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Homeoffice ist ein absolutes Muss für Firmen mit Weitblick - wenn es die Arbeit ermöglicht

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Von: Sina Alonso Garcia

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Homeoffice
Seit Mai gibt es in Deutschland die Homeoffice-Pflicht offiziell nicht mehr. Dass Firmen ihre Mitarbeiter jetzt wieder verstärkt zwanghaft in die Büros pfeifen, ist aus Sicht von BW24-Redakteurin Sina Alonso Garcia aber falsch. © Uwe Anspach/dpa

Seit der Pandemie ist Homeoffice aus der Arbeitswelt nicht mehr wegzudenken. Trotzdem gibt es Firmen, die wieder auf Präsenz pochen - obwohl es die Tätigkeit nicht erfordert. Ein Kommentar.

Stuttgart - Lange war es ein Credo in vielen Unternehmen: „Homeoffice - das ist bei uns nur bedingt möglich“, hieß es da. Eine weit verbreitete Annahme: Sind die Angestellten nicht mehr in Sichtweite, hören sie auf, richtig zu arbeiten und machen sich ein schönes Leben. Und sowieso hieß es oft: „Die technischen Voraussetzungen haben wir leider nicht.“ Als uns dann Anfang 2020 die Corona-Pandemie überrollte, ging alles plötzlich überraschend schnell. Von einem auf den anderen Tag schickten die ewig Gestrigen ihre Mitarbeiter ins Homeoffice. Man stellte fest: So kompliziert wie oftmals behauptet, war es dann doch nicht.

Nach mehr als zwei Jahren Pandemie sind zwischenzeitlich viele Arbeitgeber wieder zur Tagesordnung übergegangen. Seit Ende Mai 2022 besteht laut Bundesregierung offiziell keine Homeoffice-Pflicht mehr. „Bei uns ist jetzt wieder Anwesenheitspflicht“, hört man aus vielen Betrieben. Natürlich gibt es Bereiche, in denen es gar nicht anders geht. Jemand, der im Handwerk, im Erziehungswesen oder in der Gastronomie tätig ist, kann das schlecht von Zuhause aus machen. Aber: Auch einige Schreibtischtäter müssen jetzt wieder nonstop in ihrer Firma präsent sein. Ich frage mich: warum? Wer ein bestimmtes Pensum hat, das er am Computer abarbeitet, kann dies doch gut messbar auch in seinen eigenen vier Wänden tun. Gleichzeitig spricht nichts dagegen, den ein oder anderen Pflichttag in der Woche festzulegen, an dem das Team vor Ort zusammenkommt.

Homeoffice: Anwesenheit mit Produktivität gleichzusetzten, ist ein fataler Trugschluss

Dass viele Unternehmen die Anwesenheit mit Produktivität gleichsetzen, ist ein fataler Trugschluss. Gerade in Jobs, die Konzentration und Ruhe erfordern, ist ein Großraumbüro alles andere als förderlich. Insbesondere Menschen, die sensibel auf Außenreize reagieren, liefern unter Umständen deutlich bessere Ergebnisse im Homeoffice. So müssen sie nicht ständig mit hoher Lautstärke, Ablenkung und Reizüberflutung kämpfen. Auch Pendler, die eine lange Anfahrt haben, können durch Homeoffice enorm entlastet werden. Zudem tut es der Umwelt gut, wenn die Autos mal in der Garage bleiben.

Was einige Firmen vermutlich nicht auf dem Schirm haben: Durch die bornierte und rückständige Forderung nach Dauerpräsenz vergraulen sie potenzielle Bewerber. Für viele junge Menschen ist es mittlerweile ganz normal geworden, einige Tage in der Woche von daheim aus zu arbeiten. Und das aus gutem Grund. In einer Gesellschaft, die einem dauerhaft Leistung abverlangt, ist man froh, wenn man Zeit hat, in der Mittagspause mal eben die Wäsche zu machen oder abends noch direkt einkaufen zu fahren, anstatt nach dem Büro erst um 20 Uhr Zuhause zu sein. Zudem gibt es Tage, an denen man schlecht geschlafen hat, kränkelt oder sich elend fühlt. Statt sich krankzumelden, möchte man dann vielleicht lieber die Option nutzen, daheim zu bleiben und seine Aufgaben in Ruhe abzuarbeiten.

Homeoffice: Wieso macht man es Arbeitnehmern so schwer und lässt sie nicht selbst entscheiden?

Ganz klar: Es gibt Positionen, in denen man auf jeden Fall häufiger präsent im Unternehmen sein sollte als die Kollegen. Als Führungskraft wäre es tatsächlich sonderbar, wenn man alle paar Schaltjahre mal hereinschneit und sich im Homeoffice vergräbt. Wichtige Absprachen und Organisatorisches sind häufig gar nicht anders lösbar als in Präsenz. Dennoch: Jemand, der in der Hierarchie nicht ganz oben steht und eher im Stillen seine Aufgaben abarbeitet, hat in der Regel wenig davon, wenn er Tag für Tag anwesend ist, obwohl er keine repräsentativen oder operativen Aufgaben vor Ort hat.

Jetzt, da die Corona-Infektionszahlen wieder in die Höhe schießen, sollte wirklich kein Arbeitnehmer, bei dem es nicht wirklich nötig ist, gezwungen werden, immer anwesend zu sein. Fast jeder dritte Beschäftigte sorgt sich vor einer Corona-Ansteckung am Arbeitsplatz, wie eine Umfrage ergeben hat. Wieso macht man es Menschen, die sich vor einer Infektion fürchten, so schwer, und lässt sie nicht einfach selbst entscheiden, ob sie ins Büro kommen wollen oder nicht?

Unternehmer der alten Schule haben ein überholtes Bild von Homeoffice

Unternehmensführer der alten Schule - wie etwa Trigema-Chef Wolfgang Grupp - haben meiner Meinung nach ein überholtes Bild von Homeoffice. So sagte Grupp kürzlich, man „verlustiert sich Zuhause nur noch“. Die Aussage bringt mich einerseits zum Schmunzeln, da sie ein sehr deutliches Bild von altbewährten Strukturen und Ansichten zeigt. Andererseits halte ich sie für absolut nicht zutreffend.

Im Gegenteil: Ich kenne genug Menschen, die sich auch im Büro „verlustieren“. Es gibt Kandidaten, die mehr Zeit an der Kaffeemaschine verbringen als an ihrem Rechner. Ob jemand gewissenhaft arbeitet, hat weniger mit dem Ort des Arbeitens zu tun als mit seiner Arbeitsmoral. Mein Appell an Firmenchefs, die so denken wie Wolfgang Grupp: Hört auf mit euren veralteten Predigten über Präsenz und lasst die Leute im Homeoffice arbeiten. Andernfalls habt ihr eine wichtige Entwicklung verschlafen und braucht euch nicht wundern, wenn ihr keine Bewerber mehr an Land zieht.

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