Flucht vor dem Ukraine-Krieg

„Es ist schrecklich“ - Holocaust-Überlebender flüchtet nach Stuttgart

Boris Sabarko aus der Ukraine sitzt in seinem Zimmer.
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Borys Sabarko aus der Ukraine überlebte den Holocaust und musste nun aus seiner Heimat fliehen. In Stuttgart fand er Schutz.

Borys Sabarko aus der Ukraine überlebte den Holocaust. Jetzt muss der 86-Jährige mit ansehen, wie ein neuer Krieg seine Heimat zerstört. Ausgerechnet im Südwesten Deutschlands findet er nun Schutz.

Stuttgart (dpa/lsw) - Tränen, Blut, Zerstörung. Obwohl die Vergangenheit Borys Sabarko seit Beginn des Krieges in der Ukraine wieder einholt, wirkt der 86-Jährige gefasst. Als kleiner Junge überlebte er in dem Land den Holocaust. Noch vor wenigen Wochen hätte Sabarko es nicht für möglich gehalten, dass er sich 80 Jahre später wieder davor fürchten muss, in einem Krieg sein Leben zu verlieren.

«Es ist schrecklich», sagt Sabarko über den russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Sein Herz schmerze. «Menschen sterben, Häuser werden zerstört», sagt Sabarko, der auch Präsident der ukrainischen Vereinigung jüdischer ehemaliger Häftlinge der Ghettos und nationalsozialistischen Konzentrationslager ist. Die Industrie, die Städte, die wirtschaftliche Entwicklung - alles müsse wieder aufgebaut werden. «Wir hoffen, dass die Ukraine nicht besiegt wird.»

Flucht aus der Ukraine: Borys Sabarko und seine Enkelin finden Sicherheit in Stuttgart

Im Gegensatz zu vielen Landsleuten ist Sabarko inzwischen in Sicherheit. Er wohnt mit seiner Tochter und Enkelin in Stuttgart. «Meine Tochter hat gesagt: Du musst Deine Enkelin retten», sagt Borys Sabarko. Seiner Enkelin sei es furchtbar gegangen. Als der Krieg in der Ukraine begann, habe sie viel geweint und tagelang nicht schlafen können. Anfang März flüchtete er mit ihr nach Deutschland, seine Tochter folgte ein paar Wochen später. «Am Bahnhof waren Millionen von Menschen. Alle wollten aus Kiew raus.»

Als Ziel seiner Flucht wählte Sabarko Deutschland aus. Ausgerechnet das Land, das verantwortlich für den Holocaust gewesen ist. Von 1941 bis 1944 war er wegen Deutschland im Ghetto in Scharhorod (in der heutigen Ukraine) gefangen. Deutschland habe seinem Volk - dem jüdischen Volk - viel Leid angetan. «Wir erinnern uns daran. Wir werden es nie vergessen. Deutschland erinnert sich daran, und ich bin mir sicher, Deutschland wird es nie vergessen», erzählt der Historiker.

Deutschland habe aber seine Lehren aus der Geschichte gezogen. «Deswegen versuchen sie alles, und vieles haben sie bereits getan, um die Vergangenheit nicht zu wiederholen - damit es keinen Faschismus, keinen Antisemitismus wieder gibt, auch wenn er zur heutigen Zeit wieder aufkommt.» Deutschland sei für viele Länder ein gutes Beispiel, wie man aus einem Krieg als Verlierer hervorgehe, erzählt Sabarko.

Letzte Generation, die den Holocaust erlebt hat, muss nun weitere Katastrophe erleben

Dass Russland den Krieg mit einer «Entnazifizierung» der Ukraine begründet, sei eine weit hergeholte Ausrede. «Natürlich ist das nicht wahr», sagt Sabarko. Stattdessen sei das ein Vorwand gewesen, um den Krieg zu beginnen. «Was sich Putin ausgedacht hat, stimmt weder mit der historischen noch mit der gegenwärtigen Wirklichkeit überein.»

86 Jahre alt ist Borys Sabarko. Das Alter sieht man aber ihm nicht an, obwohl er in seinem Leben schon viel Leid erfahren hat. Er habe viel Sport in seinem Leben gemacht. Basketball und Volleyball habe er gespielt. «Ich rauche und trinke nicht. Ich bin viel gereist - und ich bin kein zorniger Mensch», antwortet er auf die Frage, warum er noch so fit sei.

2009 wurde Sabarko das Bundesverdienstkreuz verliehen. Er ist Autor von 260 Büchern und Artikeln. Vieles handelt vom Holocaust in der Ukraine und dem Antifaschismus. «Das ist nicht nur für die ukrainischen Menschen, das ist auch für die deutschen Menschen», sagt Sabarko. Er habe mit vielen Deutschen über den Holocaust gesprochen. «Wir sind die letzte Generation, die den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust überlebt hat. Leider müssen wir, die letzte Generation, am Ende unseres Lebens eine weitere Katastrophe erleben», sagt Sabarko.

Borys Sabarko flüchtete nach Stuttgart, weil er dort Verwandte hat

Das Leben als Holocaust-Überlebender in der ehemaligen Sowjetunion sei schwierig gewesen. «In der sowjetischen Zeit haben wir keinen großen Lohn erhalten.» Damit gebe es auch nur eine geringe Pension. «Im Westen hingegen konnten die Holocaust-Überlebenden etwas erreichen.»

Nach Angaben der Claims Conference lebten vor dem Krieg rund 10 000 Holocaust-Überlebende in der Ukraine. Die Organisation mit ihrer Zentrale in New York setzt sich für die materielle Entschädigung von Betroffenen ein. Es sei unklar, wie viele Holocaust-Überlebende bisher geflohen seien, sagt eine Sprecherin. Die meisten würden allerdings vor allem wegen ihrer Verwandten vor Ort nach Israel und auch nach Deutschland kommen.

Auch Sabarko flüchtete nach Stuttgart, weil er dort Verwandte hat. Außerdem habe er hier viele Freunde und Bekannte. Seine Nichte lebt seit 1991 in der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Doch Sabarkos Heimat ist und bleibt die Ukraine. Er habe nicht weggewollt. «Ich hoffe, dass ich bald wieder zurückkehren kann. Aber ich kann keine Prognose machen, weil ich nicht weiß, wie es weitergeht.» (Von Christian Johner und Eduard Ebert, dpa)

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