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Stuttgart: Feuerwerkshändler ringen nach Böllerverbot um Existenz - „Politik hat es versaut“

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Von: Sina Alonso Garcia

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Verkauf von Feuerwerk
Bereits das zweite Jahr in Folge dürfen Händler ihr Feuerwerk nicht mehr an Privatleute verkaufen. Die Branche ist erschüttert (Symbolbild). © Christophe Gateau/dpa

Mit dem erneuten Feuerwerksverbot zu Silvester steht die Pyro-Technik-Branche vor dem Aus. Händler und Hersteller aus der Region Stuttgart kämpfen um ihr Überleben.

Stuttgart - Joschi Glootz, Geschäftsführer der „Pyro-Piraten“ in Stuttgart, kann es nicht glauben: Bereits das zweite Jahr in Folge verhängt die Bundesregierung ein Verkaufsverbot für Feuerwerkskörper - und versetzt damit einer gesamten Branche den Todesstoß. Seit 2014 hat Glootz in mühevoller Arbeit seine Pyro-Piraten hochgezogen und viel Herzblut in das Unternehmen gesteckt, das er nebenberuflich betreibt. „2020 hätte unser Unternehmen sich erstmals rentiert - dann kam Corona“, erklärt Glootz gegenüber BW24. „Schon im vergangenen Jahr standen wir kurz vor der Insolvenz. Dass die Bundesregierung 2021 erneut ein Verbot für den Verkauf von Feuerwerk verhängt, hat mich extrem enttäuscht. Die Politik hat es versaut.“

Mit Sorge blickt auch Valentin Schuster, Inhaber der „Sprengwerk-Pyrotechnik“ mit Sitz in Remshalden (Rems-Murr-Kreis) auf die Entwicklungen. „Ich habe den Braten schon gerochen“, sagt er. Schon im Frühjahr habe er „innerlich die Reißleine gezogen“ und seine Produktion heruntergeschraubt. „In der Politik hat die Pyrotechnik-Branche absolut keine Lobby.“ Seit Jahren finde eine Art „Hexenjagd“ auf die Branche statt, die auf falschen Tatsachenbehauptungen beruhe. Für seinen Sechs-Mann-Betrieb sieht er nur noch eine Chance: „Auswandern oder Dichtmachen.“ Auf die Politik vertraue er schon lange nicht mehr.

„Wir bereiten uns das ganze Jahr auf den Silvesterverkauf vor“, sagt Joschi Glootz von den Pyro-Piraten. „90 Prozent unserer Umsätze machen wir im Dezember.“ Nun, da der Feuerwerksverkauf in Deutschland untersagt ist, würden sich viele Menschen im Ausland mit Raketen und Böllern eindecken. „Soweit ich weiß, ist der Verkauf von Feuerwerk nur in Deutschland verboten. Überall anders - in Polen, Tschechien, Österreich - darf es weiterhin verkauft werden.“

Stuttgarter Händler warnen: „Leute werden sich im Ausland mit illegalem Feuerwerk eindecken“

Man müsse sich einfach die Frage nach „Sinn und Unsinnigkeit der Regeln der Bundesregierung stellen“, findet Glootz. Er selbst hält es für sinnfrei, dass die Leute jetzt ins Ausland fahren und sich dort Silvesterfeuerwerk kaufen. Ähnlich sieht es auch Christoph Gohl, Inhaber eines Fachhandels für Feuerwerksartikel in Stuttgart. „Wenn die Leute anfangen, sich im Ausland mit illegalem Feuerwerk einzudecken, darf sich die Politik gerne die vielen Verletzten, die wir dann haben, auf die Fahnen schreiben“, bemerkt er zynisch. „Während die deutschen Händler kaputtgehen, sprengen sich die Leute dann in Zukunft mit illegalem Feuerwerk aus Osteuropa die Finger weg.“

