Folgen für Spielervermarktung

Coming-out im Fußball: Nicht die Fans sind das Problem, sondern die Manager - laut Expertin

Diversity-Expertin Tatjana Eggeling neben einer Regenbogenflagge auf dem Fußballfeld
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Diversity-Expertin Tatjana Eggeling ist überzeugt, dass vor allem Manager im Fußball ein Coming-out von Spielern erschweren.
  • Sina Alonso Garcia
    VonSina Alonso Garcia
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VfB-Vorstandschef Thomas Hitzlsperger könnte sich ein kollektives Coming-out wie zuletzt in der katholischen Kirche auch im Profifußball vorstellen. Eine Diversity-Expertin sieht jedoch Hürden.

Stuttgart - Das Coming-out von 125 Priestern und Beschäftigten der katholischen Kirche hat in der Öffentlichkeit viel Zuspruch erhalten. Geht es nach Ex-Fußball-Profi und VfB-Vorstandschef Thomas Hitzlsperger, könnte das Gruppen-Coming-out ein Vorbild für seine Branche sein. Mit seinem eigenen Coming-out kurz nach seiner Profi-Karriere im Jahr 2014 steht Hitzlsperger bislang alleine auf weiter Flur. „Ein Gruppen-Coming-out queerer Fußballer könnte ein gutes Modell sein, um den Druck von den Einzelnen wegzunehmen“, sagte der Vorstandschef des VfB Stuttgart im ARD Morgenmagazin. Allerdings müsse jeder Einzelne für sich mit den Folgen klarkommen, die diese in der Öffentlichkeit bedeuten.

Welche Folgen ein Outing im Profifußball haben könnte, weiß Diversity-Expertin Tatjana Eggeling. „Natürlich könnte ein Coming-out sehr ermutigend sein“, so die promovierte Kulturwissenschaftlerin gegenüber BW24. „Ein Knackpunkt könnte sein, wenn die Fußballer nach dem Coming-out wieder in ihre Vereine zurückgehen.“ Mit dem kollektiven Coming-out der Priester und Mitarbeiter der Kirche sei ein solcher Schritt im Profifußball schwer vergleichbar. „Kirchen-Angestellte besitzen eine ganz andere Relevanz für die Öffentlichkeit als Profi-Fußballer“, gibt sie zu bedenken.

Diversity-Expertin: „Manager raten ihren Spielern von einem Coming-out ab“

Während Eggeling die Fans weniger für ein Problem hält, glaubt sie, dass besonders die internationale Vermarktung der Profis durch ein Coming-out in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. „Die meisten Managements raten ihren Spielern von einem Coming-out ab, da sie dann womöglich nicht mehr in bestimmte Länder verkauft werden können“, so die Expertin. Zudem fehle es im Fußball an Strukturen, die homosexuellen Spielern bei einer Vorbereitung des Coming-outs helfen könnten.

Thomas Hitzlsperger könnte sich vorstellen, dass sich mehrere Profifußballer gemeinschaftlich outen.

„Natürlich wäre ein kollektives Coming-out ein tolles Signal“, sagt Eggeling. „Aber der Weg dahin ist schwierig. Die betreffenden Spieler müssten sich erst zusammenfinden, um so etwas aufzuziehen.“ Zwar halte sie ein Gruppen-Outing in der Fußball-Bundesliga keinesfalls für unwahrscheinlich. Allerdings sehe sie große Hürden. Ein Coming-out sei immer ein individueller Prozess. Zwar würde es mit Sicherheit auf lange Sicht hin vielen Menschen nutzen, doch die Reaktion des Umfelds könne man als Betroffener im Voraus nie vollständig einschätzen.

Diversity-Expertin Dr. Tatjana Eggeling

Tatjana Eggeling stammt ursprünglich aus Nürtingen (Baden-Württemberg) und wohnt aktuell in Berlin. Die Kulturanthropologin ist Expertin für Diversity mit Schwerpunkt sexuelle Orientierung/sexuelle Identität und berät Menschen zum Thema „Vielfalt leben“ in Sport und Arbeitswelt. Wer Bedarf hat, über das Thema zu sprechen, dem vermittelt unsere Redaktion gerne ihren Kontakt.

Thomas Hitzlsperger: Einziger bislang geouteter Ex-Profi-Fußballer in Deutschland

„Symbolische Zeichen für mehr Vielfalt im Profi-Fußball gibt es viele - beispielsweise bunt beleuchtete Stadien wie die Allianz- oder die Mercedes-Benz Arena“, so die Expertin. Dennoch sei Thomas Hitzlsperger bislang der einzige hochklassige Ex-Spieler aus der Bundesliga, der sich geoutet hat. „Selbst ehemalige Spieler, die mittlerweile als Manager arbeiten, outen sich nicht, weil sie denken, ihre sexuelle Orientierung wäre nicht kompatibel mit der Männer-Fußball-Branche“, sagt Eggeling. Gerade das Beispiel Hitzlsperger mache jedoch deutlich, dass man als homosexueller Fußballer auch nach der Karriere in der Branche arbeiten und erfolgreich sein kann.

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