„Ein florierendes Geschäft“

Trauriger Trend: illegaler Welpenhandel boomt zu Weihnachten - „Tiere schon fast am Sterben“

Zwei weiße Welpen in einer Transportbox
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Der illegale Welpenhandel boomt besonders jetzt in der Vorweihnachtszeit. Die Tiere sollen besonders günstig sein, haben aber viele Krankheiten im Gepäck.
  • Franziska Vystrcil
    VonFranziska Vystrcil
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Der illegale Welpenhandel boomt. Zu Weihnachten holen sich viele einen Hund nach Hause. Die PETA und das Tierheim Stuttgart klagen über die Zustände der Tiere.

Stuttgart - Aus runden, dunkelbraunen Augen schauen sie zu ihren Rettern auf. Auf engstem Raum mussten die Welpen stundenlang ausharren, ehe die Horrorfahrt endlich ein Ende nahm. Die erst wenige Wochen alten Hunde wirken erschöpft. Nach der langen Fahrt ohne Wasser und Futter verständlich. Doch anstatt in liebevolle Familien zu kommen, müssen die Tiere erst einmal ins Tierheim und in Seuchenquarantäne. Denn die illegal eingeführten Welpen haben weder einen Impfschutz, noch wurden sie je entwurmt.

Solche Beschlagnahmungen spielen sich in Deutschland fast täglich ab. Der illegale Welpenhandel boomt. Durch seine geografisch günstige Lage wird auch Baden-Württemberg häufig zum Ziel der Händler. Entweder die Welpen finden hier Abnehmer oder werden weiter ins Ausland gebracht. „Der illegale Tierhandel ist das drittgrößte illegale Geschäft nach dem Drogen- und Waffenhandel. Dadurch haben wir das ganze Jahr über mit der Thematik zu tun“, sagt Jana Hoger, PETAs Fachreferentin für tierische Mitbewohner, gegenüber BW24.

Durch Corona sei die Nachfrage nach den Tieren enorm gestiegen. Vor allem jetzt, kurz vor Weihnachten, haben die Tierschützer alle Hände voll zu tun. Dabei appellieren sie schon seit Jahren: Tiere sind keine Weihnachtsgeschenke. Denn anders als Spielzeug, Pullover oder andere materielle Dingen lassen sich Tiere nicht so einfach umtauschen. Und was viele beim Kauf von unseriösen Angeboten oftmals nicht bedenken: wer sich ein Tier von solchen Händlern aus dem Ausland holt, den könnte eine böse Überraschung erwarten.

Illegaler Welpenhandel boomt: „In der Vorweihnachtszeit werden massiv Inserate geschaltet“

Etwa 46.000 Tiere werden jeden Monat innerhalb, durch oder nach Deutschland transportiert. PETA geht allerdings von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus. „Dabei handelt es sich um Welpen, die weder registriert, noch ausreichend geimpft und auch nicht gechippt sind. Der Handel ist ein mega florierendes Geschäft“, sagt Jana Hoger. Prinzipiell könne man jeden Tag einen illegalen Handel aufdecken, so die Tierschützerin. „Gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit sehen wir, dass wieder massiv Inserate geschaltet werden, sowohl zu Hundewelpen, als auch zu Katzenbabys.“

 Es vergeht kein Monat, in dem nicht so ein Tier aus illegalem Handel bei uns landet.

Marion Wünn, Leiterin des Stuttgarter Tierheims

Der Onlinehandel bereitet den Tierschützern Sorgen. „Das Internetgeschäft mit den Welpen passiert sehr schnell und spontan. Die Hunde werden irgendwohin verkauft und der Händler interessiert sich natürlich nicht dafür, was mit dem Hund passiert, wie dieser die nächsten zehn oder 15 Jahre lebt. Da geht es nur ums Geschäft“, sagt Jana Hoger.