Zwar hat die Bundesregierung den Pyrotechnikern einst Überbrückungshilfen für die finanziellen Ausfälle in der Corona-Pandemie versprochen. Davon scheint bei den allermeisten jedoch nichts angekommen zu sein. „Wir haben für den Umsatzverlust durch den weggebrochenen Feuerwerksverkauf, wie viele Händler auch, keinen einzigen Euro bekommen“, erklärt Christoph Gohl. „Da kann ich für alle Pyrotechniker sprechen, die ich kenne.“ Gohl, der sein Unternehmen hauptberuflich betreibt, hat zwar keine Überbrückungshilfen für den Ausfall der Feuerwerks-Verkäufe bekommen, dafür aber im Bereich Veranstaltungstechnik. „Normalerweise organisieren wir 30 bis 40 Feuerwerke auf Hochzeiten, Stadtfesten und Feiern. Dieses Jahr war es gerade mal ein einziges Feuerwerk“, sagt Gohl. Die Veranstaltungstechnik macht bei ihm in normalen Jahren die Hälfte seines Umsatzes aus.

Valentin Schuster, Inhaber von Sprengwerk-Pyrotechnik in Remshalden, empfindet die Überbrückungshilfen als „Augenwischerei“ der Politik. „Ich habe mit meinem Unternehmen im Jahr 2020 zwar Überbrückungshilfen erhalten, davon muss ich aber zwei Drittel wieder zurückzahlen. Das ist ein Witz und rechnet sich keinen Meter.“ Die Politik müsse jetzt gegensteuern, sonst sehe er schwarz für die Branche.

„Davon erholt sich die Branche nie wieder“ - Pyro-Techniker ringen vergeblich um Finanzspritze

„Wenn wir dieses Jahr im Bereich Feuerwerksverkauf erneut keinen Umsatz machen, werden wir unsere Abteilung nach fast 25 Jahren schließen müssen“, sagt Christoph Gohl tonlos. „Und nicht nur wir - davon erholt sich die ganze Branche nie wieder.“ Zahlreiche seiner Kollegen aus der Pyrotechnik hätten versucht, an den Topf für die Überbrückungshilfen vom Bund zu kommen - vergeblich. Während er von der Politik keinerlei Entgegenkommen spüre, sei die Anteilnahme von Bürgern immens: „Wir bekommen täglich sehr viele Anrufe von Menschen, die uns ihren Frust über das Verbot mitteilen“, so der Händler.

„Ein Argument, das in der Debatte um das Böllerverbot aktuell immer wieder genannt wird, ist die angebliche Überlastung der Notaufnahme an Silvester durch Feuerwerksverletzungen“, sagt Gohl. „Unsere Branche hat jedoch Zahlen zusammengetragen, die belegen, dass Feuerwerk nur einen verschwindend geringen Anteil ausmacht. Viel häufiger liegen Menschen an Silvester wegen Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie Schlägereien in der Notfallaufnahme.“ Laut des Interessenverbands der Pyroindustrie (VPI) hängen nur fünf Prozent aller Krankenhausbesuche zum Jahreswechsel mit Feuerwerk zusammen.

Abgabeverbot von Silvesterfeuerwerk 2020 und 2021

Im Dezember des Jahres 2020 führte die Annahme der Politik, Unfälle mit Feuerwerkskörpern könnten die Intensivstationen so sehr belasten, dass eine Behandlung von Covid-19-Patienten unmöglich wird, zu einem landesweiten Abgabeverbot von Silvesterfeuerwerk. Für 2021 wurde aus demselben Grund erneut ein Verbot in die Wege geleitet.

Neben der Verletzungsgefahr argumentiert die Politik häufig auch mit der Umweltverschmutzung gegen den Verkauf von Feuerwerk. „Da wird gerne ein völlig übertriebenes Bild gezeichnet“, meint Gohl. „Man muss das Ganze auch mal ins Verhältnis setzen.“ Der Bundesverband Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk (BVPK) hat ausgerechnet, wie schmutzig das Feuerwerk wirklich ist: Demnach macht Silvesterfeuerwerk lediglich 0,7 Prozent des Feinstaubs eines Jahres aus. „Es ist lange nicht so schlimm, wie das Umweltbundesamt es darstellt - die haben tatsächlich auch ihre Zahlen nochmal korrigiert, nachdem sie die Berechnungen gesehen haben“, sagt Christoph Gohl.

