: „Lost ist das Jugendwort 2020? Hää, ich benutze das schon seit Jahren?“.

Twitter-Reaktionen zum „Jugendwort des Jahres 2020“: „Benutze das schon seit Jahren“

Einige Twitter-Nutzer vergleichen das „Jugendwort des Jahres 2020“ mit der gleichnamigen TV-Serie, deren Finale 2010 bei vielen Zuschauern für Enttäuschung gesorgt hatte. „Erstes Jugendwort das tatsächlich in freier Wildbahn existiert“, scheibt ein User. „Und passend der Name einer Serie, deren Fans Jahre vergeudet haben, indem sie wirre, verquaste Theorien aufstellten, um am Ende zu merken, dass nix Sinn macht und sie selbst die Dummen sind“. Ein anderer kommentiert: „Ach, die Jugend hat also „Lost“ zum Jugendwort des Jahres gewählt? Wahrscheinlich haben die meisten davon niemals das furchtbare Serienfinale geschaut!

Rubriklistenbild: © Toa Heftiba / Unsplash

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