Inzwischen sind die Preise für die illegal gehandelten Welpen auch keine „Spottpreise“ mehr. Die Händler haben sich den allgemeinen Preisen für Zuchthunde angepasst. „Teilweise kriegt man noch billige Hundewelpen, die vielleicht auch für 400 oder 500 Euro verkauft werden. Aber es gibt auch Welpen, die für 2.500 Euro illegal gehandelt werden. Am Preis kann man es mittlerweile nicht mehr festmachen“, spricht Jana Hoger aus Erfahrung. Für einen Laien sei es zudem meist schwer, solch ein illegales Angebot zu erkennen. Ein aufmerksamer Zeuge im Rhein-Neckar-Kreis konnte jedoch einen illegalen Welpenhandel aufdecken.

Welpen oft in katastrophalen Zustand: Krank, verwurmt und verängstigt

Wer sich jedoch solch einen illegal gehandelten Welpen anschafft, den erwartet oft eine böse Überraschung. Anfangs ist es den kleinen Hunden nicht anzusehen, doch sie kommen meist schon sterbenskrank nach Deutschland. Wenn sie beschlagnahmt werden, landen die Tiere in Tierheimen, wo sie weiterbehandelt werden. Auch das Tierheim Stuttgart nimmt solche Tiere auf. „Es vergeht kein Monat, in dem nicht so ein Tier aus illegalem Handel bei uns landet“, sagt Tierheimleiterin Marion Wünn auf Anfrage von BW24. „Bei uns kommen sie dann erst einmal in Seuchenquarantäne und bleiben zwischen sechs Wochen und einem halben Jahr dort, je nachdem, aus welchem Herkunftsland sie stammen“, erklärt Marion Wünn.

In der Hälfte aller Fälle befänden sich die Tiere in einem katastrophalen Zustand. „Es gibt Fälle, da sind die Tiere schon fast am Sterben, wenn sie zu uns kommen“, sagt die Tierheimleiterin. Krankheiten, Parasiten, Unterernährung - die Tierschützerin hat in ihrer Laufbahn schon alles erlebt. Besonders im Gedächtnis ist ihr eine Beschlagnahmung im April 2018 geblieben: 93 Hundewelpen und 21 Katzen wurden zufällig bei einer Verkehrskontrolle auf der A8 bei Leonberg entdeckt. Die Tiere sollten illegal nach Spanien geschmuggelt werden. Der Schmuggel scheiterte, die Tiere kamen ins Stuttgarter Tierheim. Die Tierschützer kamen dabei beinahe an ihre Grenzen.

Auch in Stuttgart versuchen Händler aus dem Ausland ihre Tiere an den Mann zu bringen. Häufig sind die Welpen viel zu jung, um von der Mutter getrennt zu werden.

Neben den üblichen Krankheiten und Parasiten haben die beschlagnahmten Tiere meist noch andere Probleme im Gepäck. Nicht selten stammen die Welpen aus sogenannten „Qualzuchten“. Die Muttertiere haben dort lediglich einen Zweck: Welpen produzieren. Können sie diesen Zweck irgendwann nicht mehr erfüllen, werden die Hündinnen aussortiert, oftmals auch getötet. Die Welpen werden dann im Internet angeboten. Solche „Rassehunde“ sind größtenteils krank, nicht sozialisiert und werden häufig viel zu früh von der Mutter weggenommen. Langen Transporte bedeuten für die sowieso schon geschwächten und angeschlagenen Welpen eine zusätzliche Tortur.

Tierschützer mahnen: „Mit dem Kauf eines solchen Tieres macht man sich schuldig“

Wie man solch einen Handel unterstützen kann, ist für Marion Wünn ein Rätsel. „Viele wollen für ein Tier so wenig Geld wie möglich ausgeben“, ärgert sie sich. „Doch oft geht der Schuss nach hinten los.  Bei Tieren aus Massenvermehrungen sind Krankheiten vorprogrammiert.“ Hohe Tierarztrechnungen sind die Folge. „Da wurde dann wirklich an der falschen Stelle gespart.“ Die meisten entsorgen das Tier dann - wenn es Glück hat, wird es im Tierheim abgegeben. Was viele Käufer außerdem nicht bedenken: Manche Krankheiten sind auch auf den Menschen übertragbar, etwa gewisse Arten von Wurmbefall. „Wer solch einen Hund kauft, holt sich im schlimmsten Fall auch noch Krankheiten ins Haus“, sagt auch Jana Hoger von PETA.

Doch nicht alle Menschen schrecken die Horrornachrichten über die illegal gehandelten Welpen ab. „Mit dem Kauf eines solchen Tieres macht man sich schuldig“, mahnt Marion Wünn. „Die Nachfrage kurbelt das Geschäft an. Jeder, der ein Tier von diesen dunklen Kanälen kauft, ist mitverantwortlich für das Tierleid, das den Zuchthündinnen oder auch anderen Welpen widerfährt. Dessen muss man sich bewusst sein.“ Dem stimmt auch Jana Hoger zu. „Wir raten auch von jedem Mitleidskauf dringend ab. Man sollte die Polizei einschalten und auf keinen Fall diesen Handel unterstützen.“

Ebay im Austausch mit PETA: Onlinehändler geht gegen Qualzuchten vor

Eine positive Entwicklung gibt es allerdings. Immer mehr Verkaufsplattformen engagieren sich, um illegale Verkäufe zu stoppen. Ebay Kleinanzeigen etwa steht im Austausch mit PETA und hat bereits Inserate von Qualzuchten, wie etwa der Französischen Bulldogge, von seiner Seite verbannt. Bei Inseraten von Tieren weist die Seite auch darauf hin, verantwortungsvoll bei der Tiervermittlung zu sein. Doch nicht jede Plattform zeigt sich einsichtig, einige stellen sich laut Jana Hoger auch quer. Der Grund: Sie verdienen ebenso an den Inseraten wie die illegalen Händler.

Diese traurigen Augen sprechen Bände: PETA rettete im September zwei Labradorwelpen in Stuttgart. Sie sollten für je 1.500 Euro verkauft werden.

„Wir sehen von allen Seiten: Es muss politisch etwas passieren. Die Menschen, die solche Tiere kaufen, müssen mit in die Verantwortung gezogen werden, aber auch die Internetplattformen“, sagt Jana Hoger. „Wir als Tierschützer würden uns natürlich wünschen, dass der Onlinehandel mit gezüchteten und vermehrten Tieren so nicht mehr stattfinden darf. Gerade von großen Plattformen würden wir uns wünschen, dass auf die Vermittlung von Tierschutztieren umgestellt wird. So könnten Tierheime die Möglichkeit bekommen, ihre Vierbeiner auf den Seiten zu präsentieren.“

In Welpenrettung „fließt viel Zeit, Geld und Liebe rein“ - So können Sie helfen

Bis sich dabei etwas tut, kümmert sich der Tierschutzverein Stuttgart weiterhin darum, die beschlagnahmten Welpen wieder fit zu kriegen. „Da fließt viel Zeit, Geld und Liebe rein“, sagt Tierheimleiterin Marion Wünn. Auch aktuell ist das Tierheim Stuttgart wieder gut ausgelastet. Etwa 700 Tiere werden dort momentan betreut. Durch die Abgaben vieler Igel hat sich die Zahl wieder leicht erhöht. 60 Igel werden in Stuttgart gerade aufgepäppelt.

Über Unterstützung freut sich das Tierheim daher immer. Wer helfen möchte, kann dies zum Beispiel über eine Spende tun. Hier zählt jeder noch so kleine Betrag.

Spenden für den Tierschutzverein Stuttgart und sein Tierheim

Tierschutzverein Stuttgart und Umgebung e.V.
BW Bank
IBAN: DE37 6005 0101 0002 9201 57
BIC: SOLADEST600

Oder Sie spenden 5 Euro pro Anruf (nur aus dem deutschen Festnetz) an den Tierschutzverein Stuttgart: 0 900 1 44 33 66

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