Branche entkräftigt Umwelt-Argument: „Beitrag von Feuerwerk zum Klimawandel verschwindend gering“

„Die fossilen CO2-Emissionen aus Feuerwerk entsprechen einem Anteil von nur 0,00013 Prozent an den jährlich in Deutschland ausgestoßenen Treibhausgasen“, schreibt der BVPK. „Der Beitrag von Feuerwerk zum Klimawandel ist damit verschwindend gering.“ Da Feinstaub kein Treibhausgas sei, gebe es keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Schwebeteilchen und Erderwärmung.

„Um sich die Dimensionen mal deutlich zu machen: Eine ganze Europalette voll Feuerwerk verursacht so viel Feinstaub wie ein großer Sack Holzkohle zum Grillen“, sagt Gohl. „Genau die Leute, die immer laut rufen: Feuerwerk abschaffen, denken oft nicht daran, dass man, wenn man nach dieser Logik argumentiert, zuvor erstmal Dinge wie Autofahren oder Kreuzfahrten abschaffen müsste. Aber darauf wollen viele dann auf einmal doch nicht verzichten.“

Branche der Pyrotechnik vor dem Aus: 3.000 Jobs bedroht

Nicht nur die Pyrotechniker stehen jetzt vor einem Scherbenhaufen. „Die Einbrüche betreffen die gesamte Veranstaltungsbranche inklusive Veranstaltungstechnik“, betont Christoph Gohl. Alarmiert über die aktuellen Entwicklungen in Deutschland zeigt sich auch der Interessenverband der Pyro-Industrie (VPI): „Mit dem zweijährigen Verbot von Feuerwerk stehen 3.000 Beschäftigte nun endgültig vor dem Aus“, schreibt der Verband. Auch in Frankfurt ringt ein Familienunternehmen wegen des Böllerverbots um seine Existenz, wie unser Partnerportal fnp.de* berichtet.

Die Pyrotechniker sind sich einig: Zu Unrecht wird die Vielfalt pyrotechnischer Effekte oftmals nur auf „das Böllern“ reduziert. „Feuerwerk ist nicht nur laut, sondern ebenso farbenfroh, verspielt und elegant“, schreibt der BVPK. Auch für Joschi Glootz, Betreiber der Pyro Piraten in Stuttgart, ist Feuerwerk kein stumpfes „Herumgeböllere“, sondern eine Leidenschaft. „Ich habe in meine Feuerwerke unglaublich viel Energie reingesteckt. Aber es hat sich immer gelohnt: Denn die Energie kam stets wieder zurück, wenn man Menschen dadurch eine Freude machen konnte - und diese Dankbarkeit habe ich sehr, sehr oft gespürt.“ Gerade bereite ihm jedoch „das, was die Regierung da abzieht“ Magenschmerzen.

Debatte ums Böllerverbot: Meinungen gehen auseinander

Die Debatte um das Feuerwerksverbot beschäftigt derzeit nicht nur die Industrie der Pyrotechniker. Eine kürzliche Umfrage von BW24 in der Stuttgarter Innenstadt zeigte, dass auch die Bürger sich Gedanken darüber machen. BW24-Autor Valentin Betz beschäftigte sich in einem Kommentar mit dem Thema und befürwortete ein Böllerverbot. Wie unsere Recherche zeigt, gibt es neben Argumenten, die für das Verbot sprechen, auch viele Argumente einer schwer getroffenen Branche, die einen ganz anderen Blickwinkel zeigen. Denn am Ende stehen und fallen mit dem Böllerverbot auch Einzelschicksale von Menschen, die ohne ihren Verkauf finanziell nicht mehr überleben können. *fnp.